NACHRICHTEN
21/07/2017 17:55 CEST | Aktualisiert 23/07/2017 21:14 CEST

Stadtplaner warnen: Sollen unsere Metropolen lebenswert bleiben, müssen wir jetzt handeln

Nello Giambi via Getty Images
German motorway (Autobahn)

  • Die Luftverschmutzung in deutschen Städten ist beunruhigend hoch

  • Das belastet nicht nur das Klima und die Umwelt, sondern auch die Gesundheit der Bewohner

  • Experten warnen: Sollen die deutschen Metropolen trotz Luftverschmutzung lebenswert bleiben, müssen wir jetzt handeln

Der Münchner Baldeplatz gilt als beliebter Treffpunkt für Familien, denn er ist nur wenige Meter vom Ufer der Isar entfernt. "Allein bei uns im Haus wohnen 21 Kinder", erzählt Familienvater Benjamin David.

"Klingt eigentlich nach einer kleinen Familienidylle." Wenn da nicht die ständigen Staus, die hohe Feinstaubbelastung und die regelmäßigen Verkehrsunfälle wären. Denn der Platz ist von einer Doppelkreuzung und einer vierspurigen Straße mit zwei Radwegen umgeben. "Die Abgase und das Verkehrschaos in München gefährden die Gesundheit unserer Kinder!"

Und mit seinen Sorgen ist der Münchner Vater nicht allein. Die Luftverschmutzung in deutschen Städten ist beunruhigend hoch.

smog germany

Smog gibt es immer wieder in deutschen Städten - wie hier über Hannover (Quelle: Getty Images)

Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Feinstaubwert wurde im vergangenen Jahr an fast einem Viertel aller Messstationen in Deutschland überschritten.

Mit dem Klimawandel wächst auch das Risiko hoher Konzentrationen von Ozon.Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass die Ozon-Überschreitungstage bis 2050 um 30 Prozent steigen. Insbesondere in Süddeutschland könnte der Anstieg noch größer sein - Stuttgart und München sind auch im Rahmen der Feinstaubbelastung Spitzenreiter.

Die Luftverschmutzung belastet nicht nur das Klima und die Umwelt, sondern auch unsere Gesundheit. Sie verursacht Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen und nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EEA) sterben jedes Jahr über 59.000 Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung - mehr als bei Verkehrsunfällen.

Die Zahlen zeigen unumstößlich: Wir müssen jetzt handeln, um unsere Städte auch in Zukunft lebenswert zu machen.

Ende 2016 hatten sich alle EU-Staaten verpflichtet, bis 2030 die Emissionen von Feinstaub, Ammoniak, Stickoxiden und flüchtigen Kohlenwasserstoffverbindungen zu senken. Dadurch soll nicht nur die Ozon-Belastung begrenzt, sondern auch die Feinstaubbelastung gesenkt werden.

Doch wie können wir das schaffen?

Der große Übeltäter: Dieselmotoren

Es sind vor allem die Abgase von Autos, Lkw, Bussen, aber auch von Baumaschinen und Holzöfen, die für eine hohe Belastung mit Feinstaub und Stickoxiden sorgen.

Größter Übeltäter: Dieselmotoren. Naheliegend in der aktuellen Diskussion ist daher ein Komplettverbot von Autos mit Dieselmotoren.

Mehr zum Thema: Mit dieser radikalen Maßnahme will Münchens Oberbürgermeister gegen die Luftverpestung kämpfen

“Die Quelle, die am meisten für die Überschreitung verantwortlich ist, sind Dieselfahrzeuge. Deshalb muss es dringend ein Fahrverbot geben”, sagt Dorothee Saar, Leiterin für Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe.

Georg-Christof Bertsch ist Professor für interkulturelle Designprozesse und Stadtdenker aus Frankfurt. Auch er sieht keinen Weg vorbei am Dieselfahrverbot.

Bertsch beschäftigt sich seit Jahren mit dem Zusammenspiel von Klimawandel, Design und der Gestaltung der Stadt der Zukunft auf der ganzen Welt. Er hat das Designinstitut "Mobilität und Logistik" der Hochschule für Gestaltung in Offenbach gegründet.

congestion germany

(Stau wird in Deutschland immer mehr zum Problem. Credit: Getty Images)

“Technologisch gesehen ist heute schon eine ganze Menge machbar, was sofort zur Luftverbesserung beitragen würde. So geschehen beispielsweise in Shanghai mit dem Verbot von Zwei-Takt-Motoren. Ein Dieselverbot würde auch auf einen Schlag für weniger Feinstaubbelastung sorgen", sagt er.

Strom muss billig werden

Alternative Elektro-Motoren existieren schließlich. Und auch die Förderung von öffentlichem Nahverkehr und Elektro-Bikes könnte rasch umgesetzt werden, glaubt Bertsch. “Auf diese Weise könnten die Bedingungen schnell, effizient und nachhaltig verbessert werden.”

Für Bertsch reicht das aber noch nicht. Er nennt fünf weitere Maßnahmen, um unsere Metropolen auch in Zukunft lebenswert zu machen.

Für die Zukunft sieht er vor allem eines als entscheidend an: “Strom muss so billig werden, dass der Preis keine Rolle mehr spielt.”

Denn dann würden Unmengen an Mobilitätskonzepten entstehen, glaubt er. Die Hemmschwelle für die Anschaffung von E-Autos würde rasant sinken. “Das ist der Kickpunkt. Und technologisch ist es eigentlich möglich, Strom günstiger zu machen”, sagt er.

“Ich bin überzeugt davon, dass wir das Thema Verbrennungsmotoren in ein paar Jahren vergessen können. Sie werden dasselbe Schicksal erleiden wie Drehscheibentelefone und Walkmans”, sagt der Stadtdenker.

Pendlerverkehr muss reduziert werden, Lieferverkehr auf E-Mobilität umsteigen

Doch Bertsch geht noch einen Schritt weiter. Arbeiten und Wohnen müssten näher zusammengebracht werden - denn Pendlerverkehr ist einer der Hauptgründe für die Luftverschmutzung.

Außerdem fordert er eine drastische Gesetzesveränderung für den privaten Direktversand: “Das Ausmaß hat sich in den letzten Jahren drastisch erhöht. Sie verstopfen und verlangsamen den Verkehr. Lieferanten wie DHL oder UPS müssen gezwungen werden, auf E-Mobilität umzusteigen.”

Aber auch die Bürger müssten ihr Verhalten ändern. Dafür gelte es den öffentlichen Nahverkehr zu stärken, Fuß- und Radwege auszubauen und sie für E-Mobilität zu begeistern.

Mehr zum Thema: "Die Abgase gefährden die Gesundheit unserer Kinder": Ein Münchner Vater schlägt Alarm

Doch wie lassen sich die Menschen für seine Maßnahmen begeistern? Reichen Appelle aus?

Auch dafür hat Stadtdenker Bertsch einen Lösungsansatz.

“Lösungen sollten die ökologische, ökonomische und soziale Dimension abdecken. Aber meiner Ansicht nach ist noch ein vierter Aspekt wichtig: die Ästhetik”, sagt Bertsch.

Alles, was wir im 20. Jahrhundert technisch gedacht haben, habe zu einer "Verhässlichung" der Welt geführt.

Bertsch ist sich sicher: “Wenn wir die Ästhetik miteinbeziehen, verändert sich jedes Denken komplett. Dann werden Lösungen attraktiv und angenommen - weil die Menschen sie schön finden. Das ist der Clou.”

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)