WIRTSCHAFT
19/07/2017 17:04 CEST

8 Fakten zeigen, dass Großbritannien ein Jahr nach dem Brexit am wirtschaftlichen Abgrund steht

Yves Herman / Reuters
8 Fakten zeigen, dass Großbritannien ein Jahr nach dem Brexit am wirtschaftlichen Abgrund steht

  • Vor einem Jahr haben die britischen Wähler für einen Ausstieg aus der EU votiert

  • Seitdem ging es mit der Wirtschaft im Land bergab - kommt deshalb der Exit vom Brexit?

  • Einige Experten halten das durchaus für möglich

Die Briten wissen nicht, was sie wollen. Im Juni 2016 stimmten knapp 52 Prozent der Wähler für den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. Knapp ein Jahr später hat sich das Blatt gewendet. In einer kürzlich erschienen Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center gaben nur noch 44 Prozent der Briten an, dass der Brexit eine gute Sache sei.

Die Gründe dafür sind vor allem wirtschaftlicher Natur. "Das Land ist der kranke Mann des Westens, der sich seine Verletzungen mutwillig zugefügt hat", schreibt Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart. Großbritannien sei "importsüchtig" und könne den Bedarf an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Automobilen nicht mehr aus eigener Produktion decken.

Das ganze Ausmaß hat die auf Wirtschaftsthemen spezialisierte Nachrichtenagentur "Bloomberg" versucht nachzuzeichnen.

Das sind die wichtigsten Fakten zum wirtschaftlichen Niedergang nach dem Brexit:

1. Das britische Pfund hat an Wert verloren

Seit dem Referendum zum EU-Austritt hat das britische Pfund 15 Prozent an Wert gegenüber dem Euro eingebüßt. Kostete ein Pfund einen Tag vor dem Referendum 2016 noch 1,30 Euro, ist dieser am Mittwoch für 1,13 Euro zu haben.

2. Lebensmittel sind teurer geworden

Bereits kurz nach der Abstimmung sind die Preise für die Verbraucher gestiegen - besonders drastische Auswirkungen hat das beim Einkauf von Lebensmitteln.

Laut einer Statistik von "Bloomberg" und dem Beratungsunternehmen KPMG stieg etwa der Preis für Orangensaft nach dem Brexit um 34 Prozent.

Infografik: Oh dear, der Brexit verteuert das Breakfast! | Statista

3. Die Verbraucher sind pessimistischer geworden

Laut des "U.K. Consumer Confidence Index" des Marktforschungsunternehmens GfK ist das Vertrauen der britischen Verbraucher aktuell auf der niedrigsten Stufe seit der Abstimmung zum Brexit.

Zudem zeigt auch der "U.K. Consumer Spending Index" der Kreditkartengesellschaft Visa im zweiten Quartal 2017 einen Rückgang der Ausgaben der britischen Konsumenten - erstmals seit 2013.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt sagen auch weniger Briten, dass derzeit der richtige Zeitpunkt für große Anschaffungen sei, berichtet "Bloomberg" in Bezug auf Daten der GfK.

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4. Die Autoverkäufe sind zurückgegangen

Anders als in Frankreich (plus 1,6 Prozent) und Deutschland (keine Veränderung) sind die Verkaufszahlen von Fahrzeugen in Großbritannien stark zurückgegangen.

Im Vergleich zum vorhergehenden Quartal wurden dort 10,3 Prozent weniger neue Autos registriert. "Bloomberg" beruft sich auf die Angaben britischer Automobilhersteller und -händler.

5. Die Armen werden immer ärmer

Seit dem Brexit hat die Inflation erheblich zugenommen. Das Problem: Laut dem Office for National Statistics lagen die Lohnsteigerungen (plus 2,0 Prozent) zuletzt unterhalb der Inflationsrate (plus 2,9 Prozent). Für Millionen Briten bedeutet das einen Rückgang ihrer Reallöhne. Besonders Niedrigverdiener werden so zusätzlich belastet.

Bezieht man die Inflation mit ein, verdienen heute britische Arbeiter 33 Pfund weniger als im Jahr 2008, dem Jahr vor der Finanzkrise, wie "Bloomberg" berechnet hat.

6. Die Verschuldung nimmt zu

"Die Kreditkartenschulden nehmen mit einer Geschwindigkeit zu, wie wir es seit der Finanzkrise nicht mehr gesehen haben", berichtet "Bloomberg.

Und das nicht nur für die Verbraucher. Auch die Kosten für die britischen Unternehmen würden weiter zunehmen. Denn durch das vergleichsweise billige britische Pfund werden importierte Rohstoffe teurer. So sind die Materialkosten seit dem Brexit um 20 Prozent gestiegen.

7. Die Herstellungskosten steigen

Laut "Bloomberg" wurden die gestiegenen Materialkosten bisher noch nicht breit an die Verbraucher weitergegeben. Unklar sei allerdings, wie lange die Hersteller die Preise noch halten werden. Aus diesem Grund verschlechtere sich auch die Stimmung britischer Geschäftsführer.

So zeigte eine Erhebung des Beratungsunternehmen Deloitte, dass, anders als in der Vergangenheit, nun die Mehrheit der Chefs weniger optimistisch in die geschäftliche Zukunft blicke.

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8. Das Finanzzentrum London verliert an Bedeutung

In der City of London sind Europas wichtigste Banken und Finanzunternehmen beheimatet. Noch ist London das wichtigste Finanzzentrum des Kontinents. Doch die Bedeutung beginnt bereits jetzt zu sinken.

Denn die großen Häuser haben bereits Vorkehrungen getroffen, Jobs aus London abzuziehen und an andere Standorte in der EU zu verlegen.

So hat die Deutsche Bank laut "Bloomberg" angekündigt, 4000 ihrer insgesamt 16.000 Stellen abziehen zu wollen. Die Lobbygruppe TheCityUK mutmaßte, ein harter Brexit könne insgesamt bis zu 70.000 der etwa 400.000 Finanzjobs in der britischen Hauptstadt kosten.

Infografik: Der Abzug der Banker aus Großbritannien | Statista

Fazit

Alleine werde Großbritannien keinen Ausweg aus der Brexit-Falle findet, schreibt Steingart, der sich dabei auf einen ehemaligen Minister der Regierung von Gordon Brown beruft: Eine urdemokratisch gesinnte Bevölkerung würde jede Revision des Votums mit einer Revolte erwidern.

Zudem sei Premierministerin Theresa May nach der vorgezogenen Wahl so geschwächt, dass sie den Stimmungsumschwung nicht in ihrer Politik umsetzen könne.

Allerdings glauben viele Experten noch an einen Exit vom Brexit. So sehen sowohl der ehemalige britische Premierminister Tony Blair als auch Nick Clegg, von 2010 bis 2015 Vize-Premierminister, eine Chance, dass ihr Land die EU nicht verlässt.

Aufgrund der "schieren Inkompetenz und der internen Machtkämpfe" von Mays Regierung hofft die "Financial Times" auf eine Reaktion der britischen Bevölkerung. Denn der Brexit, für den die Briten gestimmt haben, unterscheide sich erheblich von dem, den sie nun bekämen.

Die britische Wirtschaftszeitung glaubt, dass die Briten irgendwann zur Schlussfolgerung gelangten, dass die Ausstiegsbefürworter ihre Chance hatten und gescheitert sind. "Dann ist es Zeit die Kontrolle zurückzuholen."

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(ll)

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