Kartellvorwurf gegen deutsche Autobauer - diese 9 Fakten müsst ihr über den Wirtschaftsskandal kennen

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ZETSCHE KRGER
Kartellvorwurf gegen deutsche Autobauer - diese 7 Fakten müsst ihr über den Wirtschaftsskandal kennen | dpa
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  • Deutsche Autobauer sollen sich in geheimen Treffen jahrelang abgesprochen haben
  • Sollten die Vorwürfe stimmen, müsse "die deutsche Wirtschaftsgeschichte umgeschrieben werden", heißt es
  • Das sind die wichtigsten Fakten des Skandals im Überblick

Als “größten Wirtschaftsskandal seit dem Zweiten Weltkrieg” beschreibt die “Süddeutsche Zeitung” die Kartellvorwürfe gegen Daimler, Volkswagen, Audi, Porsche und BMW.

Wenn die Berichte des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel” stimmen würden, müsse “die deutsche Wirtschaftsgeschichte umgeschrieben werden”.

Am Freitag hatte der "Spiegel" berichtet: Die Autobauer sollen sich seit Jahren in geheimen Treffen abgesprochen - und so den Wettbewerb ausgehebelt haben.

Was steckt hinter dem Skandal? Diese neun Fakten müsst ihr über die Vorwürfe gegen die Autobauer kennen.

1. Wie lauten die Vorwürfe?

Volkswagen, Audi, Porsche, BMW und Daimler sollen sich in gemeinsamen Arbeitskreisen über Technik, Kosten und Zulieferer abgesprochen haben, wie der “Spiegel” am Freitag meldete. Die Absprachen sollen Zulasten von Zulieferern und Verbrauchern gegangen sein.

Das Magazin beruft sich dabei auf einen Schriftsatz, den VW auch für Audi und Porsche bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht haben soll. Auch Daimler habe eine “Art Selbstanzeige” hinterlegt.

2. Wie lang soll es die Absprachen schon geben?

Der “Spiegel” berichtet von jahrelangen Absprachen der fünf großen deutschen Autobauer.

Schon seit den 90er Jahren sollen sich Entwicklungsexperten der Konzerne regelmäßig mehrfach im Jahr getroffen haben. In Stuttgart, München, Ingolstadt oder Wolfsburg oder auf den großen Automobilmessen der Welt - in Genf, Frankfurt oder Paris.

Mehr als 200 Mitarbeiter sollen sich in mehr als 60 geheimen Arbeitskreisen abgestimmt haben. Die Arbeitskreise und Unterarbeitskreise sollen nach den Entwicklungsbereichen “An­trieb”, “Auf­bau/​Ka­ros­se­rie“, “Fahr­werk“, “Elek­trik/​Elek­tro­nik“ und “Ge­samt­fahr­zeug“ unterteilt gewesen sein.

Die Grup­pen wur­den, weil fünf Mar­ken be­tei­ligt wa­ren, von Mitarbeitern als “5er-Krei­se“ be­zeich­net, schreibt der “Spiegel”.

3. Um was ging es in den Absprachen?

Es soll um alle Details der Autoentwicklung gegangen sein. In den Arbeitsgruppen sei es auch um die Auswahl von Lieferanten oder die Festlegung von Bauteilkosten gegangen, berichtete der “Spiegel”.

4. Was ist der Hintergrund der Enthüllungen?

Dass VW und Daimler sich nun offenbar selbst anzeigen, geschehe nicht freiwillig, berichtet der "Spiegel". Ermittlungen hätten die Unternehmen unter Druck gesetzt.

Das Kartellamt hatte im vergangenen Sommer Büros von Autobauern und Zulieferern durchsucht. Dabei ging es um Absprachen bei Stahlpreisen. Die Ermittler sollen dabei auch auf Hinweise zum Autokartell gestoßen sein.

VW habe daraufhin alle seine Unterlagen durchforstet und sie den Kartellwächtern in Brüssel und Bonn zur Verfügung gestellt.

5. Wie reagieren die Autobauer?

Volkswagen erklärte gegenüber dem “Spiegel”, dass der Verdacht bestehe, dass es “zu kartellrechtswidrigem Verhalten” gekommen sei. Der Schriftsatz ist auch im Namen von Audi und Porsche.

BMW erklärte: “Wir bit­ten Sie um Ver­ständ­nis da­für, dass wir Ih­ren um­fang­rei­chen Fra­gen­ka­ta­log nicht ab­ar­bei­ten. Wir be­tei­li­gen uns an der­ar­ti­gen Spe­ku­la­tio­nen nicht.“

Auch Daimler wollte sich zu den Spekulationen auf Anfrage des “Spiegel” nicht äußern.

6. Was hat das alles etwas mit dem Dieselskandal zu tun?

Besonders brisant an der Recherche des "Spiegels" ist: Die Absprachen sollen die Basis für den Diesel-Skandal bilden.

Laut dem “Spiegel” stimmten sich Daimler, BMW, Audi, Porsche und VW seit Jahren etwa darüber ab, wie groß die Tanks für AdBlue sein sollten – ein Harnstoffgemisch, mit dessen Hilfe Stickoxide in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff aufgespalten werden.

Weil große Tanks teurer gewesen wären, sollen sich die Firmen auf kleine Tanks geeinigt haben. Diese hätten aber später nicht ausgereicht, Abgase ausreichend zu reinigen.

Der “Spiegel” ist sich sicher: “Es wa­ren Ab­spra­chen die­ser fünf Mar­ken, die letzt­lich da­für sorg­ten, dass die Ab­ga­se der Die­sel­fahr­zeu­ge nicht so gut ge­rei­nigt wur­den, wie es tech­nisch mög­lich ge­we­sen wäre.”

Der Dieselskandal sei nicht das Werk einiger krimineller Manager im Volkswagen-Konzern, sondern das Ergebnis heimlicher Absprachen in der gesamten deutschen Automobilindustrie. Das habe Auswirkungen auf Millionen Besitzer von Diesel-Fahrzeugen gehabt. Aber natürlich seien auch Aktionäre der Konzerne und Zulieferer von den Absprachen und den Skandalen betroffen.

Im September 2015 hatte VW zugegeben, millionenfach Dieselmotoren manipuliert zu haben, deren Abgasreinigung nur auf dem Prüfstand zufriedenstellend arbeitete.

7. Heißt das nun, es gibt keinen Wettbewerb unter deutschen Autobauern?

Natürlich gebe es noch Wettbewerb unter den deutschen Herstellern, berichtet der "Spiegel". Jeder wolle das komfortabelste Auto oder das sportlichste Fahrwerk entwickeln.

Aber in einige Bereichen setzten die Hersteller diesen Wettbewerb aus - etwa bei der Diesel-Abgasreinigung. So haben nicht die Gesetze des Marktes dafür gesorgt, dass Modelle mit immer besseren Abgaswerten mehr Verkäufer fanden. Die Hersteller setzten schlicht einen technischen Standard.

8. Welche Strafen drohen den Autobauern?

In den vergangenen Jahren hat die EU-Kommission begonnen, drastische Strafen gegen Preis- oder Technikabsprachen zu verhängen. Den Autobauern drohen daher Milliardenstrafen.

Dazu können Klagen von Firmen und Privatpersonen kommen, die sich um ihr Geld gebracht sehen.

9. Können Käufer jetzt klagen?

Einem Kartellrechtler zufolge sind Klagen von Pkw-Käufern möglich. “Die Frage ist, ob Autos durch mögliche Kartellabsprachen auf einem schlechteren technischen Stand verkauft wurden, als sie hätten sein können”, erklärt Christian Kersting von der Universität Düsseldorf.

“Das könnte ein argumentativer Ansatz sein. Klagen von Autokäufern sind deshalb nicht ausgeschlossen.” Vor Gericht sei es aber sehr schwer nachzuweisen, dass ein finanzieller Schaden entstanden sei, sagte der Rechtsprofessor der dpa.

Mit Material der dpa.

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(ll)

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