Philosoph Nida-Rümelin: Offene Grenzen für Flüchtlinge sind der falsche Weg - etwas anderes ist viel wichtiger

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  • Die Flüchtlingskrise ist wieder das Top-Thema in der Politik
  • Die HuffPost hat darüber mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin gesprochen
  • Er hält offene Grenzen für den falschen Weg - das komplette Interview seht ihr im Video oben

Die Flüchtlingskrise bestimmt wieder die Schlagzeilen in Europa. Italiens Politiker warnen, das Land sei mit den vielen Bootsflüchtlingen überfordert. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die Flüchtlingsdebatte derweil zum Wahlkampfthema gemacht und vor einer neuen Krise gewarnt.

65 Millionen Menschen waren allein im vergangenen Jahr weltweit auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Elend. Mehr als 100.000 sind in diesem Jahr schon übers Mittelmeer nach Europa gekommen.

Wir müssen diesen Menschen helfen. Doch wie?

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat das Buch "Über Grenzen denken. Eine Ethik der Migration" geschrieben. Eine seiner Hauptthesen darin, dass offene Grenzen der falsche Weg sind, um das Elend in der Welt zu beenden.

"Zu suggerieren, ihr müsst nach Europa kommen und dort geht es euch besser, ist hochgefährlich und keine vernünftige Botschaft", sagt der Buch-Autor.

Julian Nida-Rümelin warnt vor Abwanderung von Fachkräften

Denn dann würden beispielsweise im Senegal, Eritrea oder Ghana diejenigen ihr Heimatland verlassen, die es voranbringen könnten. Sie gingen ins Ausland und die Situation in ihren Herkunftsländern verschlechtere sich noch weiter.

In Eritrea etwa unternehme die Regierung einiges zur Ausbildung der Menschen. Der Staat investiere die knappen Mittel in die Ausbildung von Pflegekräften und Krankenschwestern. "Und die besten von ihnen wandern dann zu uns aus", sagt er.

Für Eritrea sei das eine Katastrophe. Der Philosoph fordert eine Regelung, mit der Länder in Afrika für die Verluste durch die Abwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte entschädigt werden.

Und weiter: "Wir sollten mit wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Kooperationen helfen und nicht einfach nur mit Hilfszahlungen zwischen Europa und Ländern in der Subsahara."

Europäische Solidarität allein reicht nicht

Denn in seinen Augen hat es Deutschland versäumt, ein Zuwanderungsgesetz zu verabschieden, das sich nicht allein auf die Interessen des aufnehmenden, reichen Landes und dessen sozialen und ökonomischen Kapazitäten konzentriere. Es sollte sich auch an den Interessen der Herkunftsregionen orientieren.

Die Lösung dafür sei nicht einfach europäische Solidarität. Die Last gemeinsam auf mehrere Länder verteilt zu tragen, sei bei 27 Staaten viel einfacher. Aber das ist nicht der einzige Aspekt.

Der zweite Aspekt sei Konsequenz: "Wir müssen uns genau überlegen, ob es Sinn macht, zu suggerieren, wir integrieren euch in unsere Gesellschaft, obwohl es nur um einen vorübergehenden Schutz bis zum Ende des Bürgerkriegs in Syrien geht."

"Mit Macron haben wir eine Chance auf eine neue, bessere Integrationspolitik in Europa", sagt Nida-Rümelin. Aber momentan wird beispielsweise Italien wieder mal alleine gelassen."

Nida-Rümelin hält nichts von der Obergrenze

Doch es geht nicht nur um die Wünsche der europäische Nationen, sondern auch um den Einzelnen. Denn: Integrationsperspektive sei eine Lebensperspektive. Nach Ende des Krieges, werden aber zum Beispiel Syrer wieder zurückgeschickt.

Die Menschen, die nach Europa kommen, einfach wieder wegzuschicken, sei natürlich auch falsch. Jeder Mensch habe ein Recht auf Asyl in Deutschland. Für dieses Asylrecht könne es auch keine Obergrenze geben.

Auch die Genfer Flüchtlingskonvention verpflichte Deutschland, Menschen, die vor Krieg oder Bürgerkrieg flüchten, vorübergehend Schutz zu gewähren.

"Viel besser wäre es, in der Umgebung des Bürgerkriegsgebietes eine anständige medizinische und schulische Versorgung mit Mitteln der Weltgesellschaft sicherzustellen", sagt der Philosoph.

Lebensthemen, die die Bevölkerung beschäftigen, müssen Wahlkampfthema sein

Die Flüchtlingsdebatte zum Wahlkampfthema zu machen, sei hochgefährlich, aber auch wichtig, sagt Nida-Rümelin. Wenn der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, ein europäischer Politiker, der Humanismus vertritt, das tut, sei das aber besser, als wenn es die AfD oder die rechtspopulistische Marine Le Pen in Frankreich machen.

"Grundsätzlich müssen Lebensthemen, die die Bevölkerung beschäftigen - auch wenn sie riskant sind - diskutiert werden." Im Rahmen der Flüchtlingskrise gab es anfangs beinahe eine "Debatten-Verweigerung", sagt Nida-Rümelin.

"Das weckt dann Widerstände. Dann stehen die Emotionalisierungen im Vordergrund, die gefährlich werden können. Man kann sich nicht wegducken."

Der Wahlkampf um die existenziellen Fragen, darunter auch die Flüchtlingsdebatte, muss geführt werden, fordert der Philosoph.

"Dass es darüber keine öffentliche Debatte gibt, ist unverantwortlich"

Für die Zukunft werde entscheidend sein, ob es uns gelingt, mit den immensen Ressourcen, die wir eigentlich haben, richtig zu wirtschaften.

“Wir produzieren derzeit beispielsweise viel mehr Nahrungsmittel, als eigentlich weltweit benötigt werden - wir hätten kein Problem, die ganze Welt zu ernähren, und trotzdem hungern Millionen von Menschen.”

Das seien die wirklichen Skandale und die entscheidenden Fragen der Zukunft, sagt Nida-Rümelin.

“Es kann nicht sein, dass ein Teil der Welt immer noch abgekoppelt ist von der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Dass es darüber keine öffentliche Debatte gibt, ist unverantwortlich.”

Das komplette Interview, auch zu den Fragen, was Deutschland tun sollte, wenn die EU nicht funktioniert, warum die Existenz von Ländern und Staaten wichtig ist für eine funktionierende Gesellschaft und Integration und welche Rolle, der einzelne Bürger im Rahmen der Flüchtlingsdebatte spielen sollte, seht ihr im Video oben.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(mf)

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