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21/07/2017 17:59 CEST | Aktualisiert 25/07/2017 15:59 CEST

Ein renommierter Kinderarzt warnt: Das passiert mit Kindern, die nur selten in der Natur sind

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Erziehungsexperten warnen: Kinder sind inzwischen viel zu selten draußen

Kleine Füße tasten nach einer sicheren Stelle auf der Baumrinde, dann trippeln sie geschäftig vorwärts, auf dem umgefallenen Baumstamm entlang. Ein beherzter Sprung und sie landen wieder auf der weichen Wiese.

Es gibt kaum etwas Schöneres, als ein Kind dabei zu beobachten, wie es die Natur entdeckt. Testet, wie glatt die Oberfläche eines Steins ist. Ausprobiert, wie aufregend sich der Waldboden unter den nackten Füßen anfühlt.

Dass Kinder sich frei in der Natur bewegen und spielen, ist entscheidend für ihre Entwicklung. Erziehungsexperten aber warnen: Kinder sind inzwischen viel zu selten draußen - die Folgen seien körperliche Leiden, aber auch psychische Probleme und Verhaltensstörungen.

Inzwischen gibt es dafür sogar einen Begriff: Natur-Defizit-Syndrom.

"Bei Hühnern würden wir gegen solche Lebensbedingungen protestieren"

"Unsere Kinder verbringen den allergrößten Teil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen mit Fernsehen, Computerspielen und dem Internet", schreibt die britische Erziehungsexpertin Kate Blincoe in ihrem Buch "Green Parenting".

"Sie bewegen sich nicht genügend und sind dicker und langsamer als Kinder früherer Generationen. Bei Hühnern würden wir gegen solche Lebensbedingungen protestieren."

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Dass Eltern das geschehen lassen, liege zu einem großen Teil an ihrer Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder, glaubt Blincoe.

Diese Ansicht vertritt auch der Mannheimer Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster.

In Deutschland hat sich kaum jemand so eingehend mit dem Thema beschäftigt wie er. In seinem Buch "Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum" warnt Renz-Polster gemeinsam mit dem renommierten Hirnforscher Gerald Hüther vor einer “Verhäuslichung" der Kindheit.

Kindern fehlt die Möglichkeit zum freien Spiel

Neben dem Mangel an frischer Luft sieht er bei Kindern, die wenig Zeit in der Natur verbringen, vor allem ein Problem: Sie bekommen zu wenig Gelegenheit, frei und ohne Vorgaben zu spielen - etwas, das beispielsweise im Wald ideal funktioniert.

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"Das selbst gesteuerte Spielen aus eigenem Antrieb, ohne Anweisung und ohne Programm ist stark zurückgegangen", beobachtet er. Und das sei eine besorgniserregende Entwicklung.

Denn: "Kinder wachsen, indem sie sich an selbst gestellten Herausforderungen abarbeiten", erklärt der Wissenschaftler. "Sie suchen sich Widerstände und können so Bewährungen bestehen. Das macht sie innerlich stark."

Entwickeln müssten sich Kinder eigenständig. "Wir können sie nicht stark machen, das müssen sie von selbst werden." Und Kinder entwickeln sich, indem sie spielerisch lernen - wozu in der Natur ideale Voraussetzungen existieren.

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Ein schönes Beispiel dafür liefert Erziehungsexpertin Blincoe. "Die Augenblicke des Staunens über die Natur sind etwas ganz Besonderes", schreibt sie in ihrem Buch. "Wenn eine Schnecke aus ihrem Haus hervorschaut oder ein Schmetterling auf der Nase des Kindes landet."

Am besten könnten Kinder lernen, wenn wir sie selbstgesteuert erforschen lassen, rät Renz-Polster. Und zwar in einem Rahmen der "gesicherten Freiheit". Er spricht hier von der "unstrukturierten Exploration" in der Natur.

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Wie wichtig das selbstbestimmte Erforschen ist, lässt sich an mehreren Punkten festmachen:

1. Kinder, die oft in der Natur sind, werden selbstbewusster

"Kinder brauchen diese Erfahrung der selbstbestimmten Erforschung, damit ihr Körper, ihr Geist und ihre Sinne zusammenwachsen können", erklärt Renz-Polster.

Für Kinder habe Selbstbewusstsein sehr viel mit körperlichem Erleben zu tun. "Sie müssen sinnliche Erfahrungen machen, um zu merken, wie sie an den Herausforderungen wachsen. So lernen sie, ihren Körper und auch ihren emotionalen Haushalt zu beherrschen."

2. Sie lernen Selbstkontrolle

Die Grundaufgabe von Kindern sei es in den ersten Jahren, Selbstkontrolle und soziale Kompetenzen aufzubauen, sagt Renz-Polster.

"In der Umwelt finden sie ideale Voraussetzungen dazu. Bringen Sie Kinder an einen Fluss und Sie werden sehen, wie jedes von ihnen sofort eine Aufgabe findet. Die kleineren werfen Steine ins Wasser, die Größeren stauen Kiesel auf und bauen einen Damm."

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3. Sie erarbeiten sich Durchhaltevermögen und Teamfähigkeit

"'Ich kann, ich darf, ich will' - Bei solchen selbstbestimmten Aufgaben bildet sich der Charakter eines Kindes aus", sagt der Kinderarzt.

Und: "Wenn mehrere Kinder frei zusammen in der Natur spielen, lernen sie auch, sich als Gruppe Ziele zu setzen und diese zu erreichen."

4. Sie sind weniger anfällig für Depressionen und andere Krankheiten

"Der Aufenthalt in einer grünen Umgebung reduziert negative Gefühle wie Spannungen, Wut und Depression", schreibt Blincoe in ihrem Buch. Auch die Abwehrkräfte und die Kondition des Kindes würden gestärkt.

5. Sie kommen in die Kribbelzone

Auch lerntheoretisch ist das freie Spielen von großer Bedeutung. "Aus der Gehirnforschung weiß man, dass völlig absichtsloses Spielen für die besten Vernetzungen im Gehirn sorgt", sagt Hirnforscher Hüther.

Er und auch Renz-Polster sprechen davon, dass Kinder in die sogenannte "Kribbelzone" kommen müssen.

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"Kinder stellen sich Aufgaben im Bereich des gerade noch Schaffbaren", erklärt Renz-Polster. "Die Natur hat es so vorgesehen, dass es da besonders anfängt zu kribbeln, wo sich Lust und Angst mischen."

So entwickelten sich Kinder am schnellsten weiter.

"Wenn Kinder auf einen umgefallenen Baumstamm klettern, sucht sich jedes Kind ganz eigenständig seine Stelle, vor der es runterspringen will", sagt der Kinderarzt.

Wichtig sei, dass die Eltern in diesen Prozess nicht zu stark eingriffen, mahnt er. "Es bringt gar nichts, einem Kind vorzuschreiben, an welcher Stelle es vom Baumstamm zu springen hat. Man kann Kindern nicht verordnen, wann sie sich in der Kribbelzone befinden."

6. Kinder sind ausgeglichener, wenn sie viel draußen sind

Jeder, der schon mal einem Kind die Tür aufgemacht hat, als es mit leuchtenden Augen und geröteten Bäckchen von einem Ausflug in den Wald oder auch nur den nahegelegenen Park zurückkommt, wird das bestätigen.

Auch Renz-Polster bestätigt: "Kinder schlafen besser, sind ausgeglichener und weniger schnell trotzig, wenn sie draußen gespielt haben."

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Warum sind Kinder dann so wenig in der Natur?

Wenn es also derart wichtig für Kinder ist, dass sie frei draußen spielen können, warum tun sie es dann nicht genug?

Das Problem, so glaubt Renz-Polster, sei ein gesamtgesellschaftliches.

"Wir haben ein anderes Programm für Kinder festgelegt", sagt er. "Unsere Priorität liegt darauf, dass Kinder kognitiv vorankommen, schließlich ist es das, was später den Wettbewerb entscheidet."

Die moderne Gesellschaft habe das ganzheitliche Kinderbild aus den Augen verloren, kritisiert er. Sein hartes Urteil: "Wir behandeln Kinder wie ein Gehirn mit Anhang."

Das höchste Paradigma sei die Vorbereitung auf die Wissensgesellschaft - ein großer Fehler, wie er warnt: "Es ist ein Trugschluss zu denken, dass man ein Kind darauf vorbereiten kann, indem man es mit Wissen bombardiert."

Viele Kitas bieten keine angemessenen Außenräume

Das Dilemma beginnt laut Renz-Polster bereits in der Kita.

"Die meisten Kitas haben ein vorzeigbares Programm, mit dem die Kinder kognitiv gefördert werden", sagt er. "Doch wenn man sich den Außenbereich anschaut, dann steht das, was dort geboten ist, in keinem Verhältnis dazu."

Manche Einrichtungen hätten fast gar kein Außengelände. "Das ist eine Art der Vernachlässigung, die völlig inakzeptabel ist."

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Schuld seien in vielen Fällen die Eltern, die fürchten, ihr Kind werde sonst nicht ausreichend gefördert. "Oft müssen sich Kitas sogar rechtfertigen, wenn sie Kinder draußen einfach vor sich hinspielen lassen."

Die Erzieher machen die Entwicklung nach Ansicht des Erziehungsexperten größtenteils stillschweigend mit.

Was Eltern und Erzieher tun können

Was ist also zu tun? Für Renz-Polster gibt es nur einen Weg, den wir jetzt einschlagen müssen: "Wir brauchen keine Programme für Kinder", sagt er. "Wenn überhaupt sollten wir sie begleiten bei ihren Programmen." Und das einzige Programm, das Kinder sich freiwillig aussuchten, sei Spielen.

"Draußen zu sein, kann ja sehr unterschiedlich aussehen", erklärt Renz-Polster. "Ob ein Kind einen Lehrpfad abarbeiten oder eine Übung machen soll ist etwas ganz anderes als wenn es frei spielen darf."

Ähnlicher Meinung ist auch Erziehungsexpertin Blincoe. "Kinder müssen viel lernen, um auf die Schule vorbereitet zu sein", schreibt sie in ihrem Buch - "nicht etwa das Alphabet oder die Buchstaben ihres Namens, sondern die Kontrolle von Körper und Gefühlen, den Umgang mit anderen und die Einschätzung von Gefahren."

Renz-Polsters Rat an alle Eltern lautet: "Dein Kind wird alles im Leben erreichen, was es will, wenn es neugierig bleibt und ein mutiges Herz hat."

Kein Kind scheitere im Leben, wenn es nicht früh genug Lesen oder Rechnen lerne. "Aber es scheitert, wenn ihm das Leuchten in den Augen genommen wird."

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(ben)

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