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26/07/2017 18:28 CEST | Aktualisiert 26/07/2017 19:48 CEST

Dieselautos könnten ihre Zulassung verlieren - warum das erst der Anfang radikaler Veränderungen für die deutschen Autofahrer ist

lovro77 via Getty Images
Dieselautos könnten ihre Zulassung verlieren - warum das erst der Anfang radikaler Veränderungen für die deutschen Autofahrer ist

  • Die Diskussion um Dieselfahrzeuge verschärft sich

  • Es ist von Fahrverboten, Zulassungsentziehungen und dem Verbot von Neuzulassungen die Rede

  • Eines ist klar: Für deutsche Autofahrer wird sich in den nächsten Jahren sehr viel ändern - ein Überblick über die jüngsten Ereignisse

Dem Diesel geht es an den Kragen. Was sich schon seit Bekanntwerden des Dieselskandals abgezeichnet hat, wird nun offenbar ernster.

Am Mittwoch berichteten britische Medien, die Regierung plane, ab 2040 keine Autos mit Diesel- oder Benzinmotoren mehr zuzulassen. Auch in Deutschland forderten Politiker ähnliche Schritte.

Wird auch in Deutschland bald ein Dieselfahrverbot kommen? Dürfen bald keine Dieselautos neu zugelassen werden? Und was ist mit den Fahrzeugen, die vom Dieselskandal betroffen sind?

Die Ereignisse überschlagen sich gerade - ein Überblick.

1. Kretschmann fordert Nachrüstungszwang

Winfried Kretschmann (Grüne) sieht eine verpflichtende Nachrüstung älterer Dieselautos als beste Lösung. Die Kosten sollen laut dem Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten die Hersteller tragen, wie er dem ARD-"Morgenmagazin” sagte.

Die Nachrüstung müsse schnell gehen und die Maßnahmen müssten nachprüfbar sein. “Die Autoindustrie hat jetzt noch mal die Chance, an der Wiederherstellung des Vertrauens zu arbeiten“, sagte Kretschmann.

2. EU-Kommission überlegt Stilllegung

Die EU-Kommission hat unterdessen am Freitag den Druck auf VW erhöht. "Ich erwarte von Volkswagen eine Rückrufquote von 100 Prozent", schrieb EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska an die Verkehrsminister der EU. Bienkowska fordert, manipulierte Pkw radikal aus dem Verkehr zu ziehen.

Falls die Autos bis Ende 2017 nicht nachgerüstet sein sollten, müssten sie im nächsten Jahr stillgelegt werden. Allerdings warnte die Industriekommissarin vor Dieselfahrverboten. Es könnte zu einem “rasant kollabierenden Diesel-Markt” kommen. "Das würde der Industrie nur die Mittel entziehen, in emissionsfreie Autos zu investieren", sagte sie.

3. KBA will VW-Dieselautos die Zulassung entziehen

Für Besitzer vom VW-Dieselskandal betroffenen Autos gibt es allerdings schlechte Nachrichten. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) macht Druck auf sie - und droht ihnen damit, die Zulassung zu entziehen. Das berichtet “Die Zeit”. Demnach verschickt das KBA momentan Briefe an Besitzer von VW-Dieselfahrzeugen, die sich dem Software-Update verweigern.

In diesen Briefen kündigt das Amt “die Untersagung des weiteren Betriebs des Fahrzeugs auf öffentlichen Straßen“ an. Die Stilllegung des Fahrzeugs sei “in der Regel gebührenpflichtig“.

Die Autobesitzer, die sich dem Update verweigern, sind durchaus zu verstehen. Denn das Software-Update geht wohl keinesfalls problemlos von Statten. Viele Autobesitzer klagen über Ruckeln und Rasseln im Motor und über Leistungsverlust des Wagens.

4. Bundesregierung ist gegen Dieselverbot

Die Bundesregierung hat sich gegen ein pauschales Dieselverbot ausgesprochen. Anders als Großbritannien: Wie britische Medien am Mittwoch berichteten, plane die Regierung, ab 2040 keine Diesel- und Benzinfahrzeuge mehr neu zu zulassen. Das Gleiche hatte auch Frankreich getan, Norwegen hat den Zulassungsstopp schon für 2025 angekündigt.

Das wird Deutschland - wenn es nach der jetzigen Regierung geht - nicht bevorstehen. “Ein Verbot von Diesel-Fahrzeugen oder Benzinern steht derzeit nicht auf der Agenda der Bundesregierung”, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Mittwoch in Berlin.

5. CDU-Politiker fordert den Abschied vom Verbrennungsmotor

Verkehrspolitiker Oliver Wittke (CDU) ist offenbar anderer Meinung als die Regierung. Er fordert, “den Abschied von der Verbrennungstechnologie kurzfristig” einzuleiten.

Es könne nicht sein, dass Deutschland, das Automobilland in Europa schlechthin, hinterherhinke, sagt er dem Deutschlandfunk. Wittke war für die CDU Verkehrsminister in Nordrhein-Westfalen, heute sitzt er im Verkehrsausschuss des Bundestags.

Und er glaubt, dass die deutsche Autoindustrie den Abschied durchaus schaffen kann. “Wir haben das bei den Katalysatoren vor Jahrzehnten ja auch hinbekommen. Da haben wir die Autos schon sauberer gemacht”, sagte er.

Allerdings nimmt er auch die Politik in die Pflicht. Die müsse klare Rahmenbedingungen schaffen. Seine große Hoffnung liegt auf dem Dieselgipfel, der am 2. August stattfinden wird.

6. Daimler: Umsatzsteigerung und Schweigen

Daimler hat trotz der Debatten um Diesel-Manipulationen und Fahrverbote seinen Umsatz kräftig steigern können. Grund ist vor allem der zuletzt starke Pkw-Absatz bei Mercedes-Benz, wie der Konzern am Mittwoch in Stuttgart mitteilte.

Der Umsatz stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7 Prozent auf rund 41,2 Milliarden Euro. Unterm Strich verdiente Daimler rund 2,51 Milliarden Euro - nach 2,45 Milliarden im zweiten Quartal 2016.

Überschattet wird die Halbjahresbilanz vom Vorwurf, Daimler und andere deutsche Autohersteller hätten über Jahre hinweg illegale Absprachen getroffen. Der Konzern bezeichnet das als “Spekulation” und schweigt ansonsten.

Dass gute Umsätze nicht zwingend auf eine glorreiche Zukunft schließen lassen, beweist ein Beispiel von vor zehn Jahren. Im Jahr 2007 erzielte der Handy-Hersteller Nokia mit über 51 Milliarden Euro den höchsten Umsatz der Unternehmensgeschichte. Im selben Jahr begann der Verkauf des ersten iPhones. Nokias weitere Entwicklung ist Geschichte.

Was bedeutet das nun alles für die Autofahrer?

Bei den widersprüchlichen Aussagen ist es momentan schwer zu sagen, was das für die deutschen Autofahrer bedeutet. Die Anzeichen verdichten sich jedoch, dass das Ende von Benzin- und Dieselautos begonnen hat.

Die deutsche Autoindustrie wird, schon allein weil immer mehr Länder auf reine Elektromobilität setzen, nicht darum herumkommen, Alternativen zum Verbrennungsmotor zu entwickeln. Und zwar bald.

Die Vorgaben anderer Länder sind nicht der einzige Grund, wieso an Elektromobilität niemand mehr vorbeikommet. Deutschland gilt allgemein als Vorreiter im Klimaschutz, kann aber die eigenen Vorgaben nicht einhalten. Große Luftverpester sind Diesel- und Benzinmotoren. Wenn es Deutschland ernst nimmt mit dem Kampf gegen den Klimawandel, muss auch die Autoindustrie endlich umdenken - und auf neue Konzepte setzen.

Auch wenn die Bundesregierung zum jetzigen Zeitpunkt ein Zulassungsverbot wie in Großbritannien ausschließt, kann sich schon in ein paar Monaten alles ändern. Denn: Die jetzige Bundesregierung wird es nicht mehr lang geben. Schon nach der Wahl im Herbst kann die Lage also wieder ganz anders aussehen.

Eines lässt sich auf jeden Fall sagen: Für Besitzer von vom Dieselskandal betroffenen Fahrzeugen sieht es schlecht aus. Die Anzeichen häufen sich, dass diese Fahrzeuge ohne Nachrüstung bald nicht mehr fahren dürfen.

Der Dieselgipfel am 2. August wird hoffentlich auch in diesem Bereich zumindest ein bisschen mehr Klarheit bringen.

Mehr zum Thema: Kartellvorwurf gegen deutsche Autobauer - diese 9 Fakten müsst ihr über den Wirtschaftsskandal kennen

Mit Material der dpa.

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