Die deutsche Autoindustrie tut sich schwer, ein erschwingliches E-Auto zu entwickeln - ein Münchner Startup macht vor, wie es geht

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  • Das Münchner Startup Sono Motors hat ein erschwingliches E-Auto entwickelt - den Sion
  • Der hat zwar viele tolle Gimmicks, aber auch noch einige Macken
  • Ihr könnt den Sion und ein Interview mit Gründer Laurin Hahn oben im Video sehen

Die Geschichte beginnt - natürlich - in einer Garage. Sie muss geradezu dort ihren Anfang nehmen, wo schon viele große Ideen ihren Siegeszug in die Welt hinaus starteten. Besonders, wenn es um junge, hippe Unternehmen geht - und erst recht, wenn die Idee ein Auto ist.

In diesem Fall nicht irgendein Auto. Sondern ein Elektro-Auto, das mit 250 Kilometern eine ordentliche Reichweite hat und dazu noch erschwinglich ist. Ein Elektro-Auto, dass mit Solarpanels ausgestattet ist, die zusätzlich Strom für bis zu 30 Kilometer Reichweite produzieren - abhängig von der Sonneneinstrahlung.

Bis der Sion - so heißt der Wagen - als Prototyp fertig war und Industrie sowie Presse vorgestellt werden konnte, dauerte es jedoch ein bisschen. Denn als Laurin Hahn und Jona Christians, zwei Schulfreunde aus München, anfingen, sich Gedanken über ein umweltfreundliches Auto zu machen, hatten die beiden noch nicht einmal ihr Abitur.

Erst nach dem erfolgreichen Schulabschluss begann sie die ersten Versuche in der Garage von Christians' Eltern. Mit einer simplen Vorstellung: Alter Motor raus, neuer rein, Solarpanels drauf fertig.

Ganz so leicht war es natürlich nicht - und der erste Rückschlag direkt ein folgenschwerer: Als die beiden Tüftler versuchten, das alte Benzin aus dem Opel Corsa, der als Versuchskaninchen diente, zu bekommen, schluckte Christians so viel Benzin, dass er ins Krankenhaus musste.

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Die drei Sono Motors Gründer Jona Christians, Navina Pernstein und Laurin Hahn (Bild: Sono Motors, von links)

750.000 Euro in einem Jahr

Die Anfänge des Startups Sono Motors, das die beiden 2016 gemeinsam mit Navina Pernsteiner, die das Gründer-Trio als Creative Director verstärkt, starteten, hören sich so fast an wie aus einem Film. Ob der ein Happy End hat, ist allerdings noch nicht klar.

Denn auch wenn Sono Motors für den Sion innerhalb eines Jahres 750.000 Euro über eine Crowdfunding-Plattform einsammelten und dann noch drei namhafte Investoren für sich gewinnen konnten - noch ist nicht klar, ob der Sion überhaupt in Serienproduktion gehen kann.

Bis Ende des Jahres braucht Sono Motors 5000 Vorbestellungen des Sion - im Moment sind es 1500. Laurin Hahn hat keine Zweifel, dass das Startup das Ziel erreicht. Zumindest lässt er die im Gespräch mit der HuffPost nicht durchblicken.

Die Crowdfunder haben die drei Gründer auf jeden Fall schon überzeugt. Und diese Community ist auch eng an der Entwicklung des Sion beteiligt gewesen. Immer wenn wichtige Fragen anstanden, wurden die Unterstützer der Kampagne befragt, sagen Erfinder des Sion. Bei jeder Fragestellung hätten zwischen 500 und 1000 Menschen mitgemacht.

Herausgekommen aus diesem Gemeinschaftsprojekt ist ein Kleinwagen mit fünf Sitzen und 7,5 Quadratmetern Solarzellen auf Dach, Motorhaube und den Seiten. Die Panels liefern auch bei indirekter Sonneneinstrahlung Energie und lassen sich in jede gewünschte Form biegen.

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Gründer Laurin Hahn stellt den Sion erstmals vor (Bild: Sono Motors)

Die Batterie ist nicht im Kaufpreis enthalten

Noch ein Vorteil des Sions: Seine Batterie lässt sich auch als stationärer Stromspeicher nutzen. Mit dem geladenen Auto können andere Autos aufgeladen werden, der Akku eignet sich aber auch als mobiler Stromversorger, zum Beispiel für Haushaltsgeräte.

In 45 Minuten sei der Sion mit Hilfe der Schnellladefunktion voll aufgeladen, sagt Hahn zur HuffPost. Die Batterie ist jedoch nicht im Kaufpreis von 16.000 Euro enthalten. Kunden können den Akku entweder für 4000 Euro dazu kaufen oder aber zu einem monatlichen Festpreis mieten.

“Die Preise und die Leistungen von Batterien ändern sich so schnell, dass wir diese Variante den Kunden gegenüber fairer fanden”, sagt Hahn. "So können wir unseren Kunden zur geplanten Auslieferung 2019 den besten Preis bieten".

Der Sion verspricht aber noch mehr: Denn in das Amaturenbrett haben die Entwickler Islandmoos eingebaut, das als natürlicher Luftfilter wirken soll und Feinstaubpartikel durch elektromagnetische Ladung aus der Luft filtert.

Angenehmer Nebeneffekt: Das Moos behält seine grüne Farbe lange - und sieht so auch noch schick aus.

Das optimale Auto für Pendler?

Aber wer sollte sich jetzt einen Sion reservieren?

“Der Sion ist ein optimales Auto für Pendler”, sagt Gründer Laurin Hahn der HuffPost. “Mein Vater ist jeden Tag acht Kilometer in die Arbeit gefahren und wieder zurück - für ihn wäre der Sion ideal gewesen.”

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Die Frontansicht des Sion (Bild: Sono Motors)

Außerdem soll der Wagen mit wenigen Klicks in einer App zum Carsharing-Auto werden. Wie ein Airbnb für die Fortbewegung.

Das alles hört sich so an, als sei der Erfolg für Sono Motors nach dem turbulenten Klischee-Garagen Start nur noch eine Frage der Zeit. Doch der perfekte Anbieter von E-Mobilität, als der sich Sono Motors ausgibt, ist das Startup wohl nicht.

Denn auch wenn es mit den 5000 Vorbestellungen bis Ende des Jahres klappen sollte - es ist fraglich, wie viel die Solarzellen auf dem Wagen wirklich bringen. Natürlich - im Sommer sind die 30 Kilometer sicher drin. Aber im Winter? Da scheint die Sonne so schwach, dass die Energie wohl nur für wenige Kilometer reichen wird. Dann muss der Strom der Batterie herhalten.

Wer haftet?

Auch die Carsharing-Zukunft könnte weniger rosig aussehen, als von den Gründern gezeichnet. Denn wie bei jedem Shareconomy-Angebot warten natürlich eine Menge rechtlicher Probleme. Und wer haftet dann, wenn der Autoleiher einen Unfall mit dem Sion baut? Wie lässt sich das versicherungstechnisch lösen?

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Der Sion von der Seite (Bild: Sono Motors)

Die Fragen bleiben. Und natürlich kommen Infrastruktur-Probleme bezüglich mangelnder Ladestationen dazu - eine Schwierigkeit, die generell für Elektromobilität besteht.

Und letztlich: Wer kauft sich überhaupt einen Sion? Denn der hört sich eher an wie ein Zweitwagen. Und auch wenn er nur 16.000 Euro exklusive Batterie kostet: 16.000 Euro sind immer noch eine Menge Geld.

Ein kleines Happy End

Natürlich heißen Probleme nicht, dass der Erfolg von Sono Motos ausgeschlossen ist. Was wäre ein Hollywood-Streifen schon ohne ein paar Hindernisse?

Und eines hat Sono Motors schon überwunden. Das Team hat in nur einem Jahr mit einem Budget im einstelligen Millionenbereich einen Prototypen gebaut. Autobauer entwickeln ein neues Modell in der Regel mehrere Jahre lang - mit einem Budget, das schon mal in die Milliarden geht.

Aus der Garage in kurzer Zeit zum Prototypen: Es der erfahrenen deutschen Autoindustrie in diesem Punkt gezeigt zu haben, ist zumindest schon einmal ein kleines Happy End.

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