Studie: Populisten sind bei deutschen Wahlen chancenlos - eine Zahl gibt Anlass zur Sorge

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEGIDA
Neue Studie zeigt: Populisten sind bei deutschen Wahlen chancenlos - eine Zahl gibt Anlass zur Sorge | Fabrizio Bensch / Reuters
Drucken
  • Die Bertelsmann Stiftung hat in einer Studie untersucht, wie populistisch die Ansichten der Deutschen sind
  • Rund ein Drittel der Deutschen Wähler hat demnach populistische Ansichten
  • Die sind laut der Studie aber moderat und nicht radikal ausgeprägt
  • Trotzdem gibt eine Zahl Anlass zur Sorge

Populisten sind meist laut, anti-intellektuell, anti-elitär, polarisierend und sie haben ein klares Feindbild - und sie gewinnen seit einigen Jahren massiv an Bedeutung. Ob nun Trump, Erdogan, Orban oder Le Pen - Populisten spielen in der westlichen Welt längst eine gewichtige Rolle.

In Deutschland scheint der Populismus aber - trotz der Erfolge der AfD - diese Rolle so bald nicht zu bekommen. “Von einer ‘Stunde der Populisten’ ist das politische Klima vor der Bundestagswahl weit entfernt”, sagt Robert Vehrkamp, Demokratieexperte der Bertelsmann Stiftung.

Die Stiftung hat jetzt, knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl, eine neue Studie veröffentlicht, die sich damit beschäftigt, wie populistisch die Deutschen sind.

Populistische Positionen nicht wahlentscheidend

Weniger als ein Drittel von den mehr als 1600 Wahlberechtigten, die für die Studie befragt wurden, vertritt populistische Ansichten. Und selbst die würden eher moderat ausfallen, nicht radikal, heißt es von der Bertelsmann Stiftung.

populismus
(Wie populistisch sind die Deutschen? Credit: infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung)

“Sie lehnen die Institutionen der Demokratie oder der EU nicht grundsätzlich ab, sondern kritisieren ihr Funktionieren”, schreiben die Studien-Autoren.

Außerdem seien populistische Positionen für die große Mehrheit der Wähler nicht wahlentscheidend.

Unter den Unions-Anhängern sind laut der Studie die wenigsten Menschen mit populistischen Ansichten, die meisten - welch Überraschung - finden sich bei der AfD. Die Wählerschaft der Rechtspopulisten ist ebenfalls rechtspopulistisch.

Bei den SPD-Anhängern ist rund die Hälfte populistisch, bei den Grünen finden sich bei den Wählern links der Mitte nur sehr wenige Populisten.

Das gleiche gilt für die FDP-Fans rechts der Mitte. Die Linke ist, obwohl von der Wählerschaft her eindeutig links, doch keine linkspopulistische Partei.

parteien populismus
(Wähler der Parteien nach Populismus und Links-Rechts-Orientierung. Credit: Infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung)

Populisten mussten acht Aussagen zustimmen

Aber was ist eigentlich populistisch? In der Politikwissenschaft gibt es zahlreiche Theorien darüber. Die Autoren der Bertelsmann-Studie legten einen sehr strengen Ansatz fest.

Populistische Ansichten hatte demnach nur, wer acht Aussagen zu Politik und Gesellschaft “eher” oder “voll und ganz” zustimmte. Das heißt: Wenn ein Befragter nur einer der Aussagen nicht zustimmte, fiel er sofort aus dem Populisten-Topf.

Unter den Aussagen war zum Beispiel: “Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht“. Oder: “Die Bürger sind sich oft einig, aber die Politiker verfolgen ganz andere Ziele.”

Die Umfrage zeigt auch, dass es beim Thema Populismus eine soziale Spaltung gibt.

Je geringer Bildung und Einkommen, desto weiter sind populistische Ansichten verbreitet. Am stärksten trifft das auf die Gruppe mit Hauptschulabschluss und einem Monatseinkommen unterhalb von 1500 Euro zu.

populismus nach bildung
(Populismus nach Bildung. Credit: Infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung)

Von dieser Gruppe gelten 42 Prozent laut der Studie als Populisten. Kein Wunder, dass bei Geringverdienern und weniger gebildeten Menschen die Wut auf Eliten und Establishment besonders groß ist.

Und Populisten gerieren sich gerade so, als seien sie kein Teil dieser Eliten - auch wenn das oft nur dem Schein dient.

populismus nach einkommen
(Populismus nach Einkommen. Credit: Infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung)

Radikale Positionen ziehen in Deutschland nicht

Allerdings herrscht bei den Populisten-Anhängern in Deutschland laut der Studie nicht die Wut vor oder eine radikale Feindschaft gegenüber der Demokratie. “Populisten in Deutschland sind häufig enttäuschte Demokraten”, sagt Vehrkamp.

“Im Vergleich zu den USA und Frankreich zeigt sich vor allem, dass in Deutschland die Kritik am politischen Establishment deutlich schwächer ausgeprägt ist.”

In Deutschland, heißt es von Vehrkamp, würden radikale Positionen beim Wähler nicht ziehen. Ein Populismus, wie ihn Trump oder Le Pen betreiben, die das ganze System in Frage stellen, ist in Deutschland also nicht möglich.

Mehr als zwei Drittel der Wähler mit populistischen Einstellungen sind in Deutschland der Studie zufolge für die Mitgliedschaft in der EU, sogar 85 Prozent sind Demokratie-Unterstützer.

Sogar die AfD, die Partei der Populisten, fängt ihre Wähler nicht mit Stimmungsmache gegen die EU, gegen Globalisierung oder das politische Establishment - nein, allein die Flüchtlingspolitik treibt die Wähler in die Fänge der Rechtspopulisten.

Die etablierten Parteien haben den Kontakt verloren

Doch nicht alle Zahlen der Studie lassen auf Entwarnung dafür, dass die deutsche Demokratie in Gefahr ist, schließen. Knapp 80 Prozent der Befragten geht die Erweiterung der EU zu weit und etwas mehr als die Hälfte gibt an, die Demokratie funktioniere in Deutschland “eher nicht” oder “überhaupt nicht”.

Außerdem verfestigt sich, laut den Studien-Autoren, eine Schicht der Nichtwähler. Die verdienen meistens wenig und sind eher schlecht gebildet.

Und die schlimme Nachricht: Die etablierten Parteien haben den Kontakt zu diesem Milieu verloren - einzig die AfD schafft es im Moment noch, an diese Menschen heranzukommen.

Mehr zum Thema: Wir denken falsch über Populismus - und das kommt uns teuer zu stehen

Mit Material der dpa.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ujo)

Korrektur anregen