POLITIK
19/07/2017 13:28 CEST | Aktualisiert 19/07/2017 18:07 CEST

Inhaftiertem Menschenrechtler drohen bis zu 5 Jahre U-Haft - seine Partnerin erklärt, wie sie damit umgeht

dpa
Der Experte für gewaltfreie Konfliktbewältigung Peter Steudtner wurde am Dienstag in der Türkei verhaftet. Seiner Partnerin spricht über die schwierige Situation.

  • Der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner ist am Dienstag in der Türkei verhaftet worden

  • Ihm drohen bis zu fünf Jahre Untersuchungshaft

  • Jetzt spricht seine Partnerin über die ungewisse und schwierige Situation

Magdalena Freudenschuss ist in einer sehr, sehr schwierigen Lage.

Ihr Partner, der Vater ihrer beiden Kinder, ist zum Spielball der großen Politik geworden.

Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, missbraucht Peter Steudtner, um sich vor seinen Anhängern zu profilieren und Deutschland zu provozieren.

Steudtner ist Experte für gewaltfreie Konfliktlösung

Steudtner hatte mit einem schwedischen Kollegen ein Seminar für acht Teilnehmer geleitet, auf einer Insel vor Istanbul. Thema: IT-Sicherheit für Menschenrechtsorganisationen, dazu noch Stress- und Traumabewältigung. Dann stürmte am 5. Juli die Polizei das Seminar, nahm alle Teilnehmer fest. Und am gestrigen Dienstag verhängte ein Richter Untersuchungshaft. Wegen Terrorunterstützung.

Steudtner arbeitet seit vielen Jahren für die Menschenrechte, er gilt als überzeugter Pazifist, als Spezialist für Konfliktlösung ohne Gewalt. Er hat in vielen Ländern gearbeitet, in Nepal, Palästina, Kenia, Mosambik, aber nicht schwerpunktmäßig in der Türkei.

Dass er sich etwas hat zuschulden kommen lassen, nennt nicht nur Freudenschuss "absurd". Steudtners Kollegen sagen das und inzwischen sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Aber die türkische Justiz ist auf das Geheiß Erdogans auf einem Rachefeldzug gegen all jene, die Erdogan als Kritiker einstuft - völlig unabhängig davon, was die Bedauernswerten wirklich tun. Wer nicht Fan ist, ist, Feind.

Fünf Jahre Untersuchungshaft möglich

Untersuchungshaft kann in der Türkei fünf Jahre dauern. Steudtners Lebensgefährtin Freudenschuss erwähnt diese Frist im Gespräch mit der HuffPost nicht. Sie sagt nur, dass sie hofft, dass Steudtner möglichst bald wieder nach Hause kommt, "wie realistisch das auch sein mag".

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Seit der Festnahme hat sie nur noch indirekt Kontakt zu Steudtner gehabt. Ob und wann sie ihn im Gefängnis besuchen kann, sei unklar.

Sie glaubt an die innere Kraft ihres Partners. Daran, dass er die Techniken zum Umgang mit belastenden Situationen jetzt auch für sich selbst anwenden kann.

Ungewissheit und ein Gefühl von Stärke

Auch sie selbst, sagt sie, empfinde neben all der Sorge und der Ungewissheit ein Gefühl von Stärke.

Sie muss den Alltag anders organisieren, "man muss lernen, es hinzukriegen, auch wenn jemand fehlt, der auch kocht, wäscht, der mit uns lacht und redet".

Sie muss selbst verarbeiten, was passiert. Von der Festnahme hat sie erst viele Stunden später erfahren, als sie sich schon lange Sorgen machte, warum sie ihren Partner nicht mehr erreichen konnte, sagte sie am Dienstag einer Zeitung. Von der Untersuchungshaft hat sie gestern auf Twitter gelesen. "Ich kann nicht sagen, was da in mir vorging. Es ist so viel los, es sind so viele verschiedene Gefühle, die man durchlebt."

Bestärkung aus der Politik

Freudenschuss steht auch in Kontakt zum Konsulat und Auswärtigen Amt. Dass Kanzlerin Merkel sich nun auch öffentlich geäußert hat, empfinde sie als Bestärkung. Was das politisch zu bedeuten habe, könne sie nicht einschätzen.

Sich mit politischen Äußerungen zurückzuhalten, ist in dieser Lage für die Familie vermutlich eine kluge Haltung. Es ist bekannt, wie Erdogan auf klare Ansagen reagiert. Rache und Beleidigtsein gehören bei ihm zum Standard.

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Steudtner hat, wie üblich, auch vor der Türkei-Reise eine Risikoanalyse gemacht. "Es schien ihm tragbar", sagt Freudenschuss. Bis dahin war auch nicht bekannt, dass Erdogan sich an unauffälligen Menschenrechtlern austobt. Steudtner ist, soweit Freudenschuss weiß, auch in anderen Ländern noch keinem Potentaten so in die Quere gekommen, dass er verhaftet wurde.

Jetzt ist er Erdogan und dessen Willkür-Justiz ausgeliefert. Und seine Familie indirekt gleich mit. "Für so eine Situation gibt es keinen Plan", sagt Freudenschuss, "man muss jetzt so damit umgehen. Wie lange auch immer."

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(ks)