POLITIK
28/07/2017 18:53 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 12:38 CEST

Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

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Tatort Plattenbau: Ein Polizist zeigt uns die wahren Probleme in Berlin-Hohenschönhausen

  • Seit vier Jahren geht Polizist Erik Saß in Berlin-Hohenschönhausen auf Streife

  • Wir haben ihn begleitet - und eine sonst verborgene Seite des Bezirks entdeckt

Eine Handgranate im Kofferraum. Ein blutüberströmter Mann. Ein Säufer, der Frau und Kind mit einer Lampe attackiert.

Kommissar Erik Saß, 28, springt gedanklich von Einsatz zu Einsatz, als wir mit einem Polizeitransporter der Marke Renault durch sein Revier in Berlin-Hohenschönhausen fahren.

Vier Jahre ist er hier schon im Dienst und kennt jede Straße. 70 Kilometer sind wir unterwegs, es geht durch Villen- und Plattenbauviertel.

70 Kilometer fahren wir durch Villen- und Plattenbauviertel

Für die tristen Plattenbauten ist der Bezirk über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Wer die Straßen Hohenschönhausens abfährt, merkt aber: Der Stadtteil ist fast idyllisch. Es gibt viele Alleen, Parks, Teiche, wenig Verkehr und kaum Müll auf den Straßen.

Was sich in "der Platte" in den tausenden Wohnungen abspielt, bleibt den Besuchern verborgen. Normalerweise.

Denn Saß kann davon erzählen. Wir biegen auf die Zingster Straße ein, die sich durch eine der Plattenbauvierteln zieht.

"Kein sozialer Brennpunkt"

"Hohenschönhausen", sagt er, "ist kein sozialer Brennpunkt".

Tatsächlich geht es hier laut Statistik deutlich friedlicher zu als in Bezirken wie Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg. Alleine am Alexanderplatz und dem Kottbusser Tor gibt es pro Woche mehr Straftaten als in Hohenschönhausen in einem Monat.

Wenn aber Saß zu einem Einsatz in der Platte fährt, dann meist wegen Straftaten, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen: Es geht um Ruhestörung, oft auch um Gewalt oder Suizid.

"Die Einwohnerdichte ist hoch, hier sind die Mieten günstig, hier kommt es schneller zu Problemen", sagt Saß. Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, Migranten, Rechte: Sie alle wohnen hier Tür an Tür. Und das sorgt für Ärger, bis zu acht Einsätze hat Saß pro Schicht.

"Angeschrieen, beschimpft, beleidigt"

"Häusliche Gewalt", sagt er, "ist etwa ein brisantes Thema".

Während wir durch die Straßenschluchten fahren, erzählt er von einem Trinker, der stark alkoholisiert mit einer Lampe um sich warf.

"Der schlug nicht nur seine Frau, sondern traf damit auch seine Kinder", sagt er. Die Schmerzen waren so stark, dass die Kinder extrem laut schrien. "Das sind Einsätze, die man nicht vergisst." In solchen Situation wisse er nicht, um wen er sich zuerst kümmern solle. Das Kind? Die Frau? "Solche Einsätze machen einen manchmal echt kaputt".

Saß wurde einmal zu einer arabischen Familie gerufen, die ihre Tochter mit Schlägen unterdrückten. Als sie in die Wohnung kamen, "wurden wir angeschrien, beschimpft und beleidigt".

"Da, wo Alkohol fließt, gibt es Probleme"

Am Ende kam das Mädchen in den Opferschutz.

Der Tatort Plattenbau - er führt auch für Polizisten in schwierige Einsätzen.

Die Türen lassen sich in den alten DDR-Bauten nur schwer aufbrechen, weil sie mit schwerem Metall verschlossen sind. Die Flure sind eng und verwinkelt, sodass es kaum möglich ist, sich zurückzuziehen, wenn es brenzlig wird. Und die Wohnung sind nicht immer gleich gebaut, wie man denken könnte - "da weiß man nie, was einen erwartet."

Immer wieder erlebt Saß auch, dass Alkohol im Spiel ist. "Und da, wo der fließt, gibt es viele Probleme". Gefühlt jeder zweite Einsatz, sagt er, hätte irgendetwas mit Alkohol zu tun.

Wir fahren am Wartenberger Imbiss vorbei, einer kleinen Bude. Morgens, Mittags, Abends kommen Anwohner hierher, um ihr Bier zu trinken.

"Alkohol ist gerade für abgehängte Personen eine leicht zugängliche Droge", sagt Saß. "Einige trösten sich, andere werden mutiger."

Nicht weit von hier hat er auf offener Straße eine große, freilaufende Dogge erschossen.

"Sonst wird man schnell zynisch"

Ringsherum stand eine Gruppe von angetrunkenen Gaffern, die sich lautstark darüber beschwerten und ihn anpöbelten. "Dabei griff die Dogge vor aller Augen eine Passantin und auch uns an", sagt Saß. "Wer Alkohol getrunken hat, verliert aber das Gespür für solche Situationen."

Außerdem erzählt er von einem Fall, den er so schnell nicht vergessen wird.

Als er in ein Einfamilienhaus gerufen wurde, ergab sich vor ihm ein grauenhaftes Bild, sagt er. Ein Mann lag aufgeschlitzt auf dem Fußboden. Überall Blut.

Saß ging erst von einem Mord aus. Doch später stellte sich heraus, dass der Mann zu Hause betrunken durch eine Scheibe fiel und sich dabei die Pulsadern aufschlitzte.

Er erzählt solche Geschichten, als seien sie das normalste auf der Welt. Doch das sind sie nicht, auch nicht für Saß.

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"Ich treffe eine ganze Reihe Menschen, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann", sagt er.

Der Dieb, der stiehlt, der Trinker, der seine Frau schlägt oder der Querulant, der noch an der DDR hängt. Oder der Gangster, der eine Handgranate im Kofferraum hat.

"Wichtig ist, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass man es hier nicht mit einem Querschnitt der Gesellschaft zu tun hat, sondern mit einem ganz bestimmten Klientel", sagt er. "Sonst wird man schnell zynisch."

Und zynisch, das ist er noch nicht geworden. Er mag sein Revier, er mag die Menschen hier.

"Mir macht mein Beruf Spaß. Wenn ich ein Danke höre, dann kompensiert das die Strapazen tausendfach."

Die HuffPost berichtet eine Woche aus Berlin-Hohenschönhausen. Hier findet ihr die bereits erschienen Beiträge:

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(ll)

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