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24/07/2017 17:03 CEST

Erdogan will einen weiteren Journalisten hinter Gittern sehen – dessen Reaktion ist einmalig

Osman Orsal / Reuters
Erdogans Regime will Journalisten hinter Gittern sehen – seine Reaktion ist einmalig

  • Derzeit sitzen über 160 Journalisten in der Türkei im Gefängnis

  • Ein weiterer soll nun dazukommen: Weil er ein Atatürk-Zitat verwendet hat

  • Doch seinen Humor hat der Journalist nicht verloren

Aydın Engin wollte auf Nummer sicher gehen. Für eine seiner Kolumnen verwendete er ein Zitat des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Das Problem für Engin: Er ist Journalist bei der regierungskritischen Tageszeitung "Cumhuriyet", die Erdogan bereits wegen Waffenlieferungen an Syrien in Bedrängnis brachte.

Einige Tage vor dem vereitelten Putschversuch am 15. Juli 2016 erschien eine Ausgabe des Cumhuriyet, in der Engin die türkische Regierung kritisierte. Dabei verwendete er den Leitsatz Atatürks "Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt". Dazu schrieb Engin, dass im Land jedoch bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten.

"Wo ist der innere Frieden in der Türkei?", frage er.

Türkischer Journalist Engin: "Absurde und langweilige Vorwürfe"

In der Nacht des Putschversuchs verwendete der sogenannte Friedensrat, der damals seine Machtübernahme erklärte, einen Teil des Leitsatzes. Für die Staatsanwaltschaft Grund genug, Engin nun wegen Mitwisserschaft anzuklagen.

Doch der reagiert gelassen: "Absurd" und "langweilig" nennt er die Vorwürfe. "Am Montag muss ich auf diese Absurditäten antworten", erklärt er gegenüber der "Zeit"

An dem Tag beginnt der Prozess gegen 17 Journalisten und Mitarbeiter des "Cumhuriyet". Ihnen wird vorgeworfen, Terror-Organisationen wie die kurdische Arbeiterpartei PKK, die linksextremistische DHKP-C oder die Fethullah-Gülen-Bewegung zu unterstützen. Den Journalisten drohen bis zu 43 Jahre Haft.

165 Journalisten befinden sich in türkischer Haft

Der 76-jährige Engin wurde im vergangenen November wegen seines Alters nach fünf Tagen Untersuchungshaft entlassen.

"Für mich war das wie Urlaub – kein Handy, keine Zeitungen, ich konnte schlafen, wann immer ich wollte", scherzt der Journalist heute. Amüsant findet Engin weiterhin, dass die Gülen-Gemeinde und die PKK Erzfeinde seien. "Man könne unmöglich Unterstützer beider sein."

Die türkische Politik war schon oft dafür verantwortlich, dass Engins Leben ins Wanken geriet: Er hat vier Putsche miterlebt und rund sechs Jahre wegen seiner Arbeit als Journalist in Gefängnissen verbringen müssen. Kurz vor dem Militärputsch 1980 ging er für zwölf Jahre ins Exil nach Frankfurt – und arbeitete dort als Taxifahrer.

Doch die aktuelle Situation in der Türkei findet Engin als die bedrohlichste, die er bisher erleben musste.

Menschenrechte sowie Meinungs-, und Pressefreiheit werden von der repressiven Politik Erdogans mit Füßen getreten. Laut Angaben von Reporter ohne Grenzen befinden sich derzeit 165 Journalisten in türkischen Gefängnissen, darunter auch der deutsch-türkische Welt-Korrespondent Deniz Yücel und die deutsche Journalistin Meşale Tolu.

Engin könnte der 166. Gefangene werden, doch das schockiert ihn nicht: "Ich bin immer noch so jung, ich habe keine Angst", sagt er.

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(mf)

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