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23/07/2017 17:18 CEST | Aktualisiert 24/07/2017 08:59 CEST

Extremismusforscher beklagt eine "Verwahrlosung des zivilen Umgangs"

Pawel Kopczynski / Reuters
Extremismusforscher beklagt eine "Verwahrlosung des zivilen Umgangs"

  • Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder erklärt in einem Interview die Hintergründe der Gewalt in Hamburg

  • Er verweist auf eine Tradition der Gewalt und die Verharmlosung linker Gewalt

  • Als Präventivmaßnahme gegen Linksextremismus empfiehlt er die Lektüre eines Buches

Der Berliner Extremismusforscher Klaus Schroeder hat im Interview mit der "Welt am Sonntag" über die Krawalle während des G20-Gipfels und deren gesellschaftlichen Hintergrund gesprochen.

Schroeder verwies auf eine Tradition der Gewalt auf Deutschlands Straßen. "Diese Spirale der Gewalt geht mal rauf und runter. Aber sie zieht sich bis heute, zuletzt bis nach Hamburg", sagte er. "Man kann das auch Verwahrlosung des zivilen Umgangs miteinander nennen."

München habe bereits 1962 die Schwabinger Krawalle erlebt, 1964 seien die ersten Eier und Tomaten bei Demonstrationen geflogen, 1968 habe es dann in Berlin die "Schlacht am Tegeler Weg" gegeben, wo Rocker und Studenten gemeinsam gegen die Polizei vorgegangen seien.

Woher kommt die Gewalt?

Schroeder versuchte zu erklären, woher diese Gewalt kommt. 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung gehe es gut bis sehr gut, sagte er. "Aber das Materielle ist nicht alles. Vielen fehlt die Sinnstiftung." Hier würden totalitäre und radikale Ideologien mit ihren Heilsversprechen ansetzen - und eine Lücke füllen.

Hinzu komme, dass etwa linksextremistische Gewalt jahrelang weniger Beachtung bekommen habe. "Die Straftaten von Islamisten und Neonazis waren skandalträchtiger", sagte Schroeder.

Tatsächlich sorgten in den vergangenen Jahren die Morde der NSU oder Terroranschläge von islamistischen Tätern für mehr Schlagzeilen als Krawalle bei Demonstrationen.

Außerdem führte Schroeder an, es gebe bis in die Mitte der Gesellschaft hinein die Sicht, "dass linksextreme Gewalt für eine gute Sache wäre". Sie sei damit akzeptierter als andere Formen extremistischer Gewalt. Genau das hatten viele Politiker und Beobachter nach Hamburg scharf kritisiert.

Lesen als Präventivmaßnahme

Wie also dagegen vorgehen? Eine Möglichkeit sei, die Polizei zu stärken, sagte Schroeder. "Die Polizei ist in den letzten Jahrzehnten zum Prügelknaben geworden." Die Beamten gingen vor allem defensiv vor.

So ganz richtig ist das für Hamburg allerdings nicht. Der dortige Einsatzleiter Hartmut Dudde ist bekannt für sein hartes Vorgehen gegen Demonstranten. Seine Strategie hat sogar den Namen "Hamburger Linie" bekommen.

Doch der G20-Gipfel hat auch gezeigt, wie groß das Gewaltpotential auf Seiten der Linksextremisten ist. Der Ausweg? Schroeder fordert, linksradikale Einstellungen nicht länger zu akzeptieren.

Die Linksradikalen hätten, "wenn sie die Macht erobert haben, nie das gehalten, was sie versprochen hatten", sagte er. Das müsse man den Menschen erklären. "Als Präventionsmaßnahme empfehle ich Jugendlichen immer George Orwells 'Farm der Tiere'". Der britische Autor habe beschrieben, wie ausbeuterisch Linksextremisten sein können, wenn sie an der Macht seien.

Mehr zum Thema: War das schon Terrorismus? Warum die deutsche Linke ein ernstes Problem mit der Gewalt hat

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(sk)

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