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02/08/2017 11:40 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 17:40 CEST

Hinter den Kulissen des Skandals: Was Scaramucci über seinen Rauswurf sagt

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Hinter den Kulissen des Skandals: Was Scaramucci über seinen Rauswurf sagt

  • Trumps geschasster Kommunikationschef Anthony Scaramucci wird weltweit verspottet

  • HuffPost-Reporterin Vicky Ward hat mit Scaramucci selbst und vielen Insidern gesprochen

  • Sie schildert, was hinter den Kulissen in der kurzen Amtszeit des Kommunikationschefs passierte

Es war ein Skandal. Da holt US-Präsident Donald Trump einen Mann als Kommunikationschef, der so unter der Gürtellinie herumpöbelt, dass selbst der wenig zimperliche Trump ihn nach zehn Tagen vor die Tür setzt.

Kommentatoren in aller Welt schüttelten den Kopf über Anthony Scaramucci, der den Spitznamen "The Mooch" trägt. Zu deutsch: der Schnorrer. Was hat ihn nur zu so einem Verhalten getrieben?

Ich habe während seiner kurzen Amtszeit und auch am Dienstagabend immer wieder mit Scaramucci gesprochen, habe mit Bekannten und Kritikern über ihn geredet.

Der Einstand mit taktischem Lob für Trump

Seit Scaramucci am 20. Juli im Weißen Haus anfing, warfen Kritiker ihm vor, dass er Trump zu ähnlich sei, zu mediengeil. Scaramucci war sich dessen wohl bewusst. Das erklärt auch, warum er seine News-Konferenz mit so vielen Komplimenten für den Präsidenten begann. Er wusste, dass ihm nur eine Person zusah, deren Meinung relevant war.

"Der Präsident dachte, ich sei grandios gewesem", sagte mir Scaramucci am Tag danach, noch sichtlich euphorisiert von seiner Erfahrung im Briefing Room des Weißen Hauses.

"Wenn Du zwanzig Zentimeter größer wärst, würde ich mir Sorgen machen", sagte Trump zu Scaramucci laut einem Insider, der nicht mit Namen genannt werden will.

Das verhängnisvolle Abendessen

Die Euphorie dauerte nicht lange. Ein Reporter informierte Scaramucci, dass Ryan Lizza vom Magazin "The New Yorker" Mittwochnacht getwittert hatte, dass Scaramucci mit dem Präsidenten, dessen Frau Melania, Fox-News-Moderator Sean Hannity und dem früheren Fox-News-Chef Bill Shine zu Abend aß.

Scaramucci war außer sich, dass die Information durchgesickert war. Einerseits, sagte er, sei nicht die komplette Gästeliste genannt worden. So fehlten weitere Fox-Moderatoren und auch White-House-Beraterin Kellyanne Conway sowie Vize-Präsident Mike Pence.

Andererseits wusste er, dass auf der Gästeliste eben auch Fox-News-Moderatorin Kimberly Guilfoyle stand.

Scaramucci wurde klar, dass Guilfoyles Anwesenheit einige Fragen aufwerfen würde. Er sagte, er wisse, dass manche Medienleute über seine Freundschaft mit ihr tuschelten. Er sagte, er verstehe das als "Angriff".

Scaramucci dementiert vehement, eine sexuelle Beziehung zu ihr zu haben. Auch ein Freund Guilfoyles sagte, die beiden seien "sehr enge Freunde, aber nicht mehr". Und fügt hinzu: "Er ist viel zu klein für Kimberly."

Scaramucci gibt das berüchtigte Interview - und fühlt sich hintergangen

Sofort, nachdem er am Mittwoch vom Abendessen zurück war, rief Scaramucci den "New Yorker"-Journalist Lizza an und gab sein berüchtigtes Interview, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. Darin beschimpfte er Stabschef Reince Priebus als "paranoiden Schizophrenen" und sagte, er sei nicht Chefstratege Steve Bannon, "er lutsche nicht seinen eigenen Schwanz".

Lizza veröffentlichte Teile des Gesprächs. Scaramucci sagte, er fühle sich verraten.

"Die Lizzas und Saramuccis sind seit über 50 Jahren befreundet. Mein Vater kannte seinen Vater vom Bau, wir hatten privat miteinander zu tun. Das meiste, das ich sagte, war humorvoll und scherzhaft gedacht. Aus rechtlicher Sicht mag es on the record gewesen sein, aber die Atmosphäre war privat. Und er wusste das."

Trotzdem, sagte mir Scaramucci, wolle er mit Lizza noch auf ein Bier gehen.

Reporter kontert: "Wir waren nie Freunde"

Ich wollte wissen, was Lizza darüber denkt, und habe ihn gefragt:

"Ich kannte Anthony nur als Vertreter von Trump und später als Kommunikationschef des Weißen Hauses. Wir sind nicht alte Freunde und waren es auch nie, obwohl ich glaube, dass unsere Väter sich kannten, wahrscheinlich hat er sich darauf bezogen. (Die italienische Szene auf Long Island war relativ überschaubar in dieser Generation, Anm. d. Red.) Aber nochmal, das wäre kein Grund, ein explosives On-the-record-Interview zurückzuhalten."

Scaramucci will Rücktritt angeboten haben – doch Trump lehnte ab

Laut mehreren Quellen im Weißen Haus war der Präsident anfangs noch amüsiert über den Austausch mit Lizza, änderte aber seine Meinung, als er merkte, wie viel negative Aufmerksamkeit das brachte.

Scaramucci sagte, er habe seinen Rücktritt noch vor dem Wochenende angeboten. Der Präsident sagte ihm, das sei nicht nötig. Aber er wies Scaramucci an, er solle künftig aufpassen. Das sagte jemand, der mit dem Gespräch vertraut ist.

Öffentliche Diskussion über das Ehe-Aus ärgert Scaramucci

Ich habe am Samstagmorgen mit Scaramucci gesprochen und er klang abgekämpft. "Ich glaube, ich bin krank", sagte er. Dazu kam, dass die "New York Post" in der Nacht zuvor die Nachricht von seiner anstehenden Scheidung mit seiner zweiten Ehefrau Deidre Ball veröffentlicht hatte.

Dass es mit Scaramuccis Ehe nicht zum Besten stand, war kein Geheimnis. Lange bevor Ball am 6. Juni die Scheidung einreichte, hatte Scaramucci mit Freunden darüber gesprochen, dass die Beziehung zerrüttet war und wie sie sich durch regelmäßige Beratungsgespräche quälten.

Er hatte es einfach satt, dass seine Beziehung Gegenstand öffentlicher Diskussion war.

Scaramucci war bei der Geburt des Sohnes nicht dabei

Laut dem Bericht der "Post" war Scaramucci auch nicht bei der Geburt ihres Sohnes vergangene Woche dabei. Stattdessen soll er Ball lediglich einen kurzen Glückwunsch geschickt haben.

Scaramucci sagte, das sei eine unfaire Beschreibung. Er sagte mir, dass der Geburtstermin für den 9. August errechnet worden war. Als er also am Montag die Air Force One Richtung West Virginia bestieg, um den Präsidenten zum Treffen der Pfadfinder zu begleiten, habe er nicht gedacht, dass er die Geburt verpassen würde.

Sobald seine Frau ihm schrieb, dass die Wehen einsetzten, sagt er, versuchte er, eine Maschine zurück zu chartern – musste aber feststellen, dass um die Air Force One herum ein weiträumiges Flugverbot galt. Er sagte, er habe sich daher entschieden, erst mit dem Präsidenten nach Washington zurückzufliegen und von dort nach New York zu reisen.

Am Dienstagnachmittag hatte er seinen Sohn immer noch nicht gesehen. Scaramucci rechtfertigte sich damit, dass Ball ihn nach der Geburt um etwas Zeit gebeten habe.

Noch am Samstag schmiedete Scaramucci große Pläne

Als ich am Samstag mit Scaramucci sprach, hatte er nicht viel zum Ende seiner Ehe zu sagen. "Es ist okay. Ich meine, was soll ich machen?"

Er lebte etwas auf, als er von seinem fantastischen Team sprach, das er ins Weiße Haus holen wolle, und über die großen Pläne, die er nach der turbulenten ersten Woche verwirklichen wolle.

Das Aus für Scaraucci: "Eine sehr höfliche Unterredung"

Aber am Montagmorgen wusste Scaramucci, dass seine Zeit vorbei war. Ex-General John Kelly, der neue Stabschef, der darauf bestand, dass alle Mitarbeiter des Weißen Hauses an ihn berichten, forderte ihn zum Rücktritt auf. "Es war eine sehr höfliche Unterredung", sagt Scaramucci.

Scaramucci wollte danach Trump sprechen, der nicht verfügbar war. Letztlich sprach er an diesem Tag doch noch mit dem Präsidenten, mit dessen Tochter Ivanka und mit dessen Schwiegersohn Jared Kushner, jeweils einzeln am Telefon.

Alle seien freundlich gewesen, sagt er. "Der Präsident sagte mir, er stehe hinter mir, aber er müsse versuchen, klar Schiff zu machen."

Insider: Scaramucci wird seinen Einfluss behalten

Das passt zu dem, was mir ein Insider sagte: Scaramucci mag gefeuert sein - seinen Einfluss wird er behalten.

Am Montag habe ich einen Anruf von Roger Stone bekommen, einem berühmt-berüchtigten Typen im Politik-Betrieb und Vertrauten Trumps. Er wollte über Anthony Scaramucci sprechen, dessen zehntägiges Gastspiel als Kommunikationschef im Weißen Haus gerade mit einer Schmach zu Ende ging.

Stone sagte, Scaramucci erinnere ihn an einen "Selbstmordattentäter". Für die nächste Metapher sprang Stone dann um Jahrhunderte zurück. "Der Regierungsapparat ist wie die Französische Revolution. Du weißt nie, wer als nächstes geköpft wird."

Aber Stone glaubte nicht, dass Scaramucci sich lange vom Präsidenten fernhalten würde. "Wie Sie wissen, ist keiner von uns je wirklich weg gewesen. Er hat immer noch Trumps Privatnummer. Nur weil er nicht im Weißen Haus ist, sollte keiner glauben, dass er all seinen Einfluss verloren hat."

Der Text erschien ursprünglich auf HuffPost USA und wurde von Susanne Klaiber aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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