Erdogan-nahe Zeitung druckt Eroberungsfantasie: "Die Türkei kann Europa in 3 Tagen einnehmen"

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  • Die türkische Zeitung "Yeni Söz" druckt Eroberungsfantasien über Europa ab
  • "Wenn wir am Morgen beginnen, können wir unser Abendgebet im Schloss Bellevue haben“, heißt es darin
  • Die wichtigsten Infos des Textes seht ihr zusammengefasst im Video oben

Als "Zentrum des Nationalsozialismus“ hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Europa im April bezeichnet. Als "Kontinent, der in jeder Hinsicht verrottet“.

"Wenn ihr euch weiterhin so benehmt, wird morgen kein einziger Europäer auch nur irgendwo auf der Welt sicher einen Schritt auf die Straße setzen können“, warnte er die Europäer in einem anderen Interview.

Der türkische Staatschef hat damit eine neue Phase der Europafeindlichkeit in der Türkei eingeläutet. Dem Land, das seit 12 Jahren offiziell über den Beitritt in die Europäische Union verhandelt.

Wie weit diese Abneigung bei manchen reicht, zeigt jetzt die absurde Titelseite der regierungsnahen türkischen Zeitung "Yeni Söz“. Darauf hieß es am Dienstag: "Wenn wir heute früh anfangen, könnten wir Europa in drei Tagen erobern."

Die eher kleine Tageszeitung (verkaufte Auflage von rund 10.000 Exemplaren) gilt als Erdogan-nah und als Nischenmedium für einige AKP-Unterstützer.

Wie kommen die Journalisten auf die Eroberungs-Fantasien? Ganz klar ist das nicht.

Was deutlich wird: Die "Yeni Söz“ lehnt ihre These an den amerikanischen Politologen George Friedman, Gründer des Geopolitik-Instituts Stratfor, an.

"Wenn wir am Morgen beginnen, können wir unser Abendgebet im Schloss Bellevue haben“

Der hatte in der Vergangenheit mehrfach betont, er halte die Türkei für den militärisch stärksten Akteur in Europa.

Die "Yeni Söz“ schreibt:

"Friedman sagte, die Türken könnten Deutschland an einem Nachmittag und Frankreich, wenn sie überhaupt den Mut haben zu kämpfen, in einer Stunde besiegen. Friedman liegt falsch. Wenn man dem internationalen Forschungsinstitut Gallup glaubt, das gefragt hat, ob die Menschen für ihr Land kämpfen würden, haben die Europäer die weißen Fahnen schon jetzt ausgepackt, falls es zum Krieg kommt.“

Blöd nur: Friedmans Bemerkung, auf die sich die Zeitung hier bezieht, ist wohl ziemlich aus dem Kontext gerissen. Im Jahr 2009 sagte Friedman so bei einer Veranstaltung in Sydney, er glaube, die Türkei habe die "beste militärische Kapazität in Europa – mit der möglichen Ausnahme von Großbritannien".

Von Lachern begleitet schob er den von der "Yeni Söz" zitierten Satz nach: Offenbar eine bewusste Übertreibung, um den möglichen geopolitischen Aufstieg der Türkei zu illustrieren.

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Die Umfrage, auf die sich die Zeitung bezieht, ist offenbar rund zwei Jahre alt. Demnach wären 18 Prozent der Deutschen bereit, für ihr Land zu kämpfen. Bei den Briten waren es zum Befragungszeitpunkt 27 Prozent, bei den Franzosen 29 Prozent.

"Deutschland wird von seinen Bürgern im Stich gelassen“, schreibt die "Yeni Söz“ über das Ergebnis. "Wenn wir an einem Morgen beginnen, können wir unser Abendgebet im Schloss Bellevue haben“, so das martialische Fazit der Zeitung.

Was eine solche Kampfansage bezwecken soll, ist derweil völlig unklar. Im angespannten Verhältnis zwischen Ankara und Berlin wird sie jedoch wohl kaum zur Entspannung beitragen.

So bleibt nur zu hoffen, dass die Deutschen das Titelblatt der Zeitung als das verstehen, was es ist: ein albernes Hirngespinst.

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(ujo)


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