Intime Fotos: Frauen zeigen, was sie an ihrem Körper stört und erzählen, wie sie damit umgehen

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  • Die Fotografin Daisy Walker hat sechs Frauen und sich selbst fotografiert
  • Mutig zeigen die Frauen auf den Fotos, was sie an ihrem Körper stört
  • Und sie sagen anderen Frauen, warum es keinen Grund gibt, sich für Problemzonen zu schämen

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

Jeder Mensch hat Unsicherheiten und Komplexe. Sie sind so individuell wie die Personen selbst. Das Online-Magazin Refinery29 hat seine Leserinnen befragt und herausgefunden: 80 Prozent haben körperbezogene Unsicherheiten, die sie die Hälfte der Zeit beeinträchtigen.

Das sind zu viele, waren sich die Redakteurinnen einig. Also haben sie ein Projekt gestartet. Daisy Walker, die sich speziell mit der visuellen Repräsentation von Frauen und Gender-bezogenen Themen in der Mode beschäftigt, hat für das Magazin analog Frauen fotografiert – ganz ohne Make-up oder Nachbearbeitung.

Was dabei herauskam, ist ehrlich, roh und schön.

Niemand war zu 100 Prozent glücklich mit sich

Nach längeren Gesprächen mit den Damen wurde es immer deutlicher, dass wirklich niemand zu 100 Prozent glücklich ist mit dem Körper, den sie hat. Was den einen stört, könnte schon des Nächsten größter Traum sein, oder auch anders herum.

Die Frauen haben sich getraut, vor die Kamera zu treten, um ihre wunderschönen Makel zu zeigen und zu erzählen, warum und wie sie sich künftig nicht mehr daran stören wollen.

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Credit: Daisy Walker

Nellie

"Ich mag meinen Po mittlerweile. Wenn ich ehrlich bin, aber auch erst seit ein paar Monaten. Vorher habe ich lange Zeit mit ihm gehadert. Ich bin mit meinen 1,57 nicht besonders groß und auch immer zierlich gewesen. Selbst während der Pubertät, wenn bei den meisten Mädchen erste Komplexe eintreten, konnte ich zum größten Teil einfach in jeden Laden gehen und das kaufen, was ich sah, weil mir alles passte.

Menschen kommentierten, wie schmal meine Taille sei, das nahm ich als Kompliment an und sah überhaupt nicht, dass es ungesund sein könnte. Ich war so dünn, dass meine Periode drei Jahre lang ausblieb.

Als ich mich dazu durchringen konnte, zu einem Frauenarzt zu gehen, wurde festgestellt, dass ich PCO habe: Es hatten sich Zysten um meine Gebärmutter und meine Eierstöcke gebildet, die den Eisprung verhinderten – die Maßnahme? Ich sollte zunehmen.

"Lange Zeit trug ich nur weite Röcke"

Mein Körper war im Streikmodus und wäre es unter diesen Bedingungen auch geblieben. Unzählige Verhütungsmethoden, eine Trennung, sechs Monate durchgehendes Partyleben und sehr viel mehr Essen später hatte sich mein Körper komplett verändert.

Vor allem hatte ich aber plötzlich einen Po, der verhältnismäßig groß war. Außenstehende sagten mir immer wieder, dass ich 'endlich gesund‘ aussähe, doch ich fühlte mich plötzlich unwohl.

Meine Kleidergrößen waren nicht mehr dieselben, ich hatte auf einmal das Gefühl, ich müsse darauf achten, was ich anziehe, fand meine Garderobe nicht mehr schön an mir, vor allem die Jeans. Lange Zeit trug ich dann nur noch weite Röcke.

"Aber dann kam ich eines Nachts nach Hause und zog mich um und betrachtete mich währenddessen im Spiegel. Ich trug einen G-String und inspizierte meinen Körper ganz genau und dachte: Klar, er ist größer, ich habe ein paar Dehnungsstreifen, aber er sieht doch irgendwie gut aus. Man möchte ihn anfassen. Ja, und das ist jetzt meine Styledevise: diesen quetschbaren Po hübsch zu kleiden.“

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Credit: Daisy Walker

Taiba:

"Ich habe meine Brüste nie gemocht, weil ich nicht genau wusste, wie sie aussehen sollten. Im Fernsehen hatte ich zwar viele gesehen, aber keine sahen so aus wie meine. Meine Schwestern haben zudem wirklich große, pralle, schöne Brüste, ich dagegen kam mir immer so vor, als hätte ich eine Wette verloren. Meine sind kleiner, dafür habe ich aber größere Brustwarzen.

Aber dann kamen die Männer. Jeder meiner bisherigen Männer fand meine Brüste schön und hat mir das auch so gesagt. Mittlerweile sieht man es zum Glück auch häufiger, dass Frauen ihre Brüste feiern, egal welche Form sie haben. Auch wenn sie kleiner sein sollten. Meine Freundinnen beneiden mich oft darum, wie einfach es ist, einen BH zu finden.“

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Credit: Daisy Walker

Rose:

"Ich hatte immer Komplexe wegen meiner Oberschenkel und habe es erst kürzlich geschafft, darüber hinwegzukommen. Also dachte ich, dass dieses Shooting bestimmt ein schöner Anlass wäre, das zu feiern. Die Pubertät hat bei mir ziemlich früh eingesetzt und meine Schenkel waren das Erste, was man plötzlich sofort an mir bemerkte.

Ich war auf einer Mädchenschule. Dort gab es zwar keine pubertierenden Jungs, die mich hänseln konnten, aber stattdessen war ich umgeben von Mädchen, die meiner Meinung nach alle besser aussahen als ich, weil sie nicht meine Oberschenkel hatten. Dünne Beine, die sich nicht berührten, das war die Norm an dieser Schule.

Als es in den letzten zwei Jahren aber so viel Kritik zum gefährlichen 'Thigh-Gap-Trend' gab, hat mich das bestärkt. Erstens, weil immer wieder laut wurde, dass das einfach nicht gesund sei, und zweitens, weil es für ziemlich viele rein anatomisch gar nicht möglich ist, dem Trend zu folgen."

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Daisy:

"Ich habe wirklich breite Hüften. Als ich jünger war, war ich deshalb wütend und verzweifelt. Sie machten mir Kurven, die ich nicht wollte, weil sie so gar nicht zu meinem Verständnis von Schönheit passten. Meine Hüften wurden auch in der Schule kommentiert, manchmal sogar positiv. Ich litt bis zu meinem 19. Lebensjahr an einer Essstörung. Als die Therapie vorbei war, waren mir meine Hüften egal. Es war eine bewusste Entscheidung für das Glücklichsein.

Als Fotografin, zum Beispiel bei Castings, wird mir sehr bewusst, dass es meine Aufgabe ist, die Models repräsentativ auszuwählen, was Hautfarbe, Körperform und -größe angeht. Als Fotografin ist mir aber auch bewusst, dass mein Körper mein Grundgerüst ist.

Nur mit ihm kann erreichen, was ich erreichen will, nicht gegen ihn. Mein Körper ist das Werkzeug, das ich brauche, um meine Arbeit zu tun. Er macht mir möglich, meine Ziele zu erreichen. Mittlerweile bin ich eine Frau. Ich glaube, eine Magersucht basierte auf der Angst, eine Frau zu werden.“

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Credit: Daisy Walker

Raph:

"Ich hatte immer Probleme mit den Sommersprossen auf meinem Gesicht. Ich fand, dass sie meine Haut komisch aussehen ließen, krank und schlecht. In der Schule habe ich ausschließlich deckendes Make-up benutzt. Ich hatte ständig Panik, dass die Sommersprossen um meine Lippen herum aussehen würden, als würde mir Schokolade oder etwas anderes am Mund kleben.

Mittlerweile finde ich sie schön. Ich gebe Acht auf meine Haut und weiß sie auch zu schätzen. Sie machen mein Gesicht zu etwas Besonderem. Meine Schwester hat auch Sommersprossen und wenn ich sie sehe, finde ich sie wunderschön.“

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Credit: Daisy Walker

Tessa:

"Ich habe Dehnungsstreifen, seit ich elf Jahre alt bin. Ich habe damals in einer Tanzschule getanzt und bin enorm schnell gewachsen. Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich schon 1,78 Meter groß, das ist also einiges an Wachstumsschüben. Meine Haut war wohl einfach nicht so dehnbar.

Während einer Klassenfahrt in der neunten Klasse, haben ein paar Junges die Streifen gesehen und laut geschrien, ich hätte mich verletzt. Jeder hat sie gesehen, mir war das schrecklich unangenehm und ich habe den Rest der Reise Sweatpants getragen. Heute ist es nicht mehr ganz so schlimm, wenn sie etwas verblassen, dann beruhige ich mich auch.

"Anfangs habe ich immer Body-Make-Up benutzt"

Trotzdem sind mir vor allem die Streifen zwischen den Beinen sehr unangenehm, wenn ich zum Beispiel das erste Mal mit einem Mann schlafe. Mittlerweile arbeite ich als Model und mache auch viele Unterwäscheshootings mit. Anfangs habe ich zu jedem Shoot Body Make-up mitgebracht.

Bis ich bemerkte, dass meine jüngste Schwester auch schon welche hat und sich Sorgen macht. Wenn ich das sehe, denke ich sofort: Ich darf es nicht zulassen, dass sie bemerkt, wie große Sorgen ich mir deshalb mache. Für die Bilder und Poster werden Dehnungsstreifen natürlich wegretuschiert. Wenn ich dann mit Freunden mal am Strand bin, kommt auch immer wieder ein erstauntes Oh!“

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Credit: Daisy Walker

Sophia:

"Als ich noch zur Schule ging, gab es im britischen Fernsehen noch keine schwarzen Frauen im Fernsehen. Ich sah immer nur weiße Mädchen mit glatten Haaren, sie waren der Standard der Schönheit. Leider sah ich aus wie das komplette Gegenteil – da fällt es vor allem einem jungen Mädchen schwer, sich nicht zu fragen, ob man überhaupt für irgendwen schön aussehen kann.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, meine Haare zu glätten oder mir eine Verlängerung einarbeiten zu lassen. Erst vor anderthalb Jahren habe ich damit aufgehört. Ich habe mir die Haare kurz schneiden lassen, weil ich einfach dachte: Nein! Das war wie ein Weckruf. Seitdem fühle ich mir selbst näher als je zuvor. Das bin ich, ganz natürlich, so wie ich bin."

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