Kindern ist der Wille zum Erfolg angeboren - doch dann machen viele Eltern einen Fehler

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Hirnforscher Gerald Hüther warnt: Viele Eltern nehmen ihren Kindern die Lust am Lernen | iStock
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  • Kinder kommen mit der Bereitschaft auf die Welt, immer das Beste zu geben
  • Hirnforscher Gerald Hüther aber warnt: Sie verlieren diesen Willen, wenn wir zu sehr in den Lernprozess eingreifen
  • Er hat einen Rat, was Eltern tun können, um das zu vermeiden

"Komm schon, das schaffst du! Das kannst du noch besser!"

Eltern fällt es sehr schwer, ihre Kinder nicht ständig anzuspornen.

Ganz egal, ob es darum geht, einen Turm aus Bauklötzen zu bauen, das Musikstück auf dem Klavier fehlerfrei zu spielen oder die Mathehausaufgabe auf Anhieb richtig zu lösen.

Der renommierte deutsche Hirnforscher Gerald Hüther aber warnt: Wenn Eltern ständig in den Lernprozess eingreifen und ihren Kindern sagen, was sie zu leisten haben, erreichen sie genau das Gegenteil von dem, was sie wollen.

"Kinder kommen mit der Bereitschaft auf die Welt, alles perfekt machen und als Höchstleistung bestreiten zu wollen", sagte er der HuffPost. "Bei allem wollen sie zeigen, was sie können."

Kinder verlieren die Entdeckerfreude, wenn wir zu sehr in ihren Lernprozess eingreifen

Das Problem jedoch ist: Viele Eltern zerstören diese Bereitschaft in den frühen Kinderjahren. "Wir glauben oft, dass Kinder keine Leistung erbringen, wenn wir sie nicht antreiben", erklärt Hüther.

Genau das führe aber dazu, dass Kindern der Wille zur Höchstleistung genommen werde, warnt er. Denn sie verlieren das, was für ihre Entwicklung am allerwichtigsten ist: die Entdeckerfreude.

Mehr zum Thema: Kinderarzt Remo Largo erklärt: Mit diesem Fehler schaden Eltern ihren Kindern

"Wenn Eltern ihre Kinder zu Leistungen drängen, verlieren sie die Lust daran, gut zu sein", sagt der Hirnforscher.

Eltern falle es zunehmend schwerer, ihre Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind. Ein Kind “in seiner Subjekthaftigkeit annehmen” nennt Hüther das.

“Wenn Eltern feststellen, dass Kinder ihre Lust an der Gestaltung verlieren, liegt das daran, dass sie sich nicht mehr als Subjekte sehen, sondern wir sie zu Objekten unserer eigenen Vorstellungen gemacht haben", erklärt er.

"Dieser Zwang zur Objektivierung ist eine der schmählichsten Errungenschaften unserer Zeit."

Kinder müssen sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln

Ein Kind habe dann nicht mehr das Gefühl, dass es um seiner Selbst willen geliebt werde. Es lerne, dass es nur dann Anerkennung bekommt, wenn es das macht, was die Eltern als wichtig erachten.

"Es versucht ständig, die Vorstellungen der Eltern oder später der Lehrer zu erfüllen. Sie lernen dann nicht mehr um des Lernens willen, sondern um Anerkennung und Bedeutsamkeit zu erlangen."

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Hüther spricht damit ein Problem an, auf das auch andere Experten regelmäßig hinweisen.

Kinder werden nicht in Ruhe gelassen, sondern sollen ständig etwas erfüllen, das Eltern, Erzieher, Lehrer sich für sie ausgedacht haben. Das nimmt Kindern nicht nur die Phantasie, sondern raubt ihnen auch das Selbstbewusstsein und die Würde, warnen Pädagogen und Psychologen.

"Die Eltern versuchen, die Kinder extrem zu fördern - in dem Glauben, das mache die Kinder klüger und damit auch erfolgreicher. Doch das ist ein Irrtum", sagte der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo dazu kürzlich der HuffPost.

Kinder werden nicht erfolgreicher, wenn man sie extrem fördert

Die Folge ist genau das, wovor Hüther warnt: Kinder verlieren die Lust am Entdecken und am Lernen.

Als Beispiel, wie Kindern diese Lust genommen wird, nennt der Hirnforscher die Talentsuche in Fußballvereinen.

"Da werden die Besten rausgepickt, in höherklassige Vereine gesteckt und dann so lange gepusht und gefördert, bis sie die Lust am Spielen verlernen.”

In der Schule verlieren Kinder die Lust am Lernen

Ein Trainer aus dem Förderzentrum eines Bundesligavereins habe ihm berichtet, dass viele Kinder auf diese Weise nicht nur den Spaß an der Sportart verlören, sondern auch die Fähigkeiten abnähmen.

"Innerhalb von zwei Jahren können sie nicht mehr richtig Fußballspielen. Der Grund: Sie werden nur noch nach ihren Leistungen bewertet."

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Dasselbe gelte für die Grundschule. "Kinder kommen mit der Lust zu lernen in die erste Klasse - beim Eintritt ins Gymnasium haben sie den Spaß daran verloren", sagt Hüther.

Was aber können Eltern und auch Lehrer tun, um das zu ändern?

"Wir müssen Kindern die Möglichkeit geben, selbst aktiv zu werden und sich auszuleben", sagt Hüther. Die meisten Kinder würden ohnehin lieber ein Baumhaus bauen oder Verstecken in einer Höhle spielen als vor dem Laptop zu sitzen.

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Die einzige Möglichkeit, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ist nach Ansicht des Hirnforschers: Die Eltern müssen nicht nur versuchen, die Erziehung ihrer Kinder zu ändern - sie müssen ihr eigenes Leben ändern.

"Die meisten von uns sind es gewohnt, sich selbst zum Objekt zu machen", erklärt er. "Viele Erwachsene belehren die Menschen um sich herum tagtäglich."

Wir müssten aufhören, andere Menschen wie Objekte zu behandeln, sondern von Subjekt zu Subjekt: "anlächeln und ermutigen statt belehren".

Kinder müssen ihrem Erfindungsreichtum freien Lauf lassen können

Erst wenn Eltern das geschafft haben, können sie nach Ansicht des Hirnforschers Dasselbe auch an ihre Kinder weitergeben.

Dazu gehört laut Hüther auch: "Eltern müssen ihre Kinder auch einfach mal in Ruhe spielen lassen, ihrem Erfindungsreichtum und ihrer Fantasie an einem schönen Ort freien Lauf lassen."

Er beschreibt es mit einem treffenden Bild:

"Wir können auf diese Weise zu Schatzsuchern bei den eigenen Kindern werden. Das macht viel mehr Spaß, als wenn wir uns als Obstbaumzuschneider von Spalierobst verstehen. Der sorgt zwar für schöne Früchte, aber das Potential eines Baums ist es nicht, als Spalierobst zu enden."

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(ben)

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