POLITIK
20/07/2017 19:12 CEST | Aktualisiert 21/07/2017 00:49 CEST

Die ergrauten Grünen: Die Wählerschaft der Partei wird immer älter - das kann fatale Folgen haben

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Die ergrauten Grünen: Die Wählerschaft der Partei wird immer älter - das kann fatale Folgen haben

  • Früher hat die alternative, junge Elite die Grünen gewählt

  • Jetzt zeigt eine neue Studie: Die Wählerschaft ist stark gealtert

  • Das kann ernsthafte Folgen für die Partei haben

"Vom Sponti zum Rebellen, vom Taxifahrer und Buchhändler zum Minister." Was klingt wie der klassische Lebenslauf eines Grünen, ist auch einer.

Denn genau so kündigte die "Tagesschau" die Vereidigung von Joschka Fischer zum ersten Grünen-Minister 1985 an.

In Hessen war Fischer damals Umweltminister. Bei seiner Vereidigung trug er Turnschuhe, eine Krawatte band er sich nicht um. Das sorgte vor 30 Jahren für Aufregung, ein Foto der Turnschuhe hing später im Fischers Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt.

In der Anfangszeit der Grünen passte Fischer perfekt ins Bild der eigenen Wählerschaft: jung und unangepasst. Doch seitdem hat sich viel verändert.

Wahlforscher sprechen schon vom "Ergrauen" der Partei. Der Anteil der unter 35-jährigen Wähler ist von 80 auf 10 Prozent gesunken. Die Grünen sind fast zur Beamten- und Rentnerpartei geworden - mit möglicherweise fatalen Folgen.

"Starke Verbürgerlichung bei den Grünen"

Eine jetzt veröffentlichte Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zeigt, dass die Wählerschaft keiner anderen Partei seit 2000 so gealtert ist wie die der Grünen. Mit 48,1 Jahren sind die Wähler im Durchschnitt zwar immer noch deutlich jünger wie die der anderen Parteien. Doch im Jahr 2000 war der durchschnittliche Grünen-Wähler noch 40 Jahre alt.

Dass die Grünen laut der Studie "besonders stark gealtert" sind, hat mehrere Gründe:

Die Partei ist bei den älteren Wählergruppen nicht mehr so tabuisiert, wie das früher der Fall gewesen sei, erklärte der Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, schon 2011 im "Handelsblatt".

Jung sieht zudem "eine erkennbar starke Verbürgerlichung bei den Grünen." Das zeigt auch die DIW-Studie: Der Anteil der Angestellten (72 Prozent), der Beamten (10 Prozent) und der Wähler mit Hochschulabschluss (37 Prozent) ist so hoch wie bei keiner anderen Partei.

Da die Generation von Ex-SPD-Bundeskanzler Willy Brandt ins Seniorenalter komme, würden SPD und Grüne bei den älteren Wählern zugewinnen, glaubt das "Handelsblatt".

Und letztendlich schaffen es die Grünen, "einen erheblichen Teil der Wähler aus ihren Gründerjahren langfristig an sich zu binden", wie der Politikwissenschaftler Lothar Probst schreibt. Die Wählerschaft ist also zusammen mit der Partei gealtert ist.

Doch genau das könnte für die Partei kurz vor der Bundestagswahl zum Problem werden. Die Grünen schaffen es nicht mehr, jüngere Wähler an sich zu binden. Denn seit Anfang der 2000er hat sich ein "ein wachsender Teil der grünen Wählerschaft in seinen Lebenslagen, Wertorientierungen und Problemsichten stärker der Mitte der Gesellschaft angenähert", erklärt Probst.

Zwar wurden so Koalitionen mit Beteiligung der CDU in einigen Bundesländern konsensfähig. Doch damit könnte auch der Wille zum Kreuz bei den Christdemokraten steigen.

Mehr zum Thema: Grüne machen Kampfansage an die Union – und offenbaren damit ein großes Problem ihrer Partei

Infografik: Die Probleme der Grünen | Statista

Weiteres Problem: Der soziale Hintergrund, die Klassenzugehörigkeit und der Bildungsstand sagen immer weniger darüber aus, welche Partei man wählt. Andere Kriterien werden dagegen wichtiger. Dazu zählen insbesondere der Spitzenkandidat und die Politik der vergangenen Jahre.

Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt und Co. zu unsympathisch

In einer Yougov-Umfrage fehlte den Befragten bei den Grünen vor allem gutes Personal: 33 Prozent meinten, den Grünen würden die kompetenten Politiker fehlen. 26 Prozent finden Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt und Co. unsympathisch.

Und auch die Bilanz der Grünen-Politik fiel für die Befragten mager aus: 29 Prozent fehlten nennenswerte Erfolge.

Zwar zeigte sich laut Politikwissenschaftler Probst in der Vergangenheit, dass die Grünen bei Erst- und jüngeren Wählern überdurchschnittlich gute Stimmergebnisse erzielen konnten - doch diese schwankten.

Auffällig: Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist derzeit der beliebteste Grünen-Politiker, vermutlich auch wegen dessen konservativer Politik im Ländle.

Doch um die Jugend mitzureißen, sollten die Grünen vielleicht einmal in die Niederlande schauen.

Frischer Wind im Westen

Denn dort hat der GroenLinks-Jungstar Jesse Klaver den Politbetrieb und die Parlamentswahl aufgemischt - und dabei die Jungwähler für seine Partei eingenommen.

Geschafft hat er das mit einer Strategie, die auf zwei Botschaften fußt: Gerechtigkeit und Optimismus. Junge Menschen begeisterte er bei sogenannten "Meetups". Schon allein der Name klingt nicht nach einer zähen Parteiveranstaltung.

Klaver glaubt, dass "traditionelle Parteien keine Wahlen mehr gewinnen". Und gibt seiner Politik darum einen frischen Anstrich.

Die deutschen Grünen aber sind inzwischen eine solche traditionelle Partei - mit einem verstaubten Image und einer alternden Wählerschaft.

Mehr zum Thema: Hey Grüne: Wollt ihr regieren, oder weiter den 90er-Jahren nachweinen?

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