Diese Menschen leben an den schmutzigsten Straßen Deutschlands - und haben eine klare Botschaft an die Politik

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  • Luftverschmutzung bedroht die Gesundheit hunderttausender Bewohner in deutschen Städten
  • Doch wie geht es eigentlich denjenigen, die täglich unter der schlechten Luft leiden?
  • Die HuffPost hat mit Menschen gesprochen, die an den dreckigsten Straßen des Landes leben

In deutschen Städten herrscht dicke Luft.

Auch wenn die Schadstoffbelastung seit den 1990er-Jahren zurückgegangen ist, warnen Experten: Die Luftverschmutzung in den Metropolen überschreitet regelmäßig die zulässigen Grenzwerte. Die Folgen sind gravierend: Zehntausende Menschen leiden an Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen.

Vor allem Feinstaub und Stickstoffdioxid mindern die Luftqualität. Die Schadstoffe entstehen hauptsächlich durch den Verkehr. Trotzdem dürfen weiter schmutzige Diesel durch die deutschen Innenstädte fahren.

Aber wie geht es denjenigen konkret, die seit Jahren mit der schlechten Luft leben?

Die HuffPost hat mit Menschen gesprochen, die an den schmutzigsten Straßen Deutschlands wohnen. Die Straßen finden sich in einer Liste, die das Bundesumweltamt regelmäßig veröffentlicht.

Anna Glans, 29, lebt seit 2 Jahren am Clevischen Ring in Köln:

“Meine Fenster sind immer dreckig. Auch auf dem Balkon merke ich, dass die Luft verschmutzt ist. Die Möbel dort werden sehr schnell schwarz. Auch wenn ich gesundheitlich bisher keine Probleme habe, spüre ich vor allem an heißen Tagen, dass die Luft drückt. Es ist insgesamt sehr unangenehm. Hier am Clevischen Ring sind es vor allem die vielen Lkws, die die Luft verpesten.

Politisch und in der Nachbarschaft ist das schon ein Thema. Einige Anwohner sind der Meinung, dass sei das Los, in einer Großstadt zu wohnen. Ich finde, wir müssen den Dreck nicht hinnehmen. Es sollte ein Autofahrverbot im Zentrum geben und gleichzeitig müsste der öffentliche Nahverkehr besser ausgebaut werden. Auf Dauer überlege ich mir schon, ob ich nicht wieder in einer ländlicheren Gegend wohnen will.”

exhaust fumes

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Felix Willems, 25, lebt seit 3 Jahren in der Aachener Innenstadt:

“Ich wohne mitten in Aachen und bei uns soll wegen der hohen Feinstaubbelastung eine Dieselverbotszone eingerichtet werden. Und das ist auch dringend nötig. Auch wenn ich persönlich nicht allzu sehr unter der Luftverschmutzung leide - vielleicht auch, weil ich noch nie weit weg von Aachen gewohnt und keinen Vergleich habe - sind die Werte dennoch beunruhigend für die Bürger.

Die Stadt hat es einfach verschlafen, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und das rächt sich jetzt. Lächerlich ist das Ganze auch vor dem Hintergrund, dass Aachen mit der RWTH eine der besten technischen Universitäten des Landes hat, die Elektroautos entwickelt. Trotzdem schafft es die Stadt nicht, nachhaltig etwas auf die Beine zu stellen.“

Warum ist die Luft in deutschen Städten so schmutzig?

Neben Feinstaub verunreinigen auch Blei, Kohlenmonoxid und Ozon die Luft. Deutschland tut sich schwer, die von der EU festgelegten Höchstwerte einzuhalten. Deshalb laufen auch Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland.

In Innenstädten ist der Verkehr laut Bundesumweltamt die Hauptursache für die Stickoxidbelastung. Und auch an der Feinstaubbelastung in den Städten hat der Verkehr den größten Anteil, wie das Umweltbundesamt schreibt - in der Umgebung der schmutzigsten Straße Stuttgarts zum Beispiel, so berichtet die "Zeit", ist der Verkehr für die Hälfte der Feinstaubbelastung verantwortlich.

In Deutschland ist der Anteil, den der Verkehr an der Feinstaubbelastung hat, besonders groß. Er liegt bundesweit bei 20 Prozent. Zum Vergleich: Weltweit liegt er bei fünf, in China sogar nur bei drei Prozent.

Allerdings sind, wenn es um den Verkehr geht, nicht nur die Abgase schuld am Feinstaub. Der meiste Feinstaub entsteht tatsächlich durch den Abrieb von Reifen, Kupplungen und Bremsbelägen. Schwere Lastwagen wirbeln die Beläge von der Straße auf und so kommen die Partikel in die Luft.

Karin Gruber, 60, wohnt seit 15 Jahren in der Grabenstraße in Markgröningen:

“Die Luftverschmutzung ist extrem bei uns in der Grabenstraße. Das liegt vor allem am Lkw-Verkehr. Eigentlich gibt es seit Jahren ein Fahrverbot, aber das wird nicht richtig kontrolliert und von vielen ignoriert.

Ich wohne seit 15 Jahren hier und über die Jahre hat sich die Luft immer mehr verschlechtert. Einige meiner Nachbarn haben sich auch schon bei der Stadt beschwert. Die verweist dann darauf, dass das Land zuständig sei. Und passiert ist bislang gar nichts. Wir müssen sehr häufig unsere Fenster putzen - teilweise sind die Scheiben richtig schwarz.

Auch wenn wir an der Straße entlang laufen, ist das sehr unangenehm. Das Atmen fällt schwer, ich muss husten und man merkt einfach, dass es keine frische Luft ist, die man einatmet.”

Marie-Anne Hollenz, 34, lebt seit 4 Jahren an der Landshuter Allee in München, der zweitschmutzigsten Straße Deutschlands:

"Gesundheitlich fühle ich mich nicht beeinträchtigt, aber es ist immer sehr laut und meine Fenster sind ständig dreckig. Die Stadt hat zum Glück beschlossen, einen Tunnel unter der Allee zu bauen. Darüber sind ich und auch meine Nachbarn sehr froh. Viele haben in einer Bürgerinitiative lange dafür gekämpft."

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Jantiena Schütz, 29, lebt seit 2 Jahren am Neckartor in Stuttgart:

“Es ist Wahnsinn, wie staubig es immer in meiner Wohnung ist. Und das ist auch kein normaler Staub, sondern richtig dunkler Dreck. Seitdem ich dort lebe, war auch ständig meine Nase verstopft. Einmal hatte ich sogar mehrere Monate lang eine Wunde in der Nase, die einfach nicht verheilen wollte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Symptome mit der Feinstaubbelastung zusammenhängen.

Zu allem Überfluss arbeite ich auch noch in der Nähe, was wohl auch dazu beiträgt, dass es mir schlecht geht. Auch in der Nachbarschaft ist die Luftbelastung immer wieder Thema, weil es vielen ähnlich ergeht, wie mir.

Der Verkehr in Stuttgart ist wirklich absurd. Ich würde mir wünschen, dass Stuttgart zur autofreien Stadt wird. Inzwischen wird ja bereits der öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut. Aber ich glaube nicht so wirklich daran, dass sich in naher Zukunft viel verbessern wird.

In Stuttgart gibt es kein lebendiges Kiezleben wie beispielsweise in Hamburg oder Berlin, weil den Autos immer der Vorrang vor den Menschen gegeben wird. Das finde ich schade, weil ich glaube, dass es in Stuttgart genauso viele kreative und unkonventionelle Menschen gibt, wie in diesen “hippen” Metropolen. Der öffentliche Raum jedoch gehört hier einfach den Autos. Und das muss sich ändern.”

Welche gesundheitlichen Schäden drohen?

Laut der WHO gehen weltweit jedes Jahr acht Millionen Todesfälle auf Luftverschmutzung zurück, in der EU sind es laut der Europäischen Umweltagentur 470.000 Tote pro Jahr, in Deutschland laut Umweltbundesamt rund 40.000 pro Jahr.

Das macht schmutzige Luft zur Todesursache Nummer eins in Europa. Feinstaub kann zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und Lungenkrebs verursachen oder verschlimmern.

Vor allem Stadtbewohner leiden: 85 Prozent der Einwohner von Städten sind in Europa einer schädlichen Belastung ausgesetzt. Und auch der wirtschaftliche Schaden durch die Luftverschmutzung ist beträchtlich: Er liegt nach Schätzungen der EU-Kommission bei 330 bis 940 Milliarden Euro pro Jahr.

Besonders gesundheitsschädlich sind kleinste Partikel, also Feinstaub und Stickoxid. Wo besonders viele dieser Teilchen durch die Luft schwirren, ist die Zahl tödlich verlaufender Schlaganfälle, Herzleiden und Atemwegserkrankungen wie Asthma erhöht.

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(Vorzeitige Sterbefälle durch von Feinstaub verursachte Krankheiten. Credit: Umweltbundesamt)

Christian Linzing, 27, lebt seit 10 Monaten in der Silbersteinstraße in Neukölln:

"Die Nachricht, dass die Silbersteinstraße zu den schmutzigsten Straßen Deutschlands gehört, hat mich erst vor ein paar Wochen erreicht. Ich war verwundert, weil ich nichts davon merke, aber dafür wohne ich wohl noch nicht lange genug hier. Mein Mitbewohner hat mir dann erzählt, dass es drei Leute bei uns in der Nachbarschaft gibt, die seit Jahren hier wohnen und an Lungenkrebs erkrankt sind. Einer von ihnen ist erst 32 Jahre alt.

Ich würde mir wünschen, dass der Bezirk und die Stadt die Bürger besser aufklären. Eine emissionsfreie Industrie und Elektroautos müssten mehr gefördert werden. Lokale oder zeitliche Fahrverbote genügen nicht. Ich stehe diesen Verboten kritisch gegenüber, der Effekt, den sie haben, erscheint mir viel zu gering."

Stefanie Grafeneder, 30, lebt seit fast 3 Jahren in der Stresemannstraße in Hamburg:

"Meine Familie und mich betrifft die Luftverschmutzung sehr stark. Man merkt es vor allem beim Lüften (Geruch von Abgasen, stickige Luft), beim Staubwischen und Fensterputzen (starke Staub- und Schmutzbildung). Ich lüfte vor allem spätabends oder frühmorgens. Wir können nicht mit geöffnetem Fenster schlafen und müssen viel häufiger putzen. Wenn wir einige Zeit weg waren, merken wir deutlich, dass die Luft hier nicht gut ist.

Es fühlt sich gar nicht gut an, an dieser Straße zu wohnen. Wir sind seit längerer Zeit auf der Suche nach einer anderen Wohnung - bisher ohne Erfolg. Als wir aus einer anderen Stadt nach Hamburg kamen, haben wir das einfach unterschätzt. Wir haben vor allem über den Lärm nachgedacht, aber blöderweise nicht über die Luftverschmutzung. Jeder weiß, wie der Wohnungsmarkt ist und wir waren einfach froh, eine tolle Wohnung gefunden zu haben.

umweltzone

Wir können deutlich beobachten, dass unsere Kinder häufiger unter Atemwegserkrankungen leiden, diese zum Teil hartnäckiger sind oder länger andauern als bei anderen Kindern. Typisch ist der Pseudokrupp - das haben wir, seit wir hier wohnen, einige Male gehabt. Unser Kinderarzt hat bestätigt, dass unsere Wohnlage nicht förderlich ist.

Es sollte bessere Radwege und Unterstützung von Firmen geben, die Lastenräder bauen oder vermarkten, einen kostenfreien Nahverkehr auf Strombasis - E-Busse fahren hier ja schon testweise. Eine Umweltzone bringt sicher auch etwas. Und der meiste Dreck soll außerdem beim Fahren durch den Abrieb der Reifen auf der Straße entstehen. Es ist schwierig, eine gute und wirtschaftliche Lösung zu finden. Aber es muss endlich etwas passieren!"

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Benjamin David, 40, lebt seit Jahren am Baldeplatz in München:

“Der Baldeplatz gilt als beliebter Treffpunkt für Familien, denn er ist nur wenige Meter vom Ufer der Isar entfernt. Allein bei uns im Haus wohnen 21 Kinder. Die Abgase und das Verkehrschaos in München gefährden die Gesundheit unserer Kinder.

Dabei wäre das Gegenteil mit etwas Einsatz leicht zu erreichen. Eine Großstadt, die das Wohlbefinden unserer Kinder nicht leichtfertig auf's Spiel setzt.

In München könnte man dann anstelle stinkender Straßenkreuzungen wie vor meiner Haustür, öffentliche Stadtplätze errichten. Denn davon würde jeder profitieren. Die Umwelt, die Stadtbewohner und unsere Kinder.”

Wie ist die rechtliche Lage?

In Deutschland soll das Bundesimmissionsschutzgesetz Bürger vor den schädlichen Einflüssen von Emissionen schützen. Die Einflüsse, die Abgase auf Mensch und Umwelt haben, nennt man Immissionen.

Das Gesetz verpflichtet Behörden zum Beispiel mit verkehrsbeschränkenden Maßnahmen dafür zu sorgen, dass Feinstaub- und Stickoxidwerte eingehalten werden. Bürger können diese Maßnahmen sogar einklagen. Allerdings müssen die Maßnahmen im Verhältnis zu der Schädlichkeit der Emissionen stehen. Wenn die Schäden für das Gericht also als nicht so groß definiert werden, dann darf auch keine extreme Maßnahme getroffen werden.

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(ben)

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