In Augsburg zerstören Kinder ein Denkmal - doch der eigentliche Skandal ist das Verhalten der Eltern

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  • Der NDR-Journalist Michel Abdollahi hat in Augsburg ein Friedensdenkmal aufstellen lassen
  • Innerhalb von Minuten haben Kinder es zerstört, während die Eltern tatenlos zugesehen haben
  • Wie das Denkmal zugerichtet wurde, seht ihr im Video oben

Der NDR-Journalist Michel Abdollahi hat auf Facebook einen wütenden, traurigen und enttäuschten Brief an alle Augsburger veröffentlicht. Kinder haben ein Friedensdenkmal, das er in der Stadt hat aufstellen lassen, zerstört.

Vor einigen Tagen hat das Augsburger Friedensbüro seine Kunstinstallation "Der Schwamm" in der Innenstadt aufgebaut. Dabei handelt es sich nicht nur um einen riesigen Schaumstoff-Schwamm, sondern auch um ein Friedensdenkmal.

Die Installation soll ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz setzen.

"Der Schwamm ist bewusst einfach gehalten, ein Objekt, das alle kennen und nutzen. Niemand kann sich dran verletzen oder stoßen, er federt alle Einwirkungen ab, er gibt nach, behält aber stets seine Form", erklärt Abdollahi die Idee des Denkmals.

Die Schilder waren nicht zu übersehen

Der Schwamm wurde bereits im Herbst 2016 in Hamburg ausgestellt, doch ist dort einem Brandanschlag zum Opfer gefallen. Die ermittelnden Behörden gehen laut Abdollahi bis heute von einem fremdenfeindlichen Motiv aus.

Auf Einladung des baden-württembergischen Landtags installierte er in Stuttgart einen neuen Schwamm, den das Augsburger Friedensbüro anlässlich des Friedensfestes in der Stadt aufstellte.

Abdollahi hat den Schwamm zwar nicht schützen, aber mit Schildern versehen lassen. Für jeden, der die Schilder las, war also offensichtlich, dass es sich um ein Friedensdenkmal handelt.

Die Eltern machten noch Fotos vor dem Denkmal

Deshalb konnte Abdollahi nicht glauben, was passierte. Nach weniger als 24 Stunden war der Schwamm vollkommen zerstört. Kinder hätten "ziegelsteingroße Blöcke aus dem Schwamm gerissen und auf dem Platz verteilt".

Aber Kinder sind eben Kinder. Deshalb hat es den Journalisten auch viel mehr empört, wie sich die Eltern verhalten haben.

"Keiner bückte sich, um auch nur ein Stück Schaumstoff zu entsorgen, obwohl der Mülleimer daneben stand. Keiner ermahnte sein Kind. Ganz im Gegenteil", schreibt Abdollahi. "Die Kinder wurden auf dem Schwamm geparkt ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, warum dieses Objekt hier steht."

Es geht Abdollahi aber weniger um den Schwamm als darum, was das Verhalten der Eltern über unsere Gesellschaft aussagt. Eltern, die seelenruhig beobachten, wie etwas zerlegt wird, bereiten ihm Sorgen. Auch hätte er die Erwachsenen dabei beobachtet, wie sie sich selbst vor dem Schwamm fotografiert hätten - ohne sich dafür zu interessieren, worum es sich dabei überhaupt handelt.

Passend zum Thema: Eine Pädagogin warnt: Viele Eltern lassen sich von ihren Kindern dominieren - und schaden ihnen damit

Dann hätten sie in Seelenruhe geraucht und auf ihrem Handy herum getippt, während ihre Kinder den Schwamm zerstörten und Augsburgs Innenstadt zumüllten.

Abdollahi: "Dass die Gesellschaft verroht, ist kein Wunder"

"Wenn wir dieses Bild jetzt weitermalen und auf andere Situationen anwenden, was dann?", fragt sich Abdollahi. "Interessiert es genauso wenig, wenn die Kinder in die Radikalität abdriften? Wenn sie anfangen zu mobben und zu hassen? Verbrechen zu begehen? Sich Rassismus und Intoleranz zu eigen zu machen? Reagieren die Eltern dann auch nicht?"

Schließlich hätte Abdollahi einige Kinder ermahnt, zwar mit dem Schwamm zu spielen, aber keinen Müll zu hinterlassen. Vier Kinder hätten daraufhin dafür gesorgt, dass der Platz sauber blieb.

"Es zeigt, wie einfach es geht, zu erläutern und eine Wirkung zu erzielen. Und vielleicht im nächsten Schritt zu verhindern, dass aus friedlichen Kindern, hassende Erwachsene werden", schreibt Abdollahi und appelliert an alle Eltern, ihren Kindern Zuneigung, Aufklärung, Interesse und Liebe zu schenken.

"Wenn das fehlt, weil Handy, Zigarette oder die eigenen Probleme wichtiger sind, als das Interesse am eigenen Kind", schreibt Abdollahi, "dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass unsere Gesellschaft zunehmend verroht."

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(lira)

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