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23/07/2017 15:27 CEST | Aktualisiert 23/07/2017 19:39 CEST

Ein Artikel der "Washington Post" zeigt, wie seltsam die Amerikaner Deutschland finden

  • Auf einem Wahlplakat der CDU ist eine deutsche Flagge zu sehen

  • Grund genug für die "Washington Post" zu schreiben, die Deutschen würde die Einstellung zu ihrem Land gerade ändern

  • Die wichtigsten Infos des Textes seht ihr zusammengefasst auch im Video oben

Wer Wahlpartys, Wahlveranstaltungen, die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten oder einen beliebigen Feiertag in den USA mitbekommen hat - sei es live oder im TV - der wird sie nicht übersehen haben: die weißen Sterne auf blauem Grund neben den roten und weißen Streifen. Oder besser gesagt, das Meer an Stars and Stripes, das sich in fast schon penetranten Wellen vor dem Beobachter ergießt.

Ein Bild, das in Deutschland mit Schwarz-Rot-Gold so nicht denkbar wäre - mal abgesehen von einer Neo-Nazi-Parade.

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Eine Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump - und alles ist mit den Farben der US-Flagge geschmückt (Bild: Getty Images)

Ein Beispiel: Als Angela Merkel 2013 zum dritten Mal hintereinander zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, schwenkte ein Parteifreund eine Deutschland-Flagge.

Merkel habe das gar nicht gefallen, berichtet Thomas Kleine-Brockhoff, Berliner Direktor der Stiftung German Marshall Fund of the United States. Sie habe dem Kollegen die Fahne sofort aus der Hand genommen, erzählt Kleine-Brockhoff der US-Zeitung "The Washington Post". "Ihre Partei hat gewonnen, nicht die Nation."

Das bisschen Schwarz-Rot-Gold auf Merkels Wahlplakat

Für Amerikaner unvorstellbar. Denn Stars and Stripes sind im Land der unbegrenzten Möglichkeiten allgegenwärtig. Und deshalb ist es der "Washington Post" auch wert, am Sonntag auf dem prominentesten Platz ihrer Website einen Artikel zu platzieren, der sich damit beschäftigt, dass auf Merkels neuestem Wahlplakat ein bisschen schwarz-rot-gold zu sehen ist.

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Donald Trump bei einer Rede - vor einer Reihe an US-Flaggen (Bild: Getty Images)

Der Claim von Merkels Kampagne "Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben" sei ein Anzeichen dafür, dass die Deutschen langsam lernen würden, ihr Land zu mögen.

Denn bisher, so schreibt der Autor, seien die Deutschen sehr skeptisch gegenüber Patriotismus gewesen. Und das seit Jahrzehnten. Nun aber, mit den vielen Flüchtlingen, die das Land aufgenommen habe, sei die Frage nach deutschen Werten aufgeploppt.

Natürlich habe es da Versuche von Thomas de Mazière und von Merkel selbst gegeben, eine deutsche "Leitkultur" oder typisch deutsche Werte zu formulieren.

Bosbach sagt, er sei stolz auf Deutschland

Dennoch: Der Autor wundert sich schon sehr, dass kaum ein Mitglied von Merkels konservativer Partei offen Nationalstolz zeigt. Thomas Strobl, CDU-Parteivize, würde zum Beispiel nicht sagen, er sei stolz, Deutscher zu sein. Er fühle sich seiner Region und Europa mehr verbunden. Einzig und allein CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach sagt offen, er sei stolz auf sein Land.

In den USA würde Merkels Wahlplakat natürlich niemandem auffallen, schreibt der Autor. Stimmt - es würde eher auffallen, wenn ein Politiker ohne Nationalinsignien für sich werben würde. Auch im Rest der Welt sei Liebe für sein eigenes Land gewöhnlich oder sogar eine Voraussetzung, ist in der "Washington Post" zu lesen.

Doch in Deutschland sei die Verbindung zur Flagge eine andere - sie sei oft negativ konnotiert. Und das obwohl sie eigentlich ja gar nicht von den Nazis stamme, schreibt der Autor. In manchen Situationen sei die Bedeutung nicht mehr ganz so negativ. Zum Beispiel seit dem Fußball-"Sommermärchen" 2006.

Erdogan und Trump als Vorbilder

Nun zeige Merkels Kampagne, dass in Deutschland ein Umdenken stattfinde. Dass es ok oder sogar gut sei, sich in "Deutschland zu verlieben", wie es Thomas Strerath von der verantwortlichen Werbeagentur Jung von Matt der "Washington Post" sagt.

Und für diese Kampagne hat sich die Agentur - man höre und staune - den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident Donald Trump zum Vorbild genommen. Die würden Emotionen transportieren und hätten damit großen Erfolg, erklärt Strerath der US-Zeitung.

Ein Schelm, wer bei der Inspiration durch Nationalisten und der Verwendung der deutschen Flagge komische Gefühle bekommt.

Natürlich kann man Merkel nicht mit den Populisten vom Bosporus und der Pennsylvania Avenue in eine Linie stellen. Aber dass es einer der größten Zeitung der USA eine große Geschichte wert ist, dass die Bundeskanzlerin jetzt die Farben der deutschen Flagge auf dem Wahlplakat hat, zeigt, wie seltsam die Amerikaner die Einstellung der Deutschen zu ihrer Flagge finden.

(jz)

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