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27/07/2017 18:58 CEST | Aktualisiert 27/07/2017 19:59 CEST

Die Maßnahmen, die Union und SPD für Familien planen, gehen komplett an der aktuellen Notlage vorbei

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Kurz vor der Wahl lässt die Regierung Millionen Deutsche im Stich - der Fehler wird sich bald rächen

  • Familie ist eines der beherrschenden Themen im Bundestagswahlkampf

  • Doch die Maßnahmen von Union und SPD gehen komplett an den Bedürfnissen von Eltern vorbei

  • Die haben derzeit nämlich vor allem ein Problem: die katastrophale Geburtshilfe

Wenn man die Regierungspolitiker so reden hört, könnte man meinen, keiner von ihnen hätte je eine Familie aus der Nähe gesehen. Geschweige denn, einer von ihnen würde selbst Kinder großziehen.

Kurz vor der Bundestagswahl schwadroniert die SPD von Familientarif und Kinderbonus, die Union ereifert sich mit ihrer Idee, ein Baukindergeld einzuführen.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Chef Martin Schulz, wie wichtig Kinder für die Entwicklung Deutschlands seien.

Aber all ihre Konzepte, mit denen sie junge Familien stärken wollen, haben eins gemein: Sie könnten nicht weiter von der Lebensrealität der Menschen entfernt sein, an die sie sich richten.

Geburtshilfe? Kein Thema für Union und SPD

Bezahlung während der Elternzeit, Kindergeld, Betreuungspauschale: Das Einzige, worüber sich Union und SPD Gedanken machen, sind die finanziellen Aspekte.

Einen nicht ganz unerheblichen Teil des Elternseins klammern die Regierungspolitiker aber aus: das Kinderkriegen. Denn: Werdende Mütter werden von der Politik vollkommen im Stich gelassen.

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Viele von ihnen leben während der Schwangerschaft in der stetigen Angst, dass sie am Tag der Geburt kein Krankenhausbett bekommen, weil immer mehr Kreißsäle schließen - oft aus finanziellen Gründen.

Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass es 1991 noch 1186 Kreißsäle in Deutschland gab, Ende 2015 waren es nur noch 709. 40 Prozent weniger.

Das ist umso dramatischer, weil die Geburtenrate in Deutschland so hoch ist wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr.

Überfüllte Kreißsäle und verzweifelte Mütter

Betroffen sind oft kleinere Städte oder ländliche Gegenden. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" verloren in den vergangenen zwei Jahren 40 Städte ihre Kreißsäle, darunter Schrobenhausen und Lörrach.

Doch auch in Großstädten haben werdende Mütter mit dem Problem zu kämpfen. Hier werden Kreißsäle aus mehreren Stadtteilen zusammengelegt. Die verbleibenden sind überfüllt.

In München etwa, wo die Geburtenrate zwischen 2006 und 2016 um 40 Prozent gestiegen ist, werden Schwangere am Tag der Geburt immer häufiger an der Krankenhaustür abgewiesen.

Eine junge Mutter berichtete der HuffPost erst vor einigen Wochen, wie groß ihre Angst war, nicht aufgenommen zu werden.

Virginia Lang litt unter einer Schwangerschaftsdiabetes. Das Hauptrisiko bei der Krankheit besteht darin, dass das Kind zu schwer wird, um noch auf natürlichem Wege auf die Welt zu kommen.

Geburten sind kein rentables Geschäftsmodell

Lang hatte daher einen Termin zur Einleitung der Geburt vereinbart - doch dann kam der Anruf der Klinik, dass der Kreißsaal überfüllt sei.

“Ich wurde gebeten, dass ich jeden Tag in der Früh anrufen soll, ob ich zum Einleiten der Geburt kommen darf”, sagte sie. Doch auch an den folgenden Tagen sei der Kreißsaal zu voll gewesen.

"Fünf Tage später bin ich dann einfach in die Klinik gegangen, denn das war der Stichtag für mein Kind und es war klar, dass es jetzt definitiv losgehen muss. Ich war in diesen Tagen sehr angespannt."

Der Grund, warum so viele Geburtsstationen schließen oder zusammengelegt werden, liegt für Kritiker auf der Hand: Geburten sind kein rentables Geschäftsmodell. Laut dem "SZ"-Bericht machen sechs von zehn Geburtsstationen Verluste.

Die Maßnahme: berechenbare, planbare Geburtshilfe. Denn während eine natürliche, dabei aber zeitaufwendigere Geburt zwischen 1500 und 2000 Euro kostet, kann ein Krankenhaus für einen Kaiserschnitt zwischen 2500 bis 5000 Euro berechnen.

Die Politik zieht sich aus der Verantwortung

Handlungsbedarf sieht die Politik trotzdem nicht. In Nordrhein-Westfalen, wo allein im Bergischen Land innerhalb eines Jahres drei Kreißsäle geschlossen haben, sieht das Landesgesundheitsministerium derzeit keinen Versorgungsengpass. So zumindest lautete die Antwort auf eine Anfrage der “Rheinischen Post” vor einigen Monaten.

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Der Tenor aus anderen Bundesländern ist ähnlich. Eine klare Fehleinschätzung, wenn man sich Fälle wie die einer schwangeren Berlinerin anschaut, die vor Kurzem für Schlagzeilen sorgte. Sie wurde im Krankenhaus abgewiesen und musste ihr Kind im eigenen Auto auf dem Parkplatz zur Welt bringen.

Das Problem hört mit dem Platzmangel in Geburtsstationen aber nicht auf. Auch die Betreuung macht Sorgen. Viele Schwangere berichten von großen Schwierigkeiten, eine Hebamme zu finden, die sie vor und nach der Geburt berät und unterstützt.

Die Hamburgerin Christina Osterholt beschreibt in einem Gastbeitrag für die HuffPost gar, dass die Angst, keine Hebamme zu finden, ihr den Spaß an der Schwangerschaft genommen habe.

"Ich habe schon vier Tage nach dem Schwangerschaftstest mit der Suche nach einer Hebamme begonnen”, schreibt sie. “Stundenlang habe ich gesucht, mein Leben hat sich nur noch darum gedreht. Aber ich habe eine Absage nach der anderen bekommen. Ich war verzweifelt."

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Wie viele andere fordert Osterholt Maßnahmen von der Regierung. "Ich verstehe einfach nicht, wie die Politiker angesichts dieser großen Problematik nur zuschauen können. Die Gesetzeslage muss sich dringend ändern."

Der Beruf der Hebamme droht auszusterben

Damit spielt die Hamburgerin vor allem auf die hohe Haftpflichtversicherung für Hebammen an. Die Haftpflicht sichert die meist freiberuflich tätigen Hebammen im Falle von Geburtsschäden ab.

Für freie Hebammen ist die Summe in den vergangenen Jahren von etwa 400 Euro im Jahr 2000 auf aktuell über 7000 Euro gestiegen.

Die logische Folge: Viele Hebammen sehen sich gezwungen, die Geburtshilfe aufzugeben und sich nur noch der Vor- und Nachbereitung der Geburt zu widmen.

"Die Politiker müssen die Versicherungsprämien für Hebammen runtersetzen, weil diese zu hoch sind", fordert Osterholt. "Die Hebammen können sie sich einfach nicht mehr leisten."

Sie hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und dem Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) einen Brief geschrieben und ihnen die Problematik aus Sicht einer werdenden Mutter beschrieben. Das Schreiben blieb unbeantwortet.

Hebammenverband fordert die Regierung zum Handeln auf

Auch der Deutsche Hebammenverband (DHV) warnt vor dem Ernst der Lage. Er hat die im Bundestag vertretenen Parteien dazu aufgefordert, zu den Problemen der Geburtshilfe Stellung zu beziehen.

Einer der Vorschläge: Hebammen in strukturschwachen Regionen finanziell fördern. Das halten sowohl SPD als auch Union für den falschen Weg, wie aus ihren Antworten hervorgeht.

Auch die Forderung nach einem Eins-zu- eins-Betreuungsschlüssel lehnen die Regierungsparteien ab. Das würde bedeuten, dass jede Frau während der Geburt durchgehend eine Hebamme an ihrer Seite hat.

Derzeit betreuen viele Hebammen bis zu drei Gebärende gleichzeitig, wie eine Umfrage von 2015 ergibt.

Mehr zum Thema: 11 Dinge, die eine Hebamme dir sagen will

Auf die Vorschläge, die Hebammen finanziell mit einem Haftungssystem zu entlasten, gehen die Politiker in ihren Antworten gar nicht ein. Hier schlägt der DHV unter anderem vor, einen Haftungsfonds und eine Haftungshöchstgrenze für Hebammen einzuführen.

All das zeigt: Das ganze Gerede über die Förderung von Familien ist rein gar nichts wert, wenn die Politiker beim Thema Geburtshilfe nicht eingreifen.

Denn wenn Mütter ihre Kinder nicht gefahrlos auf die Welt bringen können, was nützen dann Familientarif, Kinderbonus und Elternzeit plus? Richtig. Nichts.

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(sma)