Wie der russische Geheimdienst Homosexuelle erpresst, damit diese Islamisten ausspionieren

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Wie der russische Geheimdienst Homosexuelle erpresst, damit diese Islamisten ausspionieren | Maxim Shemetov / Reuters
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  • Homosexuelle werden in Russland und insbesondere in den nordkaukasischen Republiken heftig diskriminiert
  • Das macht sich der russische Geheimdienst zunutze - und erpresst Schwule zur Zusammenarbeit
  • So wie den jungen Russen Ruslan - er sollte Islamisten ausspionieren und sogar nach Syrien reisen

Ruslan stand an einer Kreuzung mitten in Derbent, eine Großstadt in der südrussischen Republik Dagestan, eingezwängt zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus-Gebirge.

Der junge Mann kam gerade vom Gebet und wartete auf einen Freund. Plötzlich hielt ein Auto neben ihm. Bereits nach wenigen Wortwechseln mit den Insassen war Ruslan klar: "Das sind Spezialkräfte." Sie zwangen ihn, in das Auto einzusteigen.

Das war der Beginn einer Erpressung, die für den gläubigen Muslim erst nach seiner Flucht in die Türkei endete.

Dem damals 23-Jährigen wurde zum Verhängnis, dass er homosexuell ist.

Die russische LGBT-Community kann leicht erpresst werden

"Der Druck auf sexuelle Minderheiten ist in den letzten Jahren in Russland erheblich gestiegen", erklärt Uwe Halbach, Nordkaukasus- und Islamismus-Experte der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

In Tschetschenien, das direkt an Dagestan grenzt, machen sogar die Behörden Jagd auf Homosexuelle. In der russischen Teilrepublik sollen seit Ende 2016 bereits über zweihundert Menschen verschleppt, unter Druck gesetzt und gefoltert worden sein - mindestens 20 seien ermordet worden.

Mit steigender Diskrimierung wuchs auch das Potential für den Einsatz von kompromittierendem Material, dem sogenannten Kompromat.

Wie zu Sowjetzeiten stellt es auch heute noch in Russland ein wichtiges politisches Instrument dar, um politische oder wirtschaftliche Gegner zu diskreditieren - oder um Menschen zur Kooperation zu zwingen.

Im Gespräch mit der HuffPost betont Experte Halbach: "Die LGBT-Community ist ein Bereich, der durch Kompromat leicht erpresst werden kann - gerade im extrem konservativ geprägten Nordkaukasus."

Das machte sich der russische Inlandsgeheimdienst FSB (Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation) im Falle von Ruslan zunutze. Er sollte die örtlichen Islamisten ausforschen und sogar in den Krieg nach Syrien ziehen.

Mehr zum Thema: Ein russischer Bericht zeigt das ganze Grauen, das Homosexuelle in Tschetschenien durchmachen mussten

Der Nordkaukasus ist ein Schwerpunkt islamistischer Netzwerke

Dazu muss man wissen: "Im postsowjetischen Raum hebt sich der Nordkaukasus hervor", so Halbach. Die Region bilde seit Ende der 1990er Jahre einen Schwerpunkt dschihadistischer Dynamiken und islamistischer Netzwerke im postsowjetischen Raum und im Südosten von Europa.

"Und kein Teil der Russischen Föderation steht seit dem ersten Tschetschenienkrieg Mitte der 1990er Jahre so stark im Fokus russischer Sicherheitskräfte (den sogenannten Silowiki) wie der Nordkaukasus", sagt Halbach. "Der russische Geheimdienst sendet seine Leute dorthin."

Mit diesen machte Ruslan Ende 2013 Bekanntschaft.

Nachdem er zu den Männern in das Auto steigen musste, fuhren sie Ruslan in ein Hotel. Dort war alles bereits vorbereitet: "Jemand ist aus Moskau gekommen, der mit dir reden will", sagte einer der Entführer.

Der Geheimdienstler nahm Ruslan ins Verhör: Entweder er kooperiere, oder man würde kompromittierende Videos, Fotos und Textnachrichten veröffentlichen, erzählt Ruslan in einem ausführlichen Interview mit dem russischen Internetportal "Caucasian Knot".

Dagestan: Epizentrum des Dschihadismus in Russland

"Ich fragte, was sie von mir wollten", berichtet der heute 26-Jährige. Die Männer erklärten, dass sie "gute Dinge für die Leute tun" werden - und dass viele, die ich kannte, potentielle Terroristen seien. "Ich sollte Informationen über meine Bekannten beschaffen."

Der Agent erklärte Ruslan mit Nachdruck: "Ich bin der Staat, ich lade dich ein zu kooperieren." Doch Ruslan weigerte sich - trotz der Drohung, für 20 Jahren ins Gefängnis geworfen zu werden - wegen der Unterstützung von Terroristen.

Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass das FSB Ruslan nach Syrien schicken wollte. "Ich sollte dort Leute treffen, um diese zur Rückkehr zu bewegen." Allerdings hätten die Männer Ruslan nicht erklärt, warum er dies tun sollte.

Der Hintergrund: Viele nordkaukasische Islamisten haben sich in den letzten Jahren der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen. "Allein aus Dagestan sollen bis Ende 2016 rund 1200 Islamisten nach Syrien und in den Irak ausgereist sein", sagt SWP-Wissenschaftler Halbach.

Mittlerweile gilt die Teilrepublik im Süden des Landes als Epizentrum des Dschihadismus in Russland.

Nun gebe es in Dagestan eine intensive Auseinandersetzung zwischen Anhängern des traditionellen Islam, dem Sufismus, und Salafisten. So erstellten die Behörden dort eine Liste mit tausenden jungen Leuten, die als potentielle Terroristen und Extremisten gelten. "Bereits ein längerer Bart reicht, um dort drauf zu landen", schildert Halbach.

Mehr zum Thema: "Wie im Konzentrationslager": In einem russischen Gefängnis werden Schwule brutal gefoltert

Bereits ein Bart reicht, um als potentieller Terrorist zu gelten

Während die FSB-Agenten Ruslan seine Mission erklärten, klopfte es an der Tür. Das Mädchen von der Hotel-Rezeption kam mit Wasser in den Raum.

"Da die anderen begannen zu trinken, dachte ich, dass Wasser sei normal und trank auch. Doch danach (...) verlor ich die Kontrolle über mich."

Nur noch Bruchstückhaft konnte sich Ruslan an das folgende Geschehen erinnern - in ständiger Angst erschossen zu werden. Letztendlich brachten ihn die Männer zurück nach Hause. Sie setzten ihm eine Frist von fünf Tagen, dann würden sie eine Antwort erwarten.

Ruslan bemerkte, wie er in der Zwischenzeit beschattet wurde. Drei Tage nach dem Verhör beschloss Ruslan abzuhauen. Dann ging alles ganz schnell.

"Ich floh in der Nacht. Ich kroch durch den Gemüsegarten der Nachbarn und ging zur Schnellstraße. Ich hatte nichts bei mir, noch nicht einmal mein Telefon, weil sie das nachverfolgen können."

Über Baku floh Ruslan schließlich in die Türkei, wo er seitdem lebt. Doch noch immer bekommt er Nachrichten von FSB-Agenten, die ihn zurücklocken wollen.

"Du musst nach Schwuchteln suchen"

Dass Ruslans Fall keine Ausnahme darstellt, zeigen am Montag veröffentlichte Augenzeugen-Berichte aus Tschetschenien, der Nachbarregion von Dagestan.

E.F. wurde von mehreren Polizisten entführt. Er berichtete dem Russian LGBT Network (Russisches LGBT-Netzwerk), das seinen Namen abkürzt, um ihn zu schützen, wie ihn seine Peiniger zur Zusammenarbeit zwangen:

"Wir werden dich unter einer Bedingung gehen lassen - du musst für uns arbeiten. Du musst nach Schwuchteln, 'Syrern' (Menschen, von denen die Behörden glauben, dass diese nach Syrien gehen, um sich dort dem IS anzuschließen, Anm.
d. Red.
) und Drogensüchtigen suchen."

Einer der Männer soll F. daraufhin auf die Schulter geklopft und gespottet haben: "Du bist jetzt unser Freiberufler."

Ruslan betont: "Die Machtstrukturen versuchen junge Menschen zu rekrutieren und sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Dies geschieht sowohl in Dagestan als auch in Tschetschenien."

Nach mehreren Jahren in der Fremde würde Ruslan gerne in seine Heimat zurück. "Doch wenn ich versuche zurückzukommen, würden sie wieder versuchen, mich anzuwerben - oder mich vielleicht töten."

Im Nordkaukasus ist das keine hohle Drohung. Es ist Realität.

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(jg)

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