Bei diesen Argumenten der Gegner von Elektro-Autos solltet ihr besonders vorsichtig sein

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Verkehr in Frankfrut am Main | AM-C via Getty Images
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  • Zahlreiche Länder verbieten die Neuzulassung von Benzin- und Dieselfahrzeugen
  • Experten fordern diesen Schritt auch für Deutschland - stattdessen wollen sie Elektroautos auf den Straßen sehen
  • Doch sind die Stromer wirklich umweltfreundlicher? Das sind die wichtigsten Zahlen

Die deutsche Autoindustrie wird derzeit von ihrer schlimmsten Krise seit Jahrzehnten erfasst: Deutschland diskutiert seit Monaten über den Diesel-Skandal. Seit Ende vergangener Woche stehen die deutschen Hersteller zudem unter Kartellverdacht.

Umweltschützer und Politiker fordern deshalb radikale Maßnahmen. Ein Dieselverbot in Innenstädten und perspektivisch ein Verbot von Autos mit Verbrennungsmotoren generell. Die viel diskutierte Alternative: Elektroautos.

Ein solches Verbot ist unter anderem in China, Norwegen, Frankreich, Indien - und neuerdings auch in Großbritannien geplant.

Doch viele Autobesitzer fragen sich:

Sind Elektroautos wirklich klimafreundlicher als Benzin- und Dieselfahrzeuge? Können sie das Problem Luftverschmutzung in den Städten lösen?

Immerhin, so warnt das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, führt die Feinstaubbelastung in der Luft jährlich zu mehr als 30.000 vorzeitigen Todesfällen in Deutschland.

Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet: “Nein”, Elektroautos sind nicht besser für die Umwelt. Aber stimmen die Gegenargumente der Gegner? Wir haben die Fakten gecheckt:

Argument 1: E-Autos sind nicht klimafreundlicher, so lange der Strom auch aus Kohlekraftwerken kommt

Tatsächlich ist die CO2-Bilanz von Strom aus Kohlekraftwerken miserabel. Kohle ist, von allen erneuerbaren oder konventionellen Stromquellen, der mit Abstand größte Luftverpester.

729 Gramm CO2 pro Kilowattstunde bläst ein Braunkohlekraftwerk in die Atmosphäre. Bei einem Atomkraftwerk sind des rund 32 Gramm, Windkraft liegt bei rund 20 Gramm.

Welche Folgen hat es also, wenn ein E-Auto Strom tankt, der auch aus einem Kohlekraftwerk stammt?

Genau diese Frage haben sich auch das Öko-Institut in Freiburg und das "Manager Magazin" kürzlich gestellt. Ihre Antwort: Sogar mit dem aktuellen deutschen Strommix und seinem vergleichsweise hohen Anteil Kohlestrom ist die Klimabilanz von Elektroautos besser als die von Diesel- und Benzin-Fahrzeugen.

Bei Benzinern haben die Forscher einen CO2-Ausstoß im Alltagsbetrieb von 201 Gramm pro Kilometer berechnet. Bei Diesel-Autos gehen die Experten von 174 Gramm aus.

Bei reinen Elektroautos liegen die Emissionen hingegen nur bei 85 Gramm pro Kilometer.

Nun mögen einige einwenden: Das Öko-Institut sei traditionell grün eingestellt. Was sagen andere Studien?

Eine viel zitierte Studie des Umwelt- und Prognose-Instituts des Finanzamts Heidelberg kommt zu dem Schluss, dass mit dem aktuellen Strommix in der EU Benziner und E-Autos ähnlich viel CO2 ausstoßen.

Ein vollständig mit Solarstrom betriebenes E-Auto sei sogar nur halb so klimaschädlich wie ein Benziner. Dabei rechneten die Autoren auch den CO2-Ausstoß während der Batterie- und Solarzellenproduktion mit ein.

Das ist also der Status quo. Wie geht es weiter?

In Deutschland stehen die meisten Kohlekraftwerke in ganz Europa, Kohle ist noch immer mit rund 23,1 Prozent Anteil am Energiemix die größte Energiequelle. Trotz einem vergleichsweise hohen Anteil von Ökostrom ist die deutsche Stromproduktion also vergleichsweise schmutzig.

Doch das wird nicht so bleiben. 2020 soll der Ökostromanteil schon bei 40 Prozent liegen, 2030 bei 60 Prozent. Spätestens dann werden die meisten Kohlekraftwerke vom Netz gehen - E-Autos werden dann noch sauberer unterwegs sein.

Wie steht es um die Feinstaubbelastung?

Ein weiterer Vorwurf: Nicht nur Dieselfahrzeuge, auch E-Autos sind für zunehmende Feinstaubemissionen und Stickoxidbelastung in Städten in verantwortlich. Denn Feinstaub und Stickoxide entstehen nicht nur in Diesel-Motoren, sondern auch in Kohlekraftwerken, deren Strom die E-Autos tanken.

Der Vorteil der Stromer gegenüber Dieselfahrzeugen: In Kraftwerken lassen sich die Schadstoffe sehr viel besser herausfiltern als bei einzelnen Fahrzeugen.

Hinzu kommt: Ab 2021 gelten in ganz Europa sehr viel strengere Vorgaben für Kraftwerke - die den Ausstoß zum Beispiel bei der Verbrennung von Braunkohle um bis zu 70 Prozent reduzieren können. Auch das wird dazu beitragen, dass E-Autos beim Ausstoß von Feinstaub und Stickoxiden besser abschneiden werden als Dieselfahrzeuge.

Argument 2: Wegen der hohen Umweltbelastung bei der Batterie-Produktion bringen E-Autos keine Vorteile

Eine Studie des schwedischen Energieministeriums warnt vor einer hohen Umweltbelastung bei der Batterieproduktion von Elektroautos.

Die Forscher rechnen vor:

Für die Herstellung der Lithium-Ionen-Akkus werden pro Kilowattstunde Kapazität rund 150 bis 200 Kilogramm Kohlendioxid ausgestoßen.

Untersucht haben die Forscher die Elektroautos Nissan Leaf und Tesla Model S mit 30 Kilowattstunden und 100 Kilowattstunden Akkus. Beim kleinen Nissan sind es 5,3 Tonnen CO2, die bei der Produktion anfallen, beim Oberklassefahrzeug von Tesla gleich 17,5 Tonnen CO2.

Die Folge: Die Produktion von E-Autos ist wesentlich CO2-intensiver als die Herstellung eines herkömmlichen Autos. Erst nach drei Jahren hat der Leaf die Differenz ausgeglichen. Beim Tesla dauert das wegen der größeren Batterie sogar acht Jahre.

Fazit: Je länger und weiter E-Autos fahren, desto umweltfreundlicher werden sie.

Die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik rechnen vor, dass ein E-Auto unter aktuellen Bedingungen und mit dem aktuellen Strommix in Deutschland 100.000 Kilometer fahren müsste, um klimafreundlicher als ein Auto mit Verbrennungsmotor zu sein.

Das mag ja sein. Aber umweltschädlich bleibt die Batterieproduktion dennoch.

Problematisch ist, dass die meisten Batterien für Elektroautos momentan noch in China produziert werden. Dort wird zwei Drittel des Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt, das macht die Akku-Herstellung besonders schmutzig.

Allerdings will die chinesische Regierung wegen der Luftverschmutzung im Land in den kommenden Jahren Hunderte Kohlekraftwerke vom Netz nehmen - und Strom vor allem aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen. Allein ein Viertel des Stroms soll 2030 mit Windrädern erzeugt werden.

Dass Akkus für E-Autos auch komplett CO2-frei produziert werden können, will derweil der E-Auto-Pionier Tesla beweisen. Der startet derzeit die Produktion in der größten Batteriefabrik der Welt in der Wüste im US-Bundesstaat Nevada - der Strom für die Produktion kommt komplett aus erneuerbaren Energien.

Argument 3: Der Rohstoff-Abbau für die Batterieproduktion schadet unserem Planeten

Momentan werden Elektroautos vor allem mit Lithium-Ionen Batterien betrieben. Um die zu produzieren, brauchen die Unternehmen neben Lithium auch noch Kobalt, Nickel und Mangan aus Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Der Abbau dieser Stoffe ist vor allem eins: dreckig. Ohne bessere Umweltvorschriften wird das auch so bleiben.

Allerdings ist die Ölförderung in vielen Regionen auch ein höchst schmutziges Geschäft.

Aber was ist mit den alten Akkus?

"Die Batterie sollte so lange am Leben erhalten werden wie möglich", sagt Melissa Bowler, Technische Projektmanagerin für stationäre Speicherung bei BMW der “Zeit”.

BMW zum Beispiel setzt alte Akkus als Zwischenspeicher für erneuerbare Energien ein. "Sie dienen als Puffer, indem sie den überschüssigen Strom aufnehmen und bei Bedarf wieder ins Netz einspeisen", sagt Bowler.

Dieses sogenannte Second Life hilft, energieaufwendige Recycling-Prozesse zu vermeiden. Zehn Jahre soll laut Daimler ein wirtschaftlicher Betrieb eines Alt-Akkus noch möglich sein.

Eine Studie des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE) und der Deutschen Messe AG hat ergeben, dass alte Lithium-Ionen-Akkus im Jahre 2025 mit 25 Gigawattstunden etwa genauso viel Strom zur Verfügung stellen wie die Hälfte aller deutschen Pumpspeicherkraftwerke.

Damit helfen sie wiederum die Energiewende voranzutreiben und eine grüne Stromversorgung zu ermöglichen - was wiederum die E-Autos umweltfreundlicher macht.

Mehr zum Thema: In diesen Ländern sollen bald keine Autos mit Diesel- und Benzinmotoren mehr fahren

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