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31/07/2017 17:04 CEST | Aktualisiert 31/07/2017 17:16 CEST

"Gratis-Sex für Asylanten – Landratsamt zahlt!": Warum jeder wissen sollte, was hinter dieser Falschmeldung steckt

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"Gratis-Sex für Asylanten – Landratsamt zahlt!" - doch das stimmt nicht!

  • Die Seite "Der Volksbeobachter" lockt mit unglaublichen Nachrichten

  • Unter anderem sollen Asylbewerber kostenlose Sex-Dienstleistungen erhalten haben

  • Die Meldung war natürlich Quatsch - und die Webseite Teil eines wissenschaftlichen Experiments

Einmal pro Woche soll ein Wohnmobil vor dem Flüchtlingsheim in Bad Eulen halten – an Bord zwei Sexarbeiterinnen, die die Bedürfnisse der Bewohner befriedigen sollen. Für das Vergnügen zahle das Landratsamt. Überschrieben ist der Bericht der Seite "Der Volksbeobachter" mit: "Gratis-Sex für Asylanten – Landratsamt zahlt!"

Wer spätestens hier stutzig wird, reagiert völlig richtig. Denn die Meldung ist von vorne bis hinten erlogen. Es werden weder Prostituierte für Sex mit Flüchtlingen bezahlt, noch gibt es überhaupt eine Stadt "Bad Eulen".

Der Artikel und drei weitere Berichte ("Mark Zuckerberg entschuldigt sich bei Flüchtling", "Flüchtling schnappt Deutschem den Job weg" und "Name missfällt: Grüne wollen Café 'Mohrenkopf' schließen") dienten der Wissenschaft.

Mehr zum Thema: 37 Busse mit Afrikanern fahren heimlich über den Brenner - das steckt hinter der Meldung

Viele verbreiten die Fake-News ungeprüft weiter

Eine Forschungsgruppe um den Kommunikationsprofessor Wolfgang Schweiger von der Universität Hohenheim in Stuttgart hatte die Artikel auf die eigens eingerichteten Nachrichtenseite "Der Volksbeobachter" und auf Facebook gestellt. Sie wollte die Verbreitung von gefälschten Nachrichten untersuchen.

Das erschreckende Ergebnis: Etliche Facebook-Seiten und -Nutzer verbreiteten die Fake-News ungeprüft weiter - auch, weil die Meldungen in das Weltbild der Zielgruppe passten.

So teilt auch die Seite "Deutschland braucht die Wende" den "Gratis-Sex"-Artikel - obwohl die Betreiber bei einigen Fakten stutzig wurden. Begründung: "Wir sind der festen Überzeugung, dass derartige Dinge jeden Tag (auf Kosten der Steuerzahler) in der bunten Merkel-Republik geschehen und vertuscht werden."

Filterblasen gewinnen an Bedeutung

Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse warnt Kommunikationswissenschaftler Schweiger im Gespräch mit dem SWR: "Wir werden diese Filterblasen und Echokammern weiterhin in den sozialen Netzwerken haben. Wenn diese als Nachrichtenquelle an Bedeutung gewinnen, dann wird das auf jeden Fall die Polarisierung, die bei uns auch allmählich anfängt, verstärken."

Zugleich habe der Versuch mit dem "Volksbeobachter" gezeigt, dass nur mit einer Stunde Arbeit eine hohe Reichweite erreicht werden könne.

Die Wissenschaftler um Schweiger haben mittlerweile den "Gratis-Sex für Asylanten"-Artikel und ihre anderen Falschmeldungen als Fake-News gekennzeichnet. Doch die Klarstellungen erreichen bei weitem nicht so viele Nutzer, wie das bei der Originalnachricht der Fall war.

Und das verdeutlicht ein weiteres Problem: Sind Fake-News einmal im Umlauf, lassen sie sich nur schwer widerlegen.

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(jg)

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