Wie radikale Burschenschaften zur Kaderschmiede der AfD werden

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BURSCHENSCHAFTEN
Mitglieder von Burschenschaften stehen auf dem Innenhof der Wartburg in Eisenach | dpa
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  • Die AfD wirbt auffallend viele Mitarbeiter aus Burschenschaften an
  • Die Burschen sind meist stramm rechts und deutschnational
  • Sie könnten zu einem weiteren, gefährlichen Rechtsruck in der AfD führen

Sein rundliches Gesicht ist blutüberströmt. Stolz posiert Marcel Grauf für die Kamera. Er trägt ein schwarz-weiß-rotes Band, das an die Fahne des Deutschen Reiches erinnert: Das Erkennungszeichen der Burschenschaft Germania in Marburg.

Grauf hat gerade leicht verletzt eine Mensur überstanden, einen Fechtkampf, wie er in sogenannten "schlagenden Studentenverbindungen“ ausgetragen wird.

Bei der Mensur geht es um Tradition, darum, sich als Mann zu beweisen. Respektiert wird, wer Narben trägt.

Die Burschenschaften sind eine verschwiegene Gemeinschaft - die mehr denn je in der Kritik stehen.

Burschenschaften propagieren ein menschenverachtendes Weltbild

Denn viele dieser altmodischen Männerbünde gelten als rechtsradikal, als Brutstätte von Rassismus und Nationalismus.

In vielen Burschenschaften des ultrarechten Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB) wird ein menschenverachtendes Weltbild propagiert.

Lange hat die Öffentlichkeit von dem dunklen Treiben kaum etwas mitbekommen - politischen Einfluss hatten die Burschen kaum.

Doch das ändert sich jetzt. Denn die Gemeinschaften gewinnen derzeit gefährlich an Einfluss – vor allem durch fragwürdige Verbindungen in die AfD.

AfD rekrutiert Fraktionsmitarbeiter in den Burschenschaften

Burschenschaftler Grauf ist dafür nur ein Beispiel von vielen: Er ist Mitglied der Marburger Burschenschaft Germania und soll in der Vergangenheit in der rechtsradikalen NPD aktiv gewesen sein. Nachweislich schrieb Graf für die rechtsradikale Zeitschrift "Neue Ordnung". Heute ist er Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Heiner Merz im Stuttgarter Landtag.

Im Rahmen einer aufwendigen Recherche hat die HuffPost 35 Burschenschaften untersucht, die Mitglied im DB sind. Fazit: In 30 Fällen ließen sich direkte Verbindungen zur AfD nachweisen.

Das bedeutet: In vielen der untersuchten DB-Burschenschaften haben AfD-Politiker in den vergangenen Jahren Vorträge gehalten oder sich gar als Verbindungs-Mitglieder zu erkennen gegeben.

Fast wirkt es so, als ob die Partei gezielt Mitarbeiter aus den Studentenverbindungen rekrutiert – und so einen Schulterschluss mit der neuen rechten Elite des Landes forciert.

Burschen-Hauptstadt Marburg

Besonders deutlich wird das in Marburg. In der eigentlich linken Studentenstadt sorgte die Burschenschaft Rheinfranken jüngst für Aufregung, als linke Aktivisten interne Dokumente der Verbindung veröffentlichten.

Darunter die "Fuxenkladde" der Rheinfranken, eine Art Anleitung "zur Erziehung der jungen Bundesbrüder". Sie gibt einen guten Einblick in das Weltbild der rechten Burschen.

Neben Benimmregeln vermittelt die "Fuxenkladde" den Jungburschenschaftlern auch das perfide Weltbild der Verbindung. Bei den Rheinfranken gehört dazu etwa die Behauptung, dass die Juden selbst für den Holocaust verantwortlich gewesen seien.

Sie hätten "Judenfeindschaft und Abwehrmaßnahmen der nichtjüdischen Völker geradezu herausgefordert" heißt es da etwa. Oder: "Man könnte also die Auffassung vertreten, daß nicht die Bösartigkeit der Nichtjuden Grund für blutige Konflikte wurde, sondern das Bekenntnis des Juden zu einer solchen Religion."

Zum Hintergrund: Die Diskussion, wie rechts deutsche Burschenschaften sind, ist nicht ganz neu. Viele Verbindungen haben sich mittlerweile von antiquierten Vorstellungen über Rassentheorien distanziert - insbesondere von der 2013 geäußerten Forderung der DB nach einem Ariernachweis für Neumitglieder. Zahlreiche Verbindungen haben in der Folge dieser Kontroverse den Dachverband verlassen.

Die Burschenschaften, die in der DB blieben, sind der stramm rechte Bodensatz. Die "Zeit" nennt die DB daher einen "nationalistisch-radikalen Dachverband für österreichische und deutsche studentische Verbindungen, der einer völkischen Ideologie folgt, sich nicht von der NPD abgrenzt und in Diskussionen auch einmal die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland infrage stellt".

AfD-Mann soll Nazilieder gesungen und “Heil Hitler” gerufen haben

Ariernachweis und Rassentheorie?

Zahlreiche AfD-Politiker scheinen mit den kruden Forderungen und Ideen der DB keine Problem zu haben - im Gegenteil. Im November 2015 sollte der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke in der Burschenschaft Rheinfranken in Marburg einen Vortrag halten.

Nur weil sich in der linken Studentenstadt massiver Widerstand formierte, sagte Höcke wohl schlussendlich ab – wegen einer "Erkrankung", wie die Burschenschaft auf ihrer Facebookseite bekannt gab.

Mit Dubravko Mandic trat jedoch im darauffolgenden Jahr ein anderer AfD-Politiker bei den Rheinfranken auf. Wie Höcke gilt Mandic als Scharfmacher an der Grenze zum Rechtsextremismus, wie die "Badische Zeitung" berichtet.

Er ist selbst Mitglied bei der Freiburger Burschenschaft Saxo Silesia und wirbt offen für eine Zusammenarbeit der AfD mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung.

Auf einer Feier der Freiburger Burschenschaft, zu der Mandic geladen hatte, sollen laut "Badischer Zeitung" im Jahr 2016 Nazi-Lieder gesungen worden sein. Auch "Heil Hitler"-Rufe seien zu hören gewesen. Bei einem anderen Anlass zeigte ein Freiburger Bursche den Hitlergruß. Laut Informationen der "Badischen Zeitung" war Mandic in der Nähe. Mandic bestreitet die Vorwürfe.

Mandic erklärte einst auf seiner Facebookseite, seine Partei unterscheide sich von der NPD "vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte", wie "Spiegel Online" berichtet. Den US-Präsidenten Barack Obama bezeichnete er als "Quotenneger".

Rechte AfDler haben nur einen Weg gefunden, diese Inhalte anders zu verpacken - dabei helfen auch die Burschen.

AfD-Mann soll Nazilieder gesungen und “Heil Hitler” gerufen haben

Auch Höcke pflegte nach der Absage seines Auftritts weiter die Nähe zu den Marburger Burschenschaften. Mit Torben Braga hat der rechte AfD-Hardliner einen Marburger Burschen zum Assistenten des AfD-Fraktionschefs in Thüringen und zu seinem persönlichen Referenten und Sprecher gemacht.

Braga ist nur einer von vielen Marburgern, die bei den Rechtspopulisten in den letzten Jahren an Posten gekommen sind: Andreas Graudin, ebenfalls Marburger Bursche und Ex-Mitglied der islamfeindlichen Partei Pro Deutschland, arbeitet als Referent der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt.

Der Burschenschafter Robert Offermann ist Pressesprecher der AfD-Fraktion in Hamburg. Der Bursche Maximilian Kolb ist Vorstandsmitglied der AfD-Jugendorganisation in Hessen.

Bei der Annäherung von AfD-Politikern und Burschen hilft, dass sie mehr als nur die nationalistische Blut-und-Boden-Rhetorik verbindet. Die Gießener Politologin Alexandra Kurth forscht seit Jahren über Burschenschaften.

Sie sieht Schnittmengen zwischen der Partei und den schlagenden Verbindungen auch bei “der Europapolitik, bei geschlechterpolitischen Fragen, in der Sicherheitspolitik, oder in der Kritik an der Aussetzung der Wehrpflicht.”

Diese Gemeinsamkeiten machen sich offenbar besonders die ostdeutschen AfD-Verbände zu Nutze.

Taktische Allianz zwischen AfD und Burschenschaften

"Ich selbst war und bin nie Mitglied einer Burschenschaft gewesen. Ich unterstütze jedoch gern patriotische Bewegungen, die am Wohl unseres Landes interessiert sind", sagte Jan Wenzel Schmidt, AfD-Abgeordneter in Sachsen-Anhalt, der HuffPost.

Gegenseitige Sympathie ist jedoch nur einer der Gründe für die Nähe zwischen Burschenschaften und den Rechtspopulisten.

Vielmehr wirkt das Verhältnis zwischen Burschen und AfD mehr wie eine strategische Partnerschaft. Die völkisch denkenden Kader in der AfD versuchen offenbar, in den traditionstreuen rechten Burschenschaften Wähler und linientreue Mitarbeiter zu rekrutieren.

Die Burschenschaften sind deutschlandweit bestens vernetzt: untereinander, in akademischen Zirkeln und Unternehmen. Rund 7000 Mitglieder hat die DB laut eigener Aussage trotz ihrer rechten Umtriebe immer noch. Angaben darüber, wie viele Burschen bei der AfD deutschlandweit mitmischen, gibt es bisher nicht.

Sicher ist: Durch den Burschen-Nachwuchs entsteht in der AfD derzeit eine stramm rechte Basis, die im krassen Gegensatz zum eher moderaten Petry-Flügel steht - und der die Partei ideologisch noch weiter nach Rechts manövrieren könnte.

Ein neues rechtes Zentrum in Magdeburg

Die DB räumt die Zusammenarbeit sogar offen ein: Die "Burschenschaftlichen Blätter", die kostenlose Zeitung der DB, druckte im Dezember vergangenen Jahres einen Aufruf der AfD ab, der nicht als Werbung gekennzeichnet war: "Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: Die AfD muss 2017 mit einer möglichst starken Fraktion in den Bundestag." Deutlicher geht es kaum.

Neben Marburg entsteht auch in Magdeburg derzeit ein rechtes Zentrum, wo AfD und Burschenschaften eng zusammenarbeiten. Es scheint so, als versuche die Partei in der Stadt die Strukturen von Burschenschaften zu nutzen, um sich eine treue Unterstützer-Basis aufzubauen.

Im März kam es im städtischen Ratskeller zu einer Schlägerei, als mutmaßlich Linksextreme die Gründungsfeier der Burschenschaft Germania störten.

Dabei anwesend: mindestens sieben AfD-Politiker. Darunter auch der AfD-Abgeordnete Jan Wenzel Schmidt, der als Mitgründer der Germania in Magdeburg gilt.

Linke Aktivisten glauben, hinter der Gründung der neuen Verbindung stecke ein Versuch rechter und rechtsextremer Kräfte, die starke rechte Szene der Landeshauptstadt endlich professionell zu organisieren.

AfD-Prominenz unterstützt Burschenschafts-Gründung in Magdeburg

Als AfD-Bundesvorstand André Poggenburg Anfang des Jahres an der Universität von Magdeburg von linken Studenten von der Bühne gebrüllt wurde, war das für viele Rechte eine Schmach. Nicht nur für die AfD.

Aber hier hören die Verbindungen zwischen der Burschenschaft und der AfD noch nicht auf. Die Festrede bei der Gründungsfeier der Germania Magdeburg hielt Hans-Thomas Tillschneider, einer der schillerndsten Vertreter des ultrarechten AfD-Flügels.

Tillschneider ist Islamwissenschaftler und Vorsitzender der Patriotischen Plattform, wo sich nationalistische und völkische Mitglieder der AfD und der Parteijugend Junge Alternative (JA) zusammentun. Neben Höcke und Poggenburg ist es Tillschneider, der das rechte Klientel der AfD mit vermeintlich wissenschaftlichen Brandreden bedient.

Burschenschaftler als Bindeglied zwischen AfD und Identitären

In der Vergangenheit machte Tillschneider nie einen Hehl daraus, dass er die rechtsextreme Identitäre Bewegung unterstützt - dabei hatten moderate Kräfte in der Partei um Frauke Petry im vergangenen Jahr einen Abgrenzungsbeschluss zwischen der AfD und den Identitären durchgesetzt.

Dass der beim rechten Flügel der Partei nicht viel gilt, zeigte sich in den vergangenen Monaten immer wieder. Das Scharnier zwischen der Partei und den Identitären bilden dabei immer wieder die Burschenschaften.

In Berlin etwa sorgte der Fall des AfD-Bundestagskandidaten Jörg Sobolewski für Empörung.

Sobolewski wurde bei einer Gartenparty am Burschenschaftshaus der Gothia fotografiert – zusammen mit Aktivisten der Identitären Bewegung. Auf einem Bild, das mutmaßlich den Bundestagskandidaten zeigt, verbrennt der Politiker im September 2016 eine Regenbogenfahne. Ein besonders widerlicher Auftritt.

Selber Ort, Mai 2017: Vier AfD-Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses treffen sich mit sechs Identitären.

Wieder entstehen Fotos. Unter anderem darauf zu sehen: der Vorsitzende der Jungen Alternative Berlin, Thorsten Weiß. Mit seinem Besuch bei den Rechtsextremen konfrontiert, behauptet Weiß, er habe nicht gewusst, mit wem er da grillte. Wenn das keine Lüge war, sind die jungen AfDler nicht nur radikal - sondern auch ziemlich naiv.

Die gefährliche Einheit der neuen Rechten

Auch Christian Becker hat beobachtet, wie AfD, Identitäre und Burschenschaftler sich annähern. Becker war selbst Burschenschaftler bei den Raczeks in Bonn. Doch er stieg aus.

Heute weiß er: "Die DB-Burschenschaften versuchen, die rechte Szene zu verbinden." Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er: "Über die AfD gehen rechte Burschenschafter den Marsch durch die Institutionen an."

Bei den Burschenschaften und ihren Veranstaltungen träfen sich Neonazis, Identitäre, Journalisten alternativer rechter Medien – und eben Jungpolitiker der AfD.

Dabei verbindet alle Gruppen eine Ablehnung des gegenwärtigen politischen Systems.

"Burschenschafter sein, das ist per se ein Akt des Widerstandes. Widerstand, gegen die verblödete, identitätslose und entortete Dekadenzgesellschaft unserer Zeit", schrieb etwa John Hoewer, Fraktionsreferent der AfD in Sachsen-Anhalt, in apokalyptischem Ton in den "Burschenschaftlichen Blättern" im Jahr 2014.

Dass sich an seiner Einstellung wenig geändert hat, zeigt die Tatsache, dass Hoewer laut "Mitteldeutscher Zeitung" kürzlich an einem Kongress einer faschistischen Bewegung in Rom teil nahm. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) bezeichnete ihn deshalb kürzlich als "Sicherheitsrisiko".

Im Falle seiner Partei ist es wohl auch Widerstand gegen den gemäßigten Flügel um Frauke Petry, der seit Monaten in der Partei an Einfluss verliert.

Und die Verbindungen zwischen AfD-Politikern und Burschenschaftlern werden nicht nur auf Kommunal- und Landesebene enger: Schon mindestens sechs Mitglieder des AfD-Bundesvorstands traten laut HuffPost-Informationen in den vergangenen Jahren in Burschenschaften auf.

Das Kalkül fasste der Marburger Burschenschaftler Marcel Grauf im August vergangenen Jahres in einem Facebook-Post zusammen: “Die DB ist für die Formung junger politischer Leute natürlich Gold wert. Aber wirklich politisch aktiv werden dann eben nur einige.”

Genau das ändert die AfD gerade.

KORREKTUR: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Dubravko Mandic "Heil Hitler" gerufen habe. Das stimmt nicht. Mandic hatte zu der Feier eingeladen, auf der laut Informationen der "Badischen Zeitung" "Heil Hitler" gerufen wurde.

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