"Spiegel"-Journalist beklagt "Kampf gegen Andersdenkende" in Deutschland - und verrennt sich völlig

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  • Ein Münchner Wirt musste sein Restaurant schließen, nachdem sich Pegida regelmäßig bei ihm getroffen hatte
  • Für "Spiegel"-Kolumnist Jan Fleischhauer ein Paradebeispiel, dass bestimmte Meinungen nicht mehr toleriert werden
  • Wie es zur Schließung des Restaurant in München kam, seht ihr im Video oben

Auf den ersten Blick scheint der Fall wie eine Provinzposse - doch er hat inzwischen deutschlandweit Aufsehen erregt:

In München musste kürzlich ein italienischer Wirt sein Restaurant schließen, nachdem bei ihm regelmäßig ein Pegida-Stammtisch stattgefunden hatte.

Ein örtlicher SPD-Politiker störte sich an dem Stammtisch und wies den Wirt bei einem Besuchs des Restaurants darauf hin, dass sich bei ihm regelmäßig Pegida-Anhänger treffen würden. Der Wirt wollte seine Kunden aber im Restaurant behalten - nun ist er pleite, weil sein Umsatz erheblich zurückging, nachdem bekannt wurde, dass er die Pegidisten bewirtet hatte.

Auch die HuffPost berichtete über den Fall.

"Kampf gegen Andersdenkende"

Knapp eine Woche nach der Schließung des Restaurants in München greift der "Spiegel"-Journalist Jan Fleischhauer das Thema noch einmal auf - und beklagt in einer Kolumne, dass der Kampf gegen rechts aus dem Ruder gelaufen sei - und abweichende Meinungen nicht mehr akzeptiert würden.

Er sieht den Münchner Vorfall exemplarisch für einen "Kampf gegen Andersdenkende" und bezeichnet den Fall als eine "Teufelsaustreibung in München".

Fleischhauer schreibt: "Ich halte den Vorgang für symptomatisch (...). Er zeigt meiner Meinung nach, wie sich der Kampf gegen rechts so weit verselbständigt hat, dass jedes Augenmaß verloren gegangen ist."

Das Problem: Der vorliegende Fall ist für solch eine Diagnose denkbar ungeeignet.

casa mia
Das betroffene Restaurant, das "Casa Mia" in München-Sendling

Fleischhauer: "Gäste sollten nach Gesinnung aussortiert werden"

Der Spiegel-Kolumnist bezieht sich weitestgehend auf die Schilderung der "Neuen Zürcher Zeitung". Die Zeitung schreibt, dass das Lokal dazu gezwungen worden sei, "die Gäste nach Gesinnung auszusortieren".

Der SPD-Politiker, der den Fall öffentlich gemacht hatte, bestreitet das gegenüber der HuffPost.

Fakt ist: Stadt und Bezirksausschuss haben Costa darauf hingewiesen, dass er die Pegida-Leute nicht bei sich dulden muss. Doch der Wirt lehnte jegliche Hilfe ab. Er beschwerte sich sogar wutentbrannt bei der städtischen "Fachstelle für Demokratie", wie eine Mitarbeiterin der HuffPost erzählte.

Ja, es kam zu vereinzelten Demonstrationen vor dem Restaurant. Diese richteten sich aber vor allem gegen den darin tagenden Pegida-Stammtisch. Es kam auch zu zwei Graffiti-Schmierereien an der Hauswand des Lokals.

Fleischhauer beklagt "aggressiven Milieuschutz"

Doch Fleischhauer jazzt die auch von der örtlichen Zivilgesellschaft getragenen Proteste zu einer "Art von aggressivem Milieuschutz" hoch, den "man bislang nur aus Ostdeutschland" kannte:

"Wo die Nazis mit ganz ähnlichen Einschüchterungskampagnen für das sorgen, was sie anschließend stolz 'national befreite Zone' nennen."

Ein ungeheuerlicher Vergleich.

Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied darin, ob ein Wirt jegliche Hilfsangebote ausschlägt, daraufhin die Gäste ausbleiben und er deswegen schließen muss. Oder ob Neonazis aggressiv und oft gewalttätig gegen Andersdenkende vorgehen, gegen Migranten und alle jene, die nicht in ihr beschränktes Weltbild passen.

casa mia
Aushang im "Casa Mia"

Selbst Mitorganisatoren beklagten sich über "rechtsextreme Unterwanderung"

In der Argumentation von Fleischhauer (und auch in der "NZZ") fehlen zentrale Aspekte, die für das Verständnis des Falls wichtig sind:

Erstens liegt der Besuch des SPD-Politikers nicht nur "einige Monate" zurück, wie Fleischhauer schreibt, sondern passierte bereits Anfang 2016. Auch die "NZZ" suggeriert einen direkten Zusammenhang zwischen der Intervention des Politikers und der Schließung des Lokals.

Allerdings war spätestens im Juni 2016 der Streit erledigt, da sich der Pegida-Stammtisch nicht mehr im "Casa Mia" traf. Das heißt, den Umsatzrückgang von bis zu 25 Prozent verzeichnete Costa erst nach dem Streit.

Gut möglich, dass etliche Gäste in dem multikulturell geprägten Stadtteil die Haltung des Wirts nicht teilten - und deshalb wo anders essen gingen.

Zweitens verschweigen sowohl Fleischhauer als auch der "NZZ"-Autor, wer genau sich im "Casa Mia" traf.

Pegida München wird von Aktivisten rechtsextremistischer Parteien und Organisationen dominiert, darunter die NPD, der Dritte Weg, Die Rechte und die Identitäre Bewegung.

Laut dem bayerischen Verfassungsschutz sind "wesentliche Teile des Vorstands von Pegida München der rechtsextremistischen beziehungsweise verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene zurechenbar".

Sogar Michael Stürzenberger, Chef der rechtspopulistischen Kleinstpartei "Die Freiheit" und regelmäßiger Autor beim islamfeindlichen Blog "Politically Incorrect", beklagte sich über die "rechtsextreme Unterwanderung" bei Pegida München.

Stürzenberger war bis zu seiner Distanzierung selbst im Organisationsteam von Pegida München (bzw. dessen Vorgänger Bagida) aktiv.

Der Wirt wollte auf den zweifelhaften Umsatz nicht verzichten

Doch dem Wirt waren die ihm bekannten Vorwürfe gegen seine zweifelhaften Gäste egal - weil er auf den Umsatz nicht verzichten wollte.

Das war seine Entscheidung als Privatmann. Das ist sein gutes Recht. Auch der Ärger einiger Anwohner ist verständlich, die nun woanders essen gehen müssen. Andere mögen auch entschieden haben, eben wegen des Pegida-Stammtisches nicht mehr ins Casa Mia zu gehen. Daraus, wie Fleischhauer, einen Fall von Meinungsunterdrückung zu machen, schießt weit übers Ziel hinaus.

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(ben)

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