Das passiert im Gehirn von Kindern, die häufig mit der Hand schreiben

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Das passiert im Gehirn von Kindern, die häufig mit der Hand schreiben. | danchooalex via Getty Images
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  • Durch die zunehmende Digitalisierung gerät das Schreiben per Hand immer mehr in den Hintergrund - auch bei Kindern
  • Experten sagen: Wenn Kinder mit der Hand schreiben, kann ihr Gehirn das Gelernte viel besser abspeichern
  • Doch: Immer mehr Kinder in Deutschland haben Schwierigkeiten, mit der Hand zu schreiben

Computer, Smartphone und Tablet: Wer schreibt noch mit Stift und Papier, wenn man alles schnell eintippen kann? Keine Frage, durch die Digitalisierung hat sich unsere Art zu Schreiben grundlegend verändert - wir notieren fast nichts mehr mit der Hand.

Und damit stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, wenn Kinder in der Schule jahrelang Schreibschrift lernen - wenn sie es im Beruf sowieso kaum noch brauchen, sondern vielmehr den Umgang mit Computerprogrammen und Tastaturen lernen sollten.

Immer mehr Experten betonen, wie wichtig es ist, Handschrift zu lehren

Finnland hat schon seit 2016 die Schreibschrift abgeschafft, Kinder sollen per Hand nur noch die Druckschrift erlernen - während der Fokus eher darauf liegt, das Schreiben mit der Tastatur zu lernen. Auch in Deutschland wurde diskutiert, wie sinnvoll das Erlernen der Handschrift noch ist. Einige Bundesländer sind schon dazu übergegangen, den Kindern statt der standardisierten Schreibschrift die Grundschrift beizubringen, eine vereinfachte Schriftform.

Doch immer mehr Experten sprechen eine deutliche Warnung aus: Wer nicht lerne, mit der Hand zu schreiben, der verlerne das Denken, schreibt die Pädagogin Marie-Anna Schulze Brüning in der HuffPost. Denn durch das Schreiben per Hand kann das Gehirn das Gelernte viel besser abspeichern.

Schreiben aktiviert verschiedene Regionen im Gehirn

Wissenschaftliche Studien belegen ihre Aussage: Die Psychologin Karin James von der Indiana University zeigte in einem Versuch Kindern, die noch nicht schreiben und lesen können, einen Buchstaben, den sie auf drei verschiedene Arten reproduzieren sollten: Sie sollten ihn nachzeichnen oder auf einem Computer eintippen oder auf einem Bild zeigen. Dann zeigten die Forscher den Kindern im Hirnscanner denselben Buchstaben noch einmal.

Wenn die Kinder den Buchstaben vorher nachzeichnen mussten, dann wurden dabei drei verschiedene Regionen im Gehirn aktiviert, die mit dem Lernen von Lesen und Schreiben in Verbindung gebracht werden. Wenn sie den Buchstaben vorher nur eintippen oder zeigen mussten, waren die Aktivitäten in den Gehirnregionen viel geringer. Kinder lernen also offenbar viel intensiver durch Schreiben als durch Tippen oder Zeigen.

In einer neueren Studie der University of Washington wurde geprüft, wie sich gesprochene und geschriebenen Sprache bei vier- bis neunjährigen Kindern auf grundlegende Fähigkeiten wie Planen oder Lernen auswirken. Studienautorin Virginia Berninger sagte der "New York Times": "Handschrift stimuliert den Geist und kann den Kindern helfen, sich besser auf Schriftsprache zu fokussieren. Lernen wird einfacher."

Mehr zum Thema: Ob ein Kind gut in der Schule ist, hängt vor allem von diesem einen überraschenden Faktor ab

Tastaturschreiben hinterlässt keine Spuren im motorischen Gedächtnis

Die Graphologin Rosemarie Gosemärker bestätigt in einem Interview mit dem WDR: "Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert. Darum ist es auch so bedeutend, in der Grundschule weiterhin auf die Handschrift zu setzen. Es ist wichtig, dass Kinder handschriftliches Schreiben lernen, damit sich im Gehirn diese Spuren einprägen."

Dagegen hinterlasse das Schreiben am PC laut Schulze Brüning keine Spuren im Ablaufgedächtnis, dem motorischen Gedächtnis. "Das Tastaturschreiben ist eine Erleichterung für Jugendliche und Erwachsene, die bereits schreiben können, nicht aber für Kinder, die das Schreiben lernen", sagte die Pädagogin in einem Interview mit der Tageszeitung "Welt".

Kinder, die häufig mit der Hand schreiben, können also auf diese Weise den Unterrichtsstoff viel besser erlernen und verstehen. Denn ihr Gehirn wird stärker stimuliert.

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Immer mehr Kinder in Deutschland haben Schwierigkeiten, mit der Hand zu schreiben

Jedoch beobachten Lehrer, dass immer mehr Kinder Schwierigkeiten beim Erlernen der Handschrift haben. 2015 veröffentlichte der Deutsche Lehrerverband eine Umfrage, nach der etwa 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen Probleme haben, mit der Hand zu schreiben.

Für Schulze Brüning gleicht die mangelnde Schriftkompetenz einer Katastrophe. Sie schreibt in der HuffPost: "Sie kann im Extremfall aus einem normal begabten Schüler einen Schulversager machen, der immer dann, wenn es ums schriftliche Arbeiten geht, nicht mithalten kann und frustriert das Handtuch wirft."

Die Pädagogin findet: Kinder sollten wieder vermehrt dazu angehalten werden, sich eine flüssige und leserliche Handschrift anzueignen. Denn: "Die Handschrift ist ein Denkwerkzeug."

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(ame)

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