Die martialische Kopfschuss-Choreographie eines Fußball-Clubs zeigt, wie verdorben das politische Klima in Polen ist

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  • Mit einem martialischen Plakat haben Fans des Vereins Legia Warschau der Opfer der Nationalsozialisten gedacht
  • Das ist einerseits gelebte Erinnerungskultur - aber auch ein drastisches Zeichen für die gefährliche Ultranationalisierung Polens

Aus tausenden Kehlen schallt am Mittwochabend die polnische Nationalhymne durch das Stadion Marszałka Józefa Piłsudskiego. "Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben", singen die Fans des Vereins Legia Warschau, "was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen."

In der Fankurve des "Stadions der polnischen Armee", das nach dem Militär Józef Klemens Piłsudsk benannt ist, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die russische Fremdherrschaft auflehnte, prangt ein riesiges Transparent: Ein Wehrmachtssoldat, seine Pistole an den Kopf eines kleinen Jungen gepresst.

"1944" halten die Fans auf Plakaten hoch, und ein Banner: "Während des Warschauer Aufstands ermordeten die Deutschen 160.000 Menschen. Tausende waren Kinder." Der Schriftzug war in englischer Sprache verfasst, so dass man ihn auch im Ausland versteht.

Zum 73. Jahrestag der brutalen Niederschlagung des Aufstands ist das eine imposante Szene. Eine wichtige - wenngleich martialische - Erinnerung an die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten.

Und doch ist sie gleichzeitig ein Anzeichen dafür, wie verdorben das politische Klima in Polen ist.

Die Fans von Legia Warschau sind alles andere als links

Denn für die Ultras von Legia Warschau war ihre Aktion nicht bloß gelebte Erinnerungskultur - sondern gelebter Nationalismus.

Ein Nationalismus, der weit am rechten Rand fischt. Denn eigentlich, so stellten einige Nutzer auf Twitter fest, ist die Fankurve von Legia Warschau fest in der Hand von Faschisten.

Hackenkreuze und SS-Runen sind auf Fanutensilien keine selten gesehenen Symbole.

So wird aus dem Erinnern an die Warschauer Opfer der Nazis leider ein Politikum.

Eines, das in diesen Tagen nur zu gut nach Polen passt: Zu den Attacken der polnischen Regierung auf den Rechtsstaat, zur Gleichschaltung des Rundfunks und der Presse, zum überbordenden Nationalismus, der die ganze Gesellschaft zu verschlingen droht.

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Die polnische Regierung schafft ein neues altes Feindbild: Deutschland

Die polnische Vergangenheit spielt für die nationalkonservative Regierungspartei PiS dabei eine große Rolle. Neben Europa schafft sie derzeit ein neues altes Feindbild in Polen: Deutschland.

So gibt es 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Polen wieder Forderungen nach Reparationszahlungen aus Deutschland.

Und das, obwohl Polen im August 1953 in einer Erklärung auf weitere Zahlungen verzichtete, um damit "einen weiteren Beitrag zur Lösung der deutschen Frage im Geiste der Demokratie und des Friedens" zu leisten.

Die Regierung in Polen will davon nichts mehr wissen. "Es ist nicht wahr, dass Polen auf Reparationen verzichtet hat, die uns aus Deutschland zustehen", sagte Verteidigungsminister Antoni Macierewicz im Sender TVP Info.

Die Volksrepublik Polen vor 1989 sei wie die DDR ein von der Sowjetunion abhängiger Marionettenstaat gewesen, argumentierte Macierewicz. Der PiS-Politiker betonte: "Ohne jede Diskussion sind die Deutschen den Polen Kriegsreparationen schuldig."

Bis 11. August soll der wissenschaftliche Dienst des Sejm entsprechende Möglichkeiten prüfen. Dann könnte auf Deutschland eine hohe Forderung zukommen.

Schon unter dem damaligen Warschauer Bürgermeister Lech Kaczynski, dem verstorbenen Bruder des jetzigen PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski, waren die Kriegsschäden allein für die Hauptstadt auf 45,3 Milliarden US-Dollar beziffert worden.

Neue Belastungsprobe für die angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Polen

Die PiS geht also ganz offen auf Konfrontationskurs mit Deutschland. Die Frage, ob Reparationen nun moralisch gerechtfertigt sind, ist dabei eigentlich nebensächlich.

Es geht für die Bürger Polens vielmehr darum, wer ihre Vergangenheit bestimmen darf. Ob das Bild der Deutschen im Land einmal mehr das der Nazis und Schlächter wird. Oder ob es auch das Bild von Willy Brand bleibt, der vor dem Denkmal für die Opfer von Warschau niederkniete.

"Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben", heißt es in der polnischen Nationalhymne. Sie ist nicht nur die Hymne der Ultras und Faschisten von Legia Warschau, die Hymne der rechtsnationalen PiS - sie ist auch die der Europäer und Freiheitsdenker in Polen.

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Mit Material der dpa

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