Wie die Autoindustrie die Politik beim Diesel-Gipfel vorgeführt hat

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DIESEL
Diesel-Gipfel in Berlin | AXEL SCHMIDT via Getty Images
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  • In Berlin trafen sich Politiker mit den Spitzen der Autoindustrie
  • Der Diesel-Gipfel sollte ausloten, wie Dieselfahrzeuge umweltfreundlicher werden
  • Doch die Ergebnisse waren mager

War das ein Krisengipfel oder das Treffen einer Selbsthilfegruppe?

“Dieser Gipfel ist eine Fake-Veranstaltung”, hatte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, schon vor Beginn der Gespräche gepoltert. Und er sollte Recht behalten.

Beim Diesel-Gipfel in Berlin haben sich am Mittwoch Vertreter von Bundesregierung, mehreren Bundesländern und der Autobranche über Maßnahmen zur Schadstoffreduzierung bei Millionen Diesel-Fahrzeugen geeinigt.

Es ist ein Kompromiss, der weder Umweltschützer noch die jahrelang von Autokonzernen betrogenen Bürger zufriedenstellen kann.

Der Entwurf der vereinbarten Erklärung von Regierung und Industrie-Vertretern kursierte bereits seit Montag. Heute wurden dann einige der Maßnahmen bestätigt. Sie zeigen, wie mutlos die deutsche Politik im Umgang mit den Autoherstellern immer noch ist.

Denn das Ergebnis kann vor allem die Industrie freuen.

1. Es werden keine Hardware-Updates kommen

Die Autohersteller verpflichteten sich auf dem Gipfel, Dieselautos mit Euro-5- und teilweise Euro-6-Motoren ein Softwareupdate zu spendieren.

Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, hat ein solches Upgrade der Programme im Vorfeld des Gipfels scharf kritisiert: “Software-Updates sind keine Lösung”, sagte er.

Bei einigen Modellen habe man in Tests sogar höhere Werte an Stickoxiden (NOx) festgestellt, nachdem ein neues Programm installiert wurde.

Umweltschützer hatten daher auf Maßnahmen zum flächendeckenden Umbau von Abgas- und Motorenhardware gehofft. Doch die bleiben wohl eine freiwillige Option der Autohersteller.

Konkret sagte BMW zu, 225.000 Euro-5-Dieselautos in Deutschland nachrüsten. Das Update zur besseren Abgasreinigung werde für die Kunden kostenlos sein. VW will 2,5 Millionen Fahrzeugen updaten. Insgesamt sollen 5 Millionen Dieselautos in den kommenden Wochen in eine Werkstatt.

Das Software-Updates reichen, um die betroffenen Autos für Großstädte zu rüsten, ist unwahrscheinlich.

2. Die Software-Updates werden nicht ausreichen

Eines der größten Probleme der älteren Diesel-Autos ist der hohe Ausstoß von Stickoxiden. Umweltschützer beklagen, das die Stickoxid-Verschmutzung in Städten pro Jahr mehrere tausend Menschen das Leben kostet.

Für Dieselautos schreibt die Politik aktuell einen Ausstoß von 80 Milligramm Stickoxid pro Kilomter vor. Ab September diesen Jahres werden neue Messmethoden eingeführt. Dann können Diesel 168 Milligramm pro Kilometer ausstoßen.

Das Problem ist, wie der Motorenexperte und Ingenieur Olaf Toedtner vom Karlsruher Institut für Technologie gegenüber der HuffPost erklärt: Weder die vier Millionen Dieselautos der Euro-5 Klasse noch die bisher verkauften Autos der Klasse 6 werden durch Softwareupdates sauber genug, um die Vorgaben zu erfüllen.

"Mit einem Softwareupdate erreicht man bei Euro-5 Fahrzeugen höchstens eine Senkung des Ausstoßes bei Stickoxiden um 25 Prozent”, sagt Toedter. Das werde aber nicht reichen, um die neuen Abgasnormen - die unter dem Kürzel Euro 6d bekannt sind - zu erfüllen.

“In einem Best-Case-Szenario werden die Euro-5-Fahrzeuge mit einem Update etwas weniger als 500 Milligramm pro Kilometer unter Realfahrbedingungen ausstoßen."

Dieser Wert ist weit entfernt von den künftig geltenden 168 Gramm.

Auch die Idee, die Motoren-Hardware der alten Diesel nachzurüsten, sieht Toedter kritisch. Die entsprechenden Technologien seien noch nicht weit genug entwickelt und vor allem noch nicht sicher genug, um sie massenhaft zu verbauen. Die Ingenieure bräuchten zwei bis vier Jahre um die entsprechenden Technologien zu entwickeln, sagt Toedter.

Die Diesel-4-Fahrzeuge wurden in den Jahren 2009 bis 2013 verkauft.

"Technisch ist das so, als wenn sie versuchen würden, ein iPhone 3 so umzurüsten, dass es LTE-fähig ist - das lohnt sich nicht."

Auch ein Softwareupdate bei der ersten Generation der Dieselfahrzeuge mit Euro-6-Norm werde kaum reichen, um unter Realfahrbedingungen die Abgaswerte Euro6d zu erfüllen, erklärt Toedter.

Statt der geforderten 168 Milligramm pro Kilometer stoßen diese Fahrzeuge im Straßenbetrieb aktuell rund 500 Milligramm pro Kilometer aus. Mit einer neuen Software könnte der Wert auf rund 200 Milligramm sinken.

Fazit: Das von der Autoindustrie angebotene Software-Update wird nicht reichen, dass die Autos sauber genug für die deutschen Innenstädte werden.

3. Ausländische Hersteller bleiben außen vor

Zudem ist es dem Bundesverkehrsministerium nicht gelungen, ausländische Autohersteller zu den neuen Regelungen zu verpflichten. Sie sollen zu “vergleichbaren Maßnahmen" verpflichtet werden, Nachrüstungen sichern sie jedoch nicht zu.

Immerhin: Der US-Autohersteller Ford hat angekündigt, Kunden, die ihren alten Diesel verschrotten lassen, eine Prämie zwischen 2000 und 8000 Euro für einen neuen Ford zu zahlen.

Voraussetzung ist, dass die Wagen eine älteren Abgasnorm nach Euro 1, 2 oder 3 besitzen und bis 2006 zugelassen wurden. Daran könnten sich einige deutsche Hersteller ein Beispiel nehmen.

Immerhin BMW scheint sich hier zu regen: Der Autobauer kündigte eine Umweltprämie von bis zu 2000 Euro an für Kunden mit einem Dieselfahrzeug mit Euro-4-Abgasnorm oder älter.

Aber: Bedingung ist demnach der Erwerb eines BMW-Elektroautos i3, eines Plug-in-Hybrids oder eines Dieselwagens mit der Euro 6-Norm.

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(jg)

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