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24/07/2017 16:00 CEST | Aktualisiert 24/07/2017 16:12 CEST

Vater von IS-Mädchen Linda W. schildert den Moment, in dem er erfahren hat, dass seine Tochter noch lebt

Rodi Said / Reuters
Vater von IS-Mädchen Linda W. schildert den Moment, in dem er erfahren hat, dass seine Tochter noch lebt

  • Linda W. hat sich im Juli 2016 der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen

  • Ihr Vater wünscht sich nun, dass "sie bald nach Hause kommt"

  • Einer baldigen Rückkehr steht wohl nichts im Wege

Reiner W. (52) kann sich gut an den Tag erinnern, an dem seine Tochter Linda im Namen Allahs in den Krieg zog.

Das Telefon klingelte – am anderem Ende seine Ex-Frau Katrin W. (48): "Sie sagte, 'deine Tochter ist weg'. Fragte, ob sie bei mir ist." Sie war es nicht. Katrin W. durchsuchte das Kinderzimmer von Linda und fand die Buchungsbestätigung für einen Flug nach Istanbul.

"Der Hinflug ging am 1. Juli, der Rückflug sollte am 3. Juli sein. Doch meine Linda kam nie zurück. Man hat sie sicher nicht gelassen", berichte W. der "Bild"-Zeitung.

Vater: "Ich fuhr auf einen Rastplatz, setzte mich und weinte"

Das war vor fast genau einem Jahr. Reiner W. fragte sich immer wieder, ob Linda ihn noch einmal gesehen habe. "Ich habe an dem Tag in Pulsnitz gearbeitet, Fahrbahnmarkierungen. Auf dem Weg zum Flughafen muss sie an mir vorbeigefahren sein."

Auch an dem Tag, als man Linda W. in einem zerschossenen Haus in Mossul entdeckte, arbeitete der Bauarbeiter auf der Autobahn. "Ich bin zusammengebrochen, als ich erfuhr, dass Linda lebt", erklärte der Vater der "Bild". Die Nachricht hörte er im Radio.

"Meine Kollegen kamen gleich zu mir. Ich musste erst mal kurz weg, fuhr auf einen Rastplatz, setzte mich und weinte", sagt der aufgelöste Vater. Jetzt, wo Linda W. gefunden ist, kann er es kaum erwarten, sie wiederzusehen. "Ich wünsche mir so sehr, dass meine Linda gesund nach Hause kommt. Ich werde immer für sie da sein."

Ein Fünftel der nach Syrien ausgereisten Dschihadisten sind Frauen

Linda W. ist kein Einzelfall. Die Zahl von Menschen, die von Deutschland aus in den Terrorkampf nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, ist weiter gestiegen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zählt nach Informationen des "Spiegel" inzwischen mehr als 910 ausgereiste Dschihadisten – ein Fünftel davon Frauen.

Ein Drittel der Dschihadisten sind dem BfV zufolge mittlerweile wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt, während 145 Extremisten in Syrian oder dem Irak gestorben sein sollen.

Von den Rückkehrern gehe ein enormes Gefahrenpotenzial aus: "Sie haben häufig extreme Gewalterfahrungen gemacht, sind stark radikalisiert und haben nur wenige Perspektiven in ihrer Heimat", so ein Staatsschützer. "Um sie müssen wir uns besonders kümmern."

Eltern wollen nichts von Linda Ws. Radikalisierung mitbekommen haben

Linda W. war 2016 aus dem sächsischen Pulsnitz über die Türkei nach Syrien gereist. Die Eltern hatten keine Ahnung davon, dass sich ihre Tochter dem IS anschließen wollte.

Den Kontakt stellte sie über Facebook her, konvertierte zum Islam, trug Kopftuch und fastete während des Ramadans. Von einer Radikalisierung wollen die Eltern nichts mitbekommen haben.

Einer baldigen Rückkehr nach Deutschland dürfte nichts mehr im Wege stehen, das Auswärtige Amt und der Bundesnachrichtendienst haben sich mittlerweile in den Fall eingeschaltet.

Gegenüber einem Reporter des NDR habe Linda W. gesagt: "Ich will nur noch weg. Ich will weg aus dem Krieg, weg von den vielen Waffen, dem Lärm."

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(mf)

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