POLITIK
01/08/2017 21:21 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 14:05 CEST

Ein russischer Bericht zeigt das ganze Grauen, das Homosexuelle in Tschetschenien durchmachen mussten

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Ein russischer Bericht zeigt das ganze Grauen, das Homosexuelle in Tschetschenien durchmachen mussten

  • Seit Monaten machen die Behörden in der südrussischen Republik Tschetschenien Jagd auf Homosexuelle

  • Nun legt eine russische LGBT-Organisation erstmals einen umfangreichen Bericht vor

  • Darin schildern 33 Augenzeugen die unfassbaren Qualen, die sie erlebt haben

Die Opfer müssen Unvorstellbares durchgemacht haben. Anfang April berichtete die russische unabhängige Zeitung "Nowaja Gazeta" erstmals, dass staatliche Behörden in Tschetschenien Jagd auf Homosexuelle machen. Über zweihundert Menschen sollen in der russischen Teilrepublik verschleppt und gefoltert worden sein, mindestens 20 seien ermordet worden.

Zwar stritt der russische Außenminister Sergej Lawrow die Vorfälle noch Mitte Juli wegen angeblich fehlender Beweise ab. Doch ein am Montag veröffentlichter Bericht des Russian LGBT Network (Russisches LGBT-Netzwerk) zeigt erstmals detailliert, was in der Kaukasusrepublik im Süden Russlands genau passierte.

33 Augenzeugenberichte

Bisher haben sich mehr als 130 Menschen an das Netzwerk gewandt und um Hilfe gebeten. 64 waren aus Südrussland geflohen, sie bekamen einen sicheren Unterschlupf in zentraleren Regionen des Landes.

Journalisten der "Nowaja Gazeta" und Mitglieder der LGBT-Organisation sprachen mit 33 Opfern, die vor ihren Peinigern aus Tschetschenien geflohen sind.

Laut den Schilderungen soll es mehrere Verfolgungswellen gegeben haben: Die erste habe im Dezember 2016 begonnen und im Februar 2017 geendet. Die zweite sei von März bis Mai diesen Jahres erfolgt. Seitdem soll die dritte Welle rollen. Und die russische Regierung schaut weg.

Die Augenzeugenberichte belegen, wie brutal, menschenverachtend und organisiert die Sicherheitsdienste vorgegangen sind - und dass die Anweisungen dafür aus höchsten Kreisen kamen.

Mehr zum Thema: "Wie im Konzentrationslager": In einem russischen Gefängnis werden Schwule brutal gefoltert

"Sie haben die Folter genossen"

Um sie zu schützen, hat das LGBT Network die Namen der Betroffenen abgekürzt. Dies ist die Leidensgeschichte von A.B., die vielen anderen Berichten gleicht:

"Im Februar rief mich ein Freund spät in der Nacht an und fragte, ob er mich besuchen dürfte. Ich sagte zu. Als er ankam, ging ich nach draußen, um ihn zu sehen. Ich erblickte ihn zusammen mit anderen Leuten - sofort bemerkte ich, dass das eine Falle war.

Die anderen trugen Tarnuniformen. Sie erklärten, dass sie mich mitnehmen werden. Sofort begannen sie, auf mich einzudreschen und mich zu beschimpfen. Ich sei kein Mann, nur irgendeine Kreatur. Ich sei nichts. Und ich sollte besser ein Terrorist als eine Schwuchtel sein. Ein schmutziger Lappen wäre mehr wert als ich.

(...)

Ich ertrug so viel ich konnte, aber ich brach, als sie mir ein Video von Folterungen zeigten. Aufgenommen hatten sie es selbst. Sie hatten einen Kerl gefangen, der angeblich Kontakte zu Terroristen hatte.

Im Clip brachten sie ein Rohr und einen Stacheldraht. Das Rohr schoben sie dem Kerl in den Anus. Dann legten sie den Stacheldraht in die Röhre. Anschließend entfernten sie das Rohr - und zogen dann langsam den Stacheldraht heraus.

Als ich das Video sah und realisierte, dass sie auch bei mir das Rohr und den Stacheldraht mitgebracht hatten, brach ich innerlich. Ich war einverstanden, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

(...)

Sie haben die Folter genossen. Auch wir wurden gezwungen andere zu schlagen und mit Stromschlägen zu traktieren. Umgekehrt haben sie auch andere Insassen angewiesen, mit uns zu tun, was auch immer sie wollten.

(...)

Dort waren viele Leute: Der Chef der Polizeibehörde und andere Polizisten. Sie sagten, sie wüssten, dass ich schwul sei und dass ich nicht versuche solle, mich zu verstecken. Wenn ich ihnen die Wahrheit erzähle, wäre das besser für mich.

Sie wollten Informationen von mir haben - alles was ich über andere Schwule, Drogenabhängige und Terroristen wüsste. Sie sagten, wenn ich ihnen nicht mindestens drei Namen nenne, würden sie mich wegen etwas Ähnlichem anklagen und mich nie mehr aus dem Gefängnis lassen."

Jagd auf Schwule - ohne strafrechtliche Konsequenzen

Für viele der Betroffenen war es nicht das erste Mal, dass sie von den Behörden aufgrund ihrer - tatsächlichen oder vermeintlichen - sexuellen Orientierung festgenommen wurden. Doch in der Vergangenheit konnten sich die Männer meistens durch größere Bestechungszahlungen freikaufen - in Höhe von bis zu 1 Million Rubel (zur Zeit etwas mehr als 14.000 Euro).

Aber die derzeitige Jagd auf Schwule übertrifft die schwulenfeindliche Hetze der letzten Jahre bei weitem - ohne dass die Täter irgendeine Strafverfolgung fürchten müssen. Teilweise wurden die Homosexuellen - und all jene, die man dafür hielt - wochenlang gequält. So schilderte K.L. die Zustände während der Haft:

"Wir wurden gezwungen auf dem Boden zu liegen, mit dem Gesäß nach oben. Jeder in der Zelle schlug uns drei Mal mit einem Rohr.

Nach einer Woche waren bereits 18 LGBTs festgenommen und gefoltert worden. Der Jüngste war etwa 17 Jahre alt, der älteste um die 47 Jahre. Es wurde uns nicht erlaubt uns zu waschen. Einige Gefangene bekamen offene Wunden - die Zelle roch nach verrottetem Fleisch."

"Sie schlugen meinen Kopf gegen den Boden"

Dem Bericht des LGBT Network zufolge, versuchten sich mindestens drei Gefangene umzubringen. Einige starben an ihren schweren Verletzungen, die ihnen ihre Peiniger während der Folter zufügten.

Wie perfide sie dabei vorgingen, berichtete I.J.:

"Sie warfen mich auf den Boden und prügelten auf mich ein. Sie boxten in meinen Brustkorb und in mein Gesicht, meinen Kopf schlugen sie gegen den Boden. Einer von ihnen sagte: 'Schlagt ihn nicht, wenn er in Schockstarre ist. Dann spürt er keinen Schmerz. Das brauchen wir nicht.'

Sie gaben mir weibliche Bezeichnungen und forderten Namen von anderen Schwulen, die ich kannte. Wenn ich das nicht machte, drohten sie mir mit dem Tod.

(...)

Einer der Leute, die mich packten, war unser örtlicher Polizeibeamte."

Mehr zum Thema: Eine tschetschenische Gang terrorisiert ihre Landsleute in Berlin - nun ermittelt der Staatsschutz

Auch die Familie gibt keine Sicherheit

Die Augenzeugenberichte zeigen laut Russian LGBT Network "zweifellos", dass hinter dem Grauen tschetschenische Regierungsstellen stecken.

Doch das ist nicht das einzige Problem: Die Freigelassenen sehen sich in der extrem konservativen und patriarchalen Gesellschaft Tschetscheniens weiteren Anfeindungen - selbst engster Familienmitglieder - ausgesetzt.

So sollen die Behörden sogar Freibriefe für das Töten von schwulen oder bisexuellen Familienmitgliedern ausgestellt haben.

Wie ausweglos die Situation für die Betroffenen sein muss, wird ansatzweise spürbar, wenn man Tschetscheniens autoritärem Präsidenten Ramsan Kadyrow zuhört.

Der sagte vor Kurzem in einem TV-Interview mit dem US-Sender HBO: "Das ist Quatsch. Wir haben hier solche Leute nicht. Bei uns gibt es keine Schwulen."

Während der Aussage lachte Kadyrow. Das sagt alles - und in beängstigender Weise könnte er bald sogar recht haben.

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(jg)

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