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04/08/2017 20:22 CEST | Aktualisiert 05/08/2017 07:02 CEST

100 mal gefährlicher als Heroin: Behörden in Europa warnen vor neuen Superdrogen

STRINGER Mexico / Reuters
Behörden in Europa warnen vor neuen Superdrogen - viel gefährlicher als Heroin

  • Europäische Behörden warnen vor einer Superdroge: Fentanyl

  • Neben dem bekannten Produkt breiten sich neue Derivate aus

  • Ihre Wirkung ist unvorstellbar stark

Wenn Heroin eine Horrordroge ist, dann gibt es schlicht kein Wort für die Droge, vor der Experten in den USA und Europa jetzt warnen: Fentanyl.

Der Stoff wirkt etwa 100 Mal stärker als Heroin. Und neue Abwandlungen davon, sogenannte Fentanyl-Derivate, könnten noch einmal unvorstellbare 1000 Mal stärker sein, sagt Olaf Ostermann von der Münchner Drogenhilfe Condrobs der HuffPost.

Fentanyl - eines der stärksten Schmerzmittel der Welt

Fentanyl wird schon lange in der Medizin eingesetzt. Das Opioid wird als Narkotikum in der Klinik und auf Pflastern für Menschen mit extremsten Schmerzen eingesetzt – etwa bei Krebspatienten. Es wirkt etwa 50 bis 100 Mal stärker als Morphin. Laut Arzneiverordnungsreport 2016 ist Fentanyl das am meisten verordnete stark wirkende Opioid.

Schon kleine Mengen Fentanyl können tödlich wirken. Es verlangsamt die Atmung extrem, trotzdem verspüren die Konsumenten keine Atemnot. Sie ersticken also, ohne es richtig mitzubekommen. Außerdem kann das Mittel zum Herz-Kreislauf-Stillstand führen.

Darüber hinaus macht der Stoff schnell süchtig, körperlich und psychisch.

Europäische Behörden warnen

Die National Crime Agency in Großbritannien warnte kürzlich, dass Fentanyl jetzt auch den Heroin-Markt in Großbritannien erobert habe; Heroin werde damit versetzt. Innerhalb von acht Monaten sollen 60 Menschen daran gestorben sein. Prominentestes Opfer der Droge in den USA: der Sänger Prince.

prince singer

Der Sänger Prince (hier ein Foto von 1992) ist das prominenteste Fentanyl-Opfer. Foto: Reuters

In anderen Märkten ist der Stoff schon viel früher angekommen. Im Frühjahr 2016 wurde in der kanadischen Provinz British Columbia wegen einer Drogenepidemie der Gesundheitsnotstand ausgerufen. 60 Prozent der Drogentoten gingen auf das Konto von Fentanyl.

Die Europäische Drogenbeobachtungsstelle EMCDDA warnt in ihrem Report für 2017: "Es ist besorgniserregend, dass sowohl in Europa als auch in Nordamerika in jüngster Zeit hochpotente neue synthetische Opioide, vorwiegend Fentanylderivate, auf den Markt gekommen sind."

Die neuen Fentanyle spielten zwar derzeit eine untergeordnete Rolle auf dem Drogenmarkt – " sie sind jedoch hochpotent und stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für den Einzelnen und die öffentliche Gesundheit dar."

Und weiter: "Über das Frühwarnsystem gehen immer mehr Meldungen über Todesfälle und nicht tödliche Vergiftungen ein, die darauf schließen lassen, dass hochpotente synthetische Opioide in Europa zunehmend Probleme verursachen." Zu diesen Drogen gehören auch die neuen Fentanylsorten.

Fentanyl-Hochburg Deutschlands: München

In Deutschland ist Fentanyl noch lange nicht so weit verbreitet wie in manchen anderen Staaten. Aktuelle bundesweite Zahlen gibt es nicht. Im Jahr 2015 war Fentanyl am Tod von 87 Menschen schuld oder mitschuld. Das entsprach sieben Prozent der Drogentoten.

Im Lagebericht des Bundes zur Rauschgiftkriminalität hieß es allerdings, dass die wahren Fallzahlen höher liegen könnten. Fentanyl sei als Todesursache nur schwer festzustellen.

Während nach Angaben von Polizei und Drogenberatungen Fentanyl in Berlin und Hessen mit seiner Metropole Frankfurt nur in Einzelfällen eine Rolle spielt, gibt es einen Hotspot des Fentanyl-Missbrauchs in Deutschland: Bayern.

Dort starben laut Landeskriminalamt vergangenes Jahr 24 Menschen an Fentanyl, bei 49 Toten war Fentanyl mit im Spiel. In den Jahren zuvor lagen die Zahlen noch viel höher, es starben pro Jahr bis zu 70 Menschen an Fentanyl.

Olaf Ostermann von der Drogenberatung Condrobs kann nur mutmaßen, warum Fentanyl in Bayern offenbar so viel verbreiteter ist als anderswo. "Unsere Theorie ist, dass man in Bayern relativ schwer an Heroin herankommt", sagt er der HuffPost. Die Szene habe immer wieder auf andere Substanzen zurückgegriffen, in den 90ern auf Kodein, ab 2012 auf die berüchtigten "Badesalze".

"Das ist keine Droge, das ist eine Waffe" - und sie ist fatal billig

Außerdem ist Fentanyl billiger als Heroin. Ein Abhängiger, brauche etwa ein Gramm Heroin für rund 100 Euro pro Tag, sagt Ostermann. Moderne Fentanyl-Derivate sind im Internet für 30 Euro pro Gramm zu haben. Wer weiß, welches genau er haben will, findet es problemlos zum Bestellen. Mengenrabatt inklusive. Made in China, vermutet Ostermann.

Wer die Mixturen ausprobiert, riskiert den Tod. Die Stoffe sind so potent, dass schon winzigste Mengen zur Überdosis führen.

Wer in einem Forum liest, in dem sich Süchtige austauschen, liest Sätze wie: Die gewünschten Mengen kriege ein Privatmann nicht zuverlässig abgewogen. Man solle auf keinen Fall an der Waage sparen. Und: "Das sind Waffen, keine Drogen!" Es seien schon Menschen daran krepiert, die das Briefchen mit der Substanz nur geöffnet hätten.

Der Sud aus gebrauchten Pflastern

Die Fentanyl-Derivate, die überwiegend in Pulverform angeboten und von den Konsumenten zum Beispiel zu Nasenspray verarbeitet werden, sind auch für andere Menschen extrem gefährlich. Die EMCDDA warnt, dass Angehörige versehentlich etwas davon abbekommen könnten, oder auch Polizisten oder Sanitäter. Zöllner etwa müssten eine Schutzausrüstung tragen.

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Schon der Hautkontakt mit Fentanyl kann fatal sein. Davor müssen sich unter anderem Zollbeamte schützen, wenn sie nach Drogen suchen. Foto: dpa

In Bayern, sagt Olaf Ostermann, seien noch immer vor allem die Fentanyl-Pflaster im Umlauf. Offizielle Medizinprodukte, die sich Süchtige von Ärzten erschwindeln. Fentanyl wird auch über die Haut aufgenommen.

Süchtige kochen die Pflaster oder Teile davon auf und spritzen sich den Sud. Die Dosierung ist extrem schwierig – vor allem bei gebrauchten Pflastern, die sich Süchtige angeblich aus dem Müll holen oder Kranken abkaufen. Denn niemand weiß, wie der Wirkstoff auf dem Pflaster verteilt ist – und wie viel schon vom ersten Nutzer aufgenommen wurde.

Per Ärztehopping zur Droge

Betram Wehner von der Nürnberger Drogenberatung Mudra sagt der HuffPost, die Zeiten, in denen sich die Süchtigen die Pflaster aus dem Müll klaubten, seien allerdings vorbei. "Heute läuft das über Ärzte."

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Fentanyl kann über die Haut, über die Nasenschleimhaut oder übers Blut aufgenommen werden. Foto: Reuters

Zwar sind die Ärzte inzwischen informiert, doch noch im vergangenen Sommer etwa gelang es einem Reporter des Bayerischen Rundfunks innerhalb kurzer Zeit, durch den Besuch mehrerer Ärzte, das sogenannte Ärztehopping, an zwei Pflaster zu kommen.

Illegal produziert wird Fentanyl in Deutschland höchst selten, heißt es in einer Mitteilung der Bundesdrogenbeauftragten. Im Report 2015 wurde nur ein Versuch erwähnt, das Mittel zum Hausgebrauch herzustellen.

Viele neue Fentanyle in nur einem Jahr aufgetaucht

Die Fentanyl-Derivate zu verbieten, ist eine mühsame Angelegenheit.

Im Europäischen Drogenbericht heißt es, seit 2009 seien auf dem europäischen Drogenmarkt 18 neue Fentanyle aufgetaucht, davon acht erst im Jahr 2016. Und was nicht bekannt ist, ist erst einmal auch nicht verboten – und wird offiziell für einen völlig anderen Verwendungszweck verkauft. Wie die Badezusätze, in denen niemand badet.

Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat für zwei neue Derivate Anfang des Jahres eine Risikobewertung vorgenommen. Der erste Schritt zu Kontrolle und Verbot.

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(jg)

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