Wenn Kinder nicht gehorchen, steckt oft etwas ganz anderes dahinter, als viele Eltern denken

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TODDLER TANTRUM
Wenn Kinder nicht gehorchen, steckt oft etwas ganz anderes dahinter, als viele Eltern denken. | Juanmonino via Getty Images
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  • Kleinkinder frustrieren ihre Eltern oft mit ihrem störrischen Verhalten
  • Dabei schätzen Eltern laut einer Umfrage die Fähigkeiten ihrer Kinder oft falsch ein
  • Kinder mĂĽssen erst lernen, ihre GefĂĽhle zu kontrollieren und haben einen viel größeren Bewegungsdrang als Erwachsene

Liebe Eltern, macht euch keine VorwĂĽrfe, wenn sich euer Kind im Supermarkt brĂĽllend auf den Boden wirft, nur weil ihr ihm kein Ăśberraschungsei kaufen wollt. Es ist nicht eure Schuld.

Es ist auch nicht die Schuld eures Kindes. Es gehört einfach zu seinem Entwicklungsprozess dazu.

Eltern schätzen die Fähigkeiten ihrer Kinder oft falsch ein

Denn: Kinder müssen erst lernen, ihre Gefühle und ihr Verhalten zu kontrollieren – und Eltern überschätzen oft die Möglichkeiten ihrer Kinder. Jedoch ist das Gehirn von Kindern noch nicht vollständig entwickelt und sie müssen erst lernen, mit ihren Gefühlen und den Konsequenzen ihrer Handlungen umzugehen.


Laut einer Umfrage der amerikanischen Organisation Zero to Three
, die von der US-Regierung gefördert wird, sind sich Eltern dieser Tatsache zwar bewusst – nehmen jedoch an, dass Kinder früher zu Verhaltens- und Emotionskontrolle fähig sind, als es laut Entwicklungspsychologen tatsächlich der Fall ist.

71 Prozent der befragten Eltern glauben demnach, dass Kinder mit Gleichaltrigen teilen und sich beispielsweise mit Spielsachen abwechseln können, bevor sie drei Jahre alt. Dabei entwickeln sie diese Fähigkeit erst ab drei Jahren.

56 Prozent der Eltern denken auch, Kinder könnten den Wunsch unterdrücken, etwas Verbotenes zu tun, bevor sie drei Jahre alt sind – doch das kann man erst ab einem Alter von dreieinhalb oder vier Jahren erwarten.

Kleinkinder können ihre Gefühle noch nicht kontrollieren

Das führt dann zu Situationen wie besagter im Supermarkt. Das Kind möchte eben das Eis - und zwar jetzt.

Weil ihm der Wunsch verweigert wird, bekommt es einen Wutanfall. Die Eltern denken: Mein Kind akzeptiert meine Anweisung nicht. Sie sehen nicht: Dem Kind ist es in diesem Moment nicht möglich, seine Emotionen im Zaum zu halten.

Deshalb sollten Eltern gelassen auf die Wutanfälle reagieren – auch wenn es schwer ist. Selbstkontrolle muss das Kind erst in einem längeren, mühsamen Prozess lernen.

➨ Mehr zum Thema: Viele Eltern wissen nicht, was wirklich hinter den Wutanfällen ihrer Kinder steckt

Kinder mĂĽssen erst lernen, BedĂĽrfnisse ohne Gewalt durchzusetzen

Auch wenn es darum geht, den eigenen Willen durchzusetzen, sind Eltern oft vom aggressiven Verhalten ihrer Kinder entsetzt. Kleinkinder hauen einfach ihre Spielkameraden und Geschwister – oder gerne auch mal die Eltern, wenn sie wütend sind.

Laut Richard Tremblay, Professor für Psychiatrie und Pädiatrie an der Universität Montreal, ist das jedoch ein natürliches Verhalten. Seine Studien zeigen, dass Kinder vor allem im Alter von 18 Monaten vermehrt aggressives Verhalten an den Tag legen. Sie kratzen, beißen und schlagen.

"Kinder lernen folglich nicht, sich aggressiv zu verhalten, sondern sie lernen, ihre aggressiven Tendenzen zu beherrschen", sagte er der Tageszeitung "Welt“.

Es kann mehrere Jahre dauern, bis das Kind lernt, seine BedĂĽrfnisse ohne Gewalt durchzusetzen.

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Das Kind weiĂź noch nicht, wie es sich ausdrĂĽcken kann

Psychologen wissen inzwischen zudem: Kinder können auch aggressives Verhalten zeigen, wenn die Eltern ihnen dies in keiner Weise vorleben. Der Grund: Das Kind weiß noch nicht, wie es seine Bedürfnisse anders durchsetzen kann.

Das heißt natürlich nicht, dass es okay ist, wenn das Kind andere Menschen schlägt. Die Eltern sollten dieses Verhalten möglichst zeitnah und konsequent unterbinden. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass aggressives Verhalten nicht aus reiner Bösartigkeit des Kindes oder Erziehungsfehlern der Eltern entsteht, sondern Teil des Entwicklungsprozesses ist.

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"Bewegung ist ein GrundbedĂĽrfnis"

Auch ein ausgeprägter Bewegungsdrang gehört zur natürlichen Entwicklung. Das führt dann dazu, dass das Kind fröhlich um den Tisch rennt, während die Familie beim Abendessen zusammensitzt. Es versucht, trotz ausdrücklichem Verbot den Küchenschrank zu erklimmen. Oder es rennt einfach weg, wenn die Eltern sich kurz wegdrehen.

Kleinkinder brauchen einfach viel Bewegung – und haben einen großen Drang die Welt zu entdecken. Sie rennen, spielen, klettern, krabbeln, erkunden. "Bewegung ist ein Grundbedürfnis - wie Essen, Trinken und Schlafen", sagte Sport- und Bewegungswissenschaftler Dieter Breithecker dem "Westen“.

"Doch dieser Drang wird von den meisten Erwachsenen nicht als eine biologische Notwendigkeit erkannt, sondern scheint sie vielmehr zu überfordern und zu ärgern", schreibt der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo in seinem Buch "Lernen geht anders".

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Eltern sollten ihre Kinder also nicht daran hindern, ihren natürlichen Bewegungsdrang auszuleben, sondern ihnen die Möglichkeit geben, sich auszutoben – beispielsweise durch regelmäßige Spielplatzbesuche. Kinder brauchen laut Kinderärzten mehr Bewegung als Erwachsene – und zwar mehrere Stunden pro Tag.

Wenn Kinder wüten, zappeln und weinen statt zu gehorchen, ist das also oft nur ein natürliches Anzeichen dafür, dass sie einen weiteren Meilenstein erreicht haben, um sich zu selbstständigen Menschen zu entwickeln.

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(lk)

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