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18/07/2017 16:37 CEST | Aktualisiert 18/07/2017 17:53 CEST

"Breatharians": Eine sektenähnliche Bewegung treibt Menschen auf Facebook bis in den Tod

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Eine sektenähnliche Bewegung treibt Menschen auf Facebook bis in den Tod

  • Die "Breatharian"-Bewegung erlebt gerade einen neuen Aufschwung auf Facebook

  • Breatharianer essen und trinken nichts, weil sie von Licht und Luft leben wollen

  • Die sektenähnliche Bewegung fordert seit Jahrzehnten Todesopfer

Erst essen sie nur noch einmal die Woche etwas, dann nur noch einmal im Monat, dann gar nicht mehr. Schließlich hören sie auch auf zu trinken. So lange, bis das Unvermeidliche passiert: Sie verdursten und verhungern - wenn sie nicht rechtzeitig vor dem Tod doch noch auf den letzten Hilferuf ihres Körpers hören.

"Breatharianer" nennen sich diese Menschen, abgeleitet von "Breath", dem Atem. Denn sie wollen nur von ihrem eigenen Atem leben - und von Luft, Licht und der Energie des Universums.

Es ist eine sektenähnliche Bewegung, die sich gerade erneut ausbreitet und von der doch die wenigsten etwas mitbekommen.

Dabei sind es keine einzelnen Verrückten, die sich zu Tode hungern. Es sind viele Tausende - und das auf der ganzen Welt. Auf Facebook existieren bereits zahlreiche Gruppen dieser lebensgefährlichen Bewegung. Und die Teilnehmerzahlen steigen.

Es ist nur ein Klick in den Wahnsinn

Bevor Nutzer in Facebook-Gruppen wie "Pranic Nourishment "Breatharians" eintreten können, müssen sie Fragen beantworten. Ob sie schon mal versucht haben, längere Zeit nichts zu essen, werden sie gefragt. Und ob sie sich schon eine "Breatharian Conference" angesehen haben - dazu wird ihnen geraten. Ein Klick auf den Link und man ist mittendrin im Video - und in der Konferenz des Wahnsinns.

Ein dürrer, langhaariger Mann sitzt an einem Tisch, vermutlich ist er völlig ausgehungert. Er ist bereits seit vier Jahren Breatharianer. Sein Name ist Nicolas Pilartz. Er ist Italiener und eine Art Anführer der sektenähnlichen Bewegung.

Er gibt Tipps, wie es ihm gelingt, zu hungern. Und er versucht Interessierte zu überzeugen - davon, auch Breatharianer zu werden. Ihm "auf der Reise zu folgen". Es könnte eine Reise in den Tod werden.

Die Zuschauer glauben ihrem wirren Anführer

Pilartz aber ist von seiner Lebensweise überzeugt. Den Neulingen will er in der Konferenz erklären, warum es sich lohnt, Breatharianer zu werden.

"Unser Körper besteht aus Atomen", beginnt er. "Ein Atom ist wie ein Sonnensystem. Die Sonne ist in der Mitte und Protonen und Neutronen fliegen drumherum. Wenn wir aber etwas essen, fühlen alle Atome 'Ah jetzt kommt eine Art von Energie rein' und kommen durcheinander."

Es ist kein Laut zu hören, die Zuschauer im Video lauschen gebannt den wirren Ausführungen des überzeugten Breatharianers.

"Unsere körpereigene Schwingung wird niedriger, wenn wir etwas essen", sagt er. "Wenn unsere Schwingung zu niedrig wird, dann können wir krank werden."

Pilartz ist anzumerken: Er scheint seinen eigenen Worten wirklich zu glauben.

Die Traumvorstellung: leben von Luft und Licht

Begeistert erzählt er von seinen Vorbildern, von Viktor Triviano zum Beispiel, einem bekannten Breatharianer. Pilartz blickt zu ihm auf, weil er seit acht Jahren nicht mal mehr etwas trinkt. "Er muss nicht mal mehr Pipi machen gehen", sagt Pilartz.

Allein von der Luft und Licht zu leben, nichts essen zu müssen und dennoch bei Kräften zu sein- das ist die Traumvorstellung von Pilartz und seinen Anhängern.

Begonnen hat die Bewegung schon im Jahr 1996. Damals hat sie die Australierin Ellen Greve alias Jasmuheen mit ihrem Buch "Lichtnahrung: Die Nahrungsquelle für ein neues Zeitalter" ins Leben gerufen.

In der Buchbeschreibung heißt es: "Seit 1993 ernährt sich Jasmuheen ausschliesslich von Licht. Dieser Zustand des Seins, der früher nur Heiligen und Weisen vorbehalten war, kann nun mit Hilfe der hier aufgeführten Praktiken von Jedem erreicht werden."

Es gibt eine Anleitung zum Verdursten

Das Buch ist eine Anleitung in den sicheren Tod. Die Autorin führt ernsthaft eine "Anleitung zum Verdursten" auf: Anhänger sollten sieben Tage lang nichts trinken. Der Anweisung verleiht sie mit einer Drohung Nachdruck.

"Falls du Flüssigkeit zu dir nimmst, bricht die himmlische Bruderschaft sofort ihre Arbeit ab. Und sie nehmen ihre Arbeit 24 Stunden lang nicht wieder auf, nachdem die Flüssigkeit getrunken wurde (dadurch verzögert sich dein Prozess)."

Im Mai 1997 ist das Buch in Deutschland erschienen. Nur zwei Monate später forderte die Bewegung ihr erstes Todesopfer. Der Münchner Kindergärtner Timo Degen starb im Alter von 31 Jahren am 12. Tag seiner Hunger-Tortur, wie das Magazin "Focus" damals berichtete.

Der letzte bekannte Todesfall sorgte 2012 international für Aufsehen: Damals verstarb eine Schweizerin an den Folgen des Hungerkults.

Und dennoch geht die sektenartige Bewegung weiter, bekommt jetzt auf einmal neuen Aufschwung: durch Facebook - und durch Menschen wie Pilartz.

Vorbild Pilartz isst einmal im Monat - das ist Level drei

Im Video erklärt er, es gebe vier verschiedene Level, um das Ziel - zu leben, ohne zu essen - zu erreichen. Er selbst befinde sich gerade in Level drei. In diesem Level dürfen die Breatharianer ab und zu etwas essen - sollten das aber nur so oft wie unbedingt nötig tun.

Pilartz isst etwa einmal die Woche etwas. Wenn es ihm gelingt, nur einmal im Monat.

Einmal sei er schwach geworden, erzählt er. Da habe er innerhalb von drei Tagen so viel gegessen, dass er zehn Kilogramm zugenommen habe. Sein Körper, der das Essen nicht mehr gewohnt sei, sei angeschwollen. Er habe sich schlecht gefühlt.

Für ihn war das aber nicht etwa ein Zeichen dafür, mit seiner ungesunden Lebensweise aufzuhören, ganz im Gegenteil. "Diese Erfahrung hat mir gezeigt, was Essen mit unserem Körper anrichtet", sagt Pilartz.

Nach nur vier Tagen mit seiner alten Lebensweise habe er angeblich wieder abgenommen und sich wieder gut gefühlt. Pilartz hält das für den eindeutigen Beweis dafür, dass er seinem Körper etwas Gutes tut.

Dabei setzt er sein Leben aufs Spiel.

Alle Breatharianer werden schwer krank werden

Alle Breatharianer werden früher oder später schwer krank. Zunächst schwächt sie die verminderte Nahrungszufuhr.

Schon wenn man nur eine große Mahlzeit am Tag esse, sei es schwer, alle benötigten Nährstoffe zu sich zu nehmen, sagte die Ernährungswissenschaftlerin Monika Bischoff der HuffPost. Noch weniger zu essen, sei fatal.

Schwerwiegende Folge-Erkrankungen seien dann nur noch eine Frage der Zeit.

Mehr zum Thema: Ernährungstrend Warrior-Diät: Experten erklären, warum er nicht nur absurd, sondern auch gefährlich ist

"Ein Kalzium-Mangel, Osteoporose, ein Vitaminmangel, ein Mineralstoffmangel, eine Mangelernährung, sogar eine Herzinsuffizienz bis hin zum Schlaganfall könnte drohen", warnt Bischoff.

Andere Ernährungswissenschaftler bestätigen das.

"Wildtiere sind es vielleicht gewohnt, nur alle paar Tage mal einen großen Brocken zu essen, aber der moderne Mensch ist dafür nicht gemacht", sagte Wilfried Bommert vom Berliner Institut für Welternährung der HuffPost.

Auf Facebook gibt es Hunger-Tipps und Gebete

Auf Facebook geben sich Breatharianer mittlerweile in Gruppen Tipps, wie man am besten hungert. Die Anhänger haben unterschiedliche Nationalitäten und Altersgruppen. In einer Facebook-Gruppe, die Pilartz führt, postet ein junges Mädchen jeden Morgen ein Facebook-Live-Video, in dem sie seltsame schwingende Bewegungen macht, eine ganze Stunde lang.

Für die Breatharianer ist das die "Daily Healing Session", ähnlich einem Morgengebet.

Es ist nur ein weiterer Beweis, dass es sich bei den Breatharianern nicht mehr um einen harmlosen Ernährungstrend handelt. Es ist viel mehr als das. Es ist eine Sekte, die Menschen, und das auch über Facebook, bis in den Tod führen kann.

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(lk)

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