Brisante Anklageschrift: Trump soll einem TV-Sender die Veröffentlichung einer Verschwörungstheorie befohlen haben

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TRUMP
Hat Donald Trump eine Verschwörungtheorie über den Mord an einem jungen Demokraten befeuert? | Getty
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  • Im Mai hat der US-Sender Fox News eine Verschwörungstheorie um den Mord eines jungen Demokraten in Umlauf gebracht
  • Der Mann namens Seth Rich soll Opfer seiner Partei geworden sein, weil er Hillary Clintons E-Mails gestohlen habe
  • Jetzt behauptet ein in die Verbreitung der Lügengeschichte involvierter Kläger: US-Präsident Donald Trump habe Fox News zu ihrer Veröffentlichung gedrängt

Am 10. Juli 2016 wird Seth Rich in Washington DC auf offener Straße erschossen. Ein Raubüberfall, vermutet die örtliche Polizei.

Doch Rich arbeitet für das Democratic National Committee, das auch den Wahlkampf von Hillary Clinton koordiniert. Und von dessen Servern die E-Mails gestohlen wurden, welche die demokratische Kandidatin im Wahlkampf so schwer belasteten - die ihr womöglich sogar die Präsidentschaft kosteten.

Schnell machen deshalb Verschwörungstheorien die Runde: Seth Rich habe die Clinton-Mails gestohlen und dafür mit seinem Leben bezahlt.

Der Sender Fox News propagierte die wahnwitzige Theorie in großem Stil, im Mai diesen Jahres behaupten Moderatoren des Senders, Rich sei ein Opfer der Demokraten. Erst als Seths Eltern mit einer Unterlassung drohen, gibt Fox News Ruhe.

Doch jetzt belastet die Klage eines Ex-Mitarbeiters den konservativen Nachrichtensender schwer, wie der US-Rundfunksender NPR berichtet. Fox soll Zitate für eine Geschichte über Seth Rich erfunden haben. Und nicht nur das: US-Präsident Donald Trump soll davon gewusst haben. Mehr noch, er soll die gefälschten Zitate gar in Auftrag gegeben haben.

Was steckt hinter diesen drastischen Anschuldigungen?

Ein Hetzartikel im Auftrag von Donald Trump?

Zunächst einmal eine 33-seitige Klageschrift eines gewissen Rod Wheeler. Sie richtet sich gegen den Sender Fox News, dessen Mitarbeiterin Malia Zimmerman und einen Mann namens Ed Butowsky.

Butowsky, die Ursprungsquelle der absurden Mordgerüchte über die Demokraten und Seth Rich, hat nicht nur als Experte für Fox News gearbeitet - er hat auch gute Kontakte zu Trump-Berater Stephen Bannon. Und somit augenscheinlich zu Donald Trump selbst.

Zumindest schrieb Butkowsky laut der Klageschrift am 17. Mai 2017 diese SMS:

“Ich will den Druck nicht noch mehr erhöhen, aber der Präsident hat den Artikel gerade gelesen. Er will den Artikel sofort veröffentlicht haben. Das hängt jetzt alles an dir. Aber fühl dich nicht unter Druck gesetzt.”

Der “Artikel”, um den es Butkowsky geht, wurde von der Fox-Reporterin Malia Zimmerman geschrieben. Er beinhaltet die komplette Verschwörungstheorie um den vermeintlichen Mord der Demokraten an Seth Rich. Zimmerman bezieht sich auf angebliche Quellen aus Sicherheitskreisen - und auf Zitate von Privatdetektiv und Ex-Fox-Mitarbeiter Rod Wheeler, der Richs Tod untersuchte.

Zitate, beklagt Wheeler nun, die Zimmerman gefälscht habe. Im Auftrag von US-Präsident Donald Trump - und, so steht es in der Anklageschrift, auch unter Mitwissen von Sarah Flores, der Sprecherin des US-Justizministeriums, und des damaligen Trump-Sprechers Sean Spicer.

Sollte die Verschwörungstheorie um den Mord an Seth Rich von der Russland-Affäre ablenken?

Doch welchen Grund könnte die US-Regierung unter Trump gehabt haben, Verschwörungstheorien über den Tod eines jungen Demokraten zu verbreiten?

Glaubt man den Ausführungen Wheelers, ging es dem Weißen Haus darum, von Trumps Russland-Affäre abzulenken. In der Klageschrift heißt es:

“Die Motivation hinter dem Artikel: Nachweisen, dass Seth Rich Wikileaks mit den DNC-E-Mails versorgt hat, um so Russland von der Schuld daran reinzuwaschen, die Spekulationen um eine Zusammenarbeit von Präsident Trump mit Russland zu beenden und die Wahl zu beeinflussen.”

Um das zu erreichen, habe Fox-Reporterin Zimmerman entsprechende Zitate in ihren Artikel eingebaut - Zitate, die sie fälschlicherweise Wheeler zugeschrieben habe, “weil der Präsident diesen Artikel so haben wollte.”

Wheeler behauptet, er habe den Fox-Kontaktmann Butowsky nach Erscheinen des Artikels zur Rede gestellt. Dieser habe ihm jedoch gesagt, dass die falschen Aussagen von ihm auf Wunsch des Präsidenten geschrieben worden seien.

Ein paar Tage später habe Butowsky an Wheeler geschrieben: “Ich habe dir das bisher nicht gesagt, aber die Regierung ist in diesem Moment in die Sache involviert und glaubt deine Geschichte.”

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Wheelers will dutzende Beweise für seine Vorwürfe haben

Es ist eine Geschichte, von der Fox News schon nach wenigen Tagen wegen des Einschreitens von Seth Richs Eltern Abstand nehmen musste. Zimmermans Artikel wurde von der Seite des Senders genommen, das Thema Seth Rich - auch gegen innere Widerstände - aus dem Programm gestrichen.

In Folge des Skandals war Rod Wheelers Ruf ruiniert, für Journalisten, Politiker und auch Fox News wurde er in den USA zum roten Tuch. Womöglich versucht Wheeler deshalb mit der Klage gegen den Sender, Zimmerman und Butowsky, seinen Namen reinzuwaschen. Seine Motive müssen hinterfragt werden.

Lange war Rod Wheeler als geladener Experte Teil des Fox-Apparatus. Oft fiel er in Sendungen durch kontroverse Aussagen, etwa zum Thema Racial Profiling, auf. Käme es zu einem Gerichtsverfahren, es wäre wohl eine Erfolg versprechende Strategie der Beklagten, Wheelers Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen.

Doch Wheeler scheint Beweise zu haben. Da ist zum einen die eingangs erwähnte SMS von Butowsky, mit der dieser US-Präsident Trump ins Spiel brachte. Zudem soll Butwosky Wheeler eine Sprachnachricht hinterlassen haben, die das Weiße Haus schwer belastet:

“Vor ein paar Minuten habe ich einen Nachricht bekommen, dass wir die volle Aufmerksamkeit des Weißen Hauses in der Sache haben. Und, morgen, lass uns diesen Deal zustande bringen, egal, was wir dafür tun müssen. Aber du kannst sagen, dass das Weiße Haus eingeweiht ist.”

Hinzu kommen laut Wheeler und seinen Anwälten dutzende weitere Gespräche, Nachrichten und Mails, die seine Vorwürfe belegen sollen.

Das Weiße Haus bestreitet Wheelers Anschuldigungen

Wie gefährlich ist der Privatdetektiv also für Fox News - und für Donald Trump?

Wheelers Vorwürfe wiegen schwer, seine Klageschrift legt nahe, dass er sie mit ausreichend Material unterfüttern kann, um vor Gericht einen aufsehenerregenden Prozess zu garantieren. Vor allem der Verschwörungstheoretiker Ed Butowksy müsste sich Sorgen machen. Ebenso Fox News, das in der unrühmlichen Saga um Seth Rich ja schon einmal zurückstecken musste.

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Doch: Einen klaren, direkten Beweis für Donald Trumps Eingreifen in die schmutzige Arbeit bei Fox News, für einen Versuch der Manipulation durch den US-Präsidenten, gibt Wheelers Klageschrift nicht her.

Wie in allen bisherigen Skandalen in der Russland-Affäre kann Donald Trump nur implizit eine Schuld vorgeworfen werden - etwa durch ein Treffen Sean Spicers mit Ed Butowsky, das dieser dem Radiosender NPR gegenüber zugab.

Trumps Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders wies am Dienstagabend so auch jede Einmischung Donald Trumps in den Vorfall zurück. Auch Fox News bezeichnete Wheelers Vorwürfe als “falsch”.

Und noch eine Gruppe Menschen meldete sich nach der Veröffentlichung von Rod Wheelers Klageschrift zu Wort - die wohl wichtigste, wenn es um den Mord an Seth Rich und das unwürdige Medienschauspiel danach geht: die Familie des Toten selbst.

“Wir wissen nichts über die Beweise, die nun im Umlauf sein sollen”, schrieben die Familie dem CNN-Journalisten Oliver Darcy. “Wir hoffen, dass diese Sache der emotional schwierigsten Zeit unseres Lebens ein Ende bereitet. Und, dass sie ein Ende der Verschwörungstheorien bedeutet, die sich um den Tod unseres geliebten Seth ranken.”

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(ll)

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