Ein Münchner Wirt störte sich nicht am Pegida-Stammtisch, nun muss er sein Restaurant schließen

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  • Pegida München hat sich regelmäßig in einem italienischen Restaurant in Sendling getroffen
  • Dem Wirt war das egal - doch die Umsätze gingen zurück, sodass er nun schließen muss
  • Die Schuld sieht er insbesondere bei einem SPD-Lokalpolitiker

Giovanni Costa hat nicht viel Zeit. Zwar sitzen am Mittwochnachmittag nur ein paar Gäste im Restaurant "Casa Mia" ("Mein Zuhause") und genießen ihr Bier. Doch für alle ist klar: Bald ist Schluss.

Zwei Tage später war es soweit: Am Freitag stand Costa das letzte Mal in der Küche seines italienischen Restaurants in München-Sendling. Er musste schließen, nach 14 Jahren.

Dass es soweit kam, war vor anderthalb Jahren noch nicht abzusehen. Doch dann kamen Pegida München, ein örtlicher SPD-Politiker und zahlreiche Probleme.

casa mia
Aushang im "Casa Mia"

"Kein braunes Bier in Sendling"

Doch von vorne.

Im Oktober 2015 bekam Costa einen Anruf. Ob er Montagabend 20 bis 30 Personen von halb zehn bis halb elf bewirten könne, fragte der Anrufer, wie sich der 54-Jährige erinnert. "Klar sagte ich zu, ich brauche ja den Umsatz. Gerade montags, wo sowieso immer wenig los ist."

Die Gruppe kam regelmäßig. Manchmal nur zehn, manchmal 30 Leute. "Es seien ganz normale Gäste gewesen", berichtet Costa. "Wie jeder andere auch."

Anfang 2016 kam Ernst Dill, Sprecher der Sendlinger SPD-Fraktion, in sein Restaurant - und klärte Costa auf, wer sich dort montags immer bei ihm traf: Pegida.

Doch anders als in Dresden wird Pegida München weniger von besorgten Bürgern, sondern deutlich von Aktivisten rechtsextremistischer Parteien und Organisationen dominiert, darunter die NPD, der Dritte Weg, Die Rechte und die Identitäre Bewegung. Laut dem bayerischen Verfassungsschutz sind "wesentliche Teile des Vorstands von Pegida München der rechtsextremistischen beziehungsweise verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene zurechenbar".

Als der Bezirksausschuss (BA) erfuhr, "dass das 'Casa Mia' als Rückzugsressort für Pegida dient", wie Dill sagt, habe man sich entschlossen, aktiv zu werden. "Denn wir wollen kein braunes Bier in Sendling."

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Kein Problem mit dem Pegida-Stammtisch

Zusammen mit dem Bürgermeister habe man dem Wirt ein Schreiben des Münchner Oberbürgermeisters und Hinweise des Deutschen Hotel- und Gaststättenverband übergeben, in dem Costa geschildert wird, "dass er diese Leute nicht bedienen muss", erklärt Dill.

Auch Miriam Heigl von der Fachstelle für Demokratie der Stadt München sagt, dass man dem Wirt nur eine Hilfestellung gegeben habe. Als Privatmann habe er keine Bedienungspflicht.

Aber: "Er hat das Hilfegesuch nicht angenommen. Er hat sich sogar bei uns beschwert", berichtet Heigl. So etwas habe sie noch nicht erlebt.

Aus Sicht des gebürtigen Sizilianers sei der SPD-Lokalpolitiker in der Folge fordernd aufgetreten: "Er sagte zu mir, dass ich diese Leute nicht mehr bedienen soll."

Doch für Costa war der Pegida-Stammtisch kein Problem. "Ich interessiere mich nicht für Politik." Er betont: "Die Leute waren nie auffällig. Es gab weder Fahnen, Flyer, noch einen Redner. Die waren eine Stunde da. Haben gegessen und getrunken, bezahlt und sind gegangen."

Gegenseitige Anschuldigungen

Für Dill ist das "keine tragfähige Argumentation". Sendling habe eine hohe Integrationskraft. "Auch Costa selbst profitiert davon. Dass er dann aber eine Gruppe bewirtet, die Weltoffenheit ablehnt, passt nicht zusammen."

Costa zufolge soll der Stellvertretende BA-Vorsitzender "immer wieder" gekommen sein und ihn gedrängt haben, die Pegida-Anhänger nicht zu bewirten. Mehr noch: "Herr Dill hat mir gedroht: 'Wenn Sie den Leuten kein Hausverbot geben, dann werde ich Ihr Lokal schließen und Sie verhungern lassen.'"

Dill entgegnet: "Das ist völliger Unsinn und eine plumpe Unterstellung. Der Bursche lügt."

Spätestens im März 2016 wird der Streit Thema in der Lokalpresse.

Auch weil die Wände des Restaurants beschmiert werden: "Nationalsozialismus raus aus den Köpfen!", "Nazis verpisst euch!". Costa übermalt die Parolen.

Dritte melden den Fall der Brauerei Anheuser-Busch InBev, die das "Casa Mia" beliefert und Costa die Räume verpachtet.

Die Brauerei legt Costa einen Zusatzvertrag vor, wonach er sich gegen jegliche rechtsextremen und rassistischen Veranstaltungen in seinem Lokal aussprechen soll. "Wir haben ihm gesagt: 'Du musst niemanden bewirten, der aus extremen Lagern kommt'", erklärte ein Brauerei-Sprecher der "Süddeutschen Zeitung".

Costa unterschrieb das Dokument.

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Umsatzrückgang um bis zu 25 Prozent

Trotzdem: Pegida habe er kein Hausverbot erteilt - "Warum auch?", fragt Costa. Er habe den Anhängern aber gesagt, dass er Probleme bekommen habe. "Ich habe es ihnen freigestellt, ob sie weiterhin kommen oder nicht."

Die großen Stammtische kamen spätestens im Juni 2016 nicht mehr - das sagen sowohl Dill als auch Costa. Allerdings sollen weiterhin vereinzelt Pegida-Anhänger gekommen sein. "Einige von Pegida sind meine Stammkunden - doch ich habe nicht gewusst, dass die dabei sind", beteuert der Wirt. Manche kenne er bereits seit zehn Jahren.

Vielleicht solidarisierte sich auch deshalb Pegida Bayern mit dem "Casa Mia".

Klar ist: Der Konflikt schadete Costa und seinem Geschäft. Und Costa macht Ernst Dill dafür verantwortlich - obwohl für den SPD-Mann die Geschichte seit einem Jahr erledigt gewesen sei.

Trotzdem wirft Costa ihm vor, "das Hausrecht übernommen" und die "Gäste kontrolliert" zu haben. Die Umsätze seien um 20 bis 25 Prozent zurückgegangen. "Damit hatte die Brauerei einen Grund gefunden, um den Pachtvertrag zu kündigen", sagt der Wirt verärgert.

Er habe mit der Brauerei bereits seit 25 Jahren zusammengearbeitet. All die Jahre habe er die Rechnungen immer problemlos bezahlt. Deshalb komme die Kündigung für ihn "sehr überraschend".

Bislang keine Distanzierung

Für SPD-Politiker Dill ist die Sache hingegen eindeutig: "Herr Costa hat nicht mit der Landeshauptstadt, aber mit den Leuten von Pegida kooperiert. Es ist schon sehr verwunderlich, dass er jetzt ankommt und sich beklagt. Offenbar hat er die falsche Entscheidung getroffen." Er verwehre sich dagegen, "dass nun der SPD die Schließung in die Schuhe geschoben wird".

Seitdem die Schließung feststand, solidarisierte sich das rechtsextreme Spektrum erst recht mit dem Wirt. "Und wir haben bislang keine Distanzierung wahrgenommen", betont Heigl von der Fachstelle für Demokratie.

Die Distanzierung wird wohl auch nicht mehr kommen. Für Costa ist der Trubel sichtbar zu viel geworden. "Ich will jetzt erst einmal ein paar Tage Urlaub machen", sagt er.

Und verschwindet nach einer kurzen Verabschiedung wieder in der Küche.

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(ks)

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