Experten warnen: Warum ihr eure Kinder nicht zwingen solltet, still zu sitzen

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Was mit Kindern passiert, die gezwungen werden, still zu sitzen. | energyy via Getty Images
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  • Experten kritisieren: Erwachsene bremsen Kinder in ihrem natürlichen Bewegungsdrang
  • Damit nehmen sie den Kleinen die Möglichkeit, ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten zu verbessern
  • Sprüche wie 'Fall nicht hin! Mach dich nicht schmutzig’ gehören abgeschafft, sagt Ulrike Ungerer-Röhrich, Professorin für Sportwissenschaften

"Jetzt bleib endlich ruhig sitzen. Pass doch auf!“ Aber es ist zwecklos: Das Kind hält es nicht länger auf seinem Stuhl aus und läuft los. Auch im Einkaufszentrum reißt es sich von der Hand und rennt weg. Und immer, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, klettert es auf Bäume oder Mauern.

Jedenfalls versucht es, zu klettern und zu laufen. Aber wir Erwachsenen halten unsere Kinder davon ab – wir haben Angst, dass wir sie aus den Augen verlieren, dass ihnen etwas passieren könnte oder dass sie einfach negativ auffallen.

"Bewegung wird wegerzogen“

Dabei liegt der Bewegungsdrang bei Kleinkindern in der Natur, wie Sportwissenschaftler Klaus Bös, der sich intensiv mit der motorischen Entwicklung von Kindern auseinandergesetzt hat, der HuffPost erklärt: "Kinder können sich nur über Bewegung ausdrücken, das heißt, sie müssen sich so die Welt erschließen. Sie haben die Bedeutung der Wörter noch nicht erkannt und sind nicht an unsere Normen angepasst.“

Doch in unserer Gesellschaft gilt der natürliche Bewegungsdrang von Kindern als Störfaktor. Kinder sollten am besten immer still sitzen, dann kann ihnen nichts passieren und sie stören die Erwachsenen nicht.

Bös sagt: "Erwachsene bremsen die Kinder aus – Bewegung wird wegerzogen. Dabei brauchen nicht nur Kinder, sondern alle Menschen generell mehr Bewegung.“

Auch Ulrike Ungerer-Röhrich, emeritierte Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Bayreuth, ist der gleichen Ansicht: "Eltern hört man im Park oft sagen, wenn sie die ersten Schritte ihrer Kinder begleiten: 'Pass auf! Fall nicht hin!' Oder: 'Mach dich nicht schmutzig’. Solche Sprüche gehören abgeschafft. Man sollte die Kinder dagegen ermutigen und bestärken: 'Weiter so! Toll kriegst du das hin’“, sagt sie im Gespräch mit der HuffPost.

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Kinder sollten sich den ganzen Tag bewegen

Sportwissenschaftler Bös rät: Kinder sollten sich am besten den ganzen Tag bewegen – so lange, wie sie eben wollen.

Doch das ist oft nicht der Fall. Seit Jahren legen Experten Untersuchungen vor, die zeigen, dass Kinder zu wenig Bewegung bekommen. Laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts erreichen lediglich 27,5 Prozent der drei- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen die empfohlene Mindestaktivitätszeit der Weltgesundheitsorganisation von einer Stunde täglich.

Verantwortlich dafür machen die meisten Experten den Trend, dass sich Familien lieber Zuhause beschäftigen – mit Fernseher, Computer oder dem Smartphone - als raus zu gehen.

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Kinder erschließen sich die Welt über Bewegung. Credit: Gettystock

Die Ergotherapeutin Angela Hanscom schreibt in der HuffPost, dass sie durch Tests herausfand, wie schlecht es mittlerweile um die motorische Entwicklung von Kindern steht: "Nach einigen Tests stellten wir fest, dass die meisten Kinder im Klassenzimmer schlechte Grundkraft und Balance hatten.“

Sie führt weiter aus: "Um genau zu sein: wir verglichen die Daten der Kinder mit denen von Kindern Anfang der 1980er Jahre. Das Ergebnis: Nur eines von zwölf Kindern hatte normale Kraft und Balance. Nur eines! Oh mein Gott, dachte ich mir. Diese Kinder brauchen Bewegung!“

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Bewegung fördert die motorische und geistige Entwicklung

Denn Bewegung ist nicht nur für die motorische Entwicklung der Kinder wichtig – sie trainieren damit auch die Raumerfahrung, das Körperbewusstsein, das Koordinationsvermögen und den Gleichgewichtssinn. Außerdem fördert Bewegung den Stoffwechsel und die Entwicklung von Muskeln und Organen.

Auch das Gehirn profitiert davon: Bewegung steigert auch die Leistungs- und Lernfähigkeit von Kindern. So haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass ausreichende Bewegungsmöglichkeiten die kognitiven Fähigkeiten von Kindern verbessern.

Ungerer-Röhrich bestätigt: "Kinder, die sich ausreichend bewegen, sind später besser für kognitive Herausforderungen gerüstet. Zum Beispiel haben Untersuchungen gezeigt, dass Kinder, die nicht rückwärts gehen können, Probleme bei bestimmten Rechenaufgaben haben.“

Bei Untersuchungen in der Bayreuther Bewegungskrippe konnte gezeigt werden, dass die Kinder dort für ihre Schritte weniger Zeit brauchten, als eine vergleichbare Gruppe, die weniger Bewegungsförderung erhielt. Ungerer-Röhrich erklärt: "Man kann sagen, dass sie koordinativ besser entwickelt waren. Welche Langzeitfolgen das hat, können wir leider nicht sagen, denn dafür fehlen die Untersuchungsgelder.“

"Der Körper von Kindern ist heute schlechter aufs Lernen vorbereitet als jemals zuvor"

Dass Bewegung gesund und wichtig für die Entwicklung ist, ist an sich keine neue Erkenntnis – aber nur wenige handeln auch dementsprechend. Ergotherapeutin Hanscom warnt: "Wenn Kinder heute in die Schule gehen, ist ihr Körper schlechter aufs Lernen vorbereitet als jemals zuvor. Mit einem sensorischen System, das nicht richtig funktioniert, sollen die Kinder still sitzen und aufpassen.“

Sie fordert, dass Kinder über den Tag verteilt mehr Bewegung brauchen. Auch in der Kita werden Kinder ausgebremst wie Ungerer-Röhrich kritisiert: "Die Kinder dürfen im Flur nicht rennen und in Räumen nicht klettern. Natürlich muss man auf die Sicherheit der Kinder achten, aber man kann ein sicheres Umfeld schaffen, in dem die Kinder sich ausprobieren können.“

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Auch die Eltern sollten das Wochenende für Ausflüge nutzen und Kindern Bewegungsmöglichkeiten geben: " Man kann in der Wohnung Polster zum Herunterrutschen aufbauen oder Hocker zum Hindurchkrabbeln. Und man sollte zulassen können, dass Kinderhände und -füße auch mal Spuren hinterlassen."

Bös rät: "Drei- bis Sechsjährige muss man gar nicht anleiten, da muss man eher Situationen schaffen, damit sie sich frei bewegen können - und zum Beispiel zu einem Spielplatz gehen, der nicht nur eine Schaukel hat, sondern auch Geräte zum Ausprobieren. Man muss die Kinder einfach machen lassen, sie bewegen sich schon von allein. Kindern fällt ja immer was ein. Das Einzige, was man falsch machen kann, ist, sie zu bremsen."

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(ame)

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