POLITIK
18/07/2017 18:18 CEST | Aktualisiert 18/07/2017 21:43 CEST

"Wir vermissen ihn tierisch": Der deutsche Menschenrechtler Steudtner sitzt in der Türkei in Untersuchungshaft

dpa
"Wir vermissen ihn tierisch": Der deutsche Menschenrechtler Steudtner sitzt in der Türkei in Untersuchungshaft

  • Der türkische Präsident hat einen deutschen Menschenrechtler wegen Terrorverdachts verhaften lassen

  • Peter Steudtner gilt seinen Kollegen als überzeugter Pazifist - die Vorwürfe seien absurd, sagen sie

  • Politiker sprechen von einer "Geiselnahme"

Peter Steudtner ist ein unauffälliger Typ. 45 Jahre alt, raspelkurze Haare, kurzer Bart, Nickelbrille. Liiert, Vater zweier Kinder. Freundlich, respektvoll, ausgeglichen, kann gut zuhören, sagen Leute, die ihn gut kennen.

Auch beruflich ist Steudtner keiner, der den großen Auftritt mag. Der Menschenrechtstrainer bringt anderen Menschen bei, wie man selbst in schlimmen Konflikten noch eine gewaltfreie Lösung hinbekommt. Ein überzeugter Pazifist, inspirierend, sagen Kollegen.

Seit diesem Dienstagmorgen ist Steudtner deutschlandweit bekannt. Weil die türkische Justiz ihn in Untersuchungshaft nehmen ließ und des Terrorismus bezichtigt.

Freunde, Kollegen und Politiker sind fassungslos

"Wir sind so schockiert", sagt Daniel O'Cluanaigh der HuffPost. Der Menschenrechtsberater arbeitet seit vier Jahren eng mit Steudtner zusammen und fungiert nun als Sprecher für Steudtners Familie.

Auch Steudtners Lebensgefährtin Magdalena Freudenschuss wies die Vorwürfe zurück. "Diese Unterstellungen sind total absurd", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Die Inhalte des Seminars seien in keiner Weise politisch gewesen.

"Was wir derzeit in der Türkei erleben, überschreitet alle Grenzen", sagte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz dem Magazin "Spiegel".

Der Vorsitzende des Menschenrechts-Ausschusses des Bundestags, Michael Brand (CDU), sagte dem Magazin: "Die angebliche Unabhängigkeit der Justiz ist ein Märchen, das beweist die persönliche Vorverurteilung durch Präsident Erdogan. Die inhaftierten Menschenrechtler sind in Wahrheit ebenso politische Geisel wie die inhaftierten Journalisten".

Und das Auswärtige Amt teilt mit: "Einen Streiter und Sprecher für die Menschenrechte und Demokratie, wie es Peter Steudtner in seiner Arbeit ist, in die Nähe der Unterstützer von Terroristen zu stellen, ist abwegig. Amnesty International und andere Nichtregierungsorganisationen leisten einen unschätzbar wichtigen Beitrag zu Pluralität, Demokratie und Wahrung der Menschenrechte in der Türkei.“

Polizisten nehmen alle Seminarteilnehmer fest

Steudtner hatte in Istanbul zusammen mit einem schwedischen Kollegen ein Seminar geleitet.

  • Die Teilnehmer: acht türkische Menschenrechtler, darunter die Chefin von Amnesty in der Türkei.

  • Der Sponsor des Seminars: Hivos, eine Organisation, die sich für Menschenrechte und den Schutz von Ressourcen einsetzt.

  • Die Organisatoren: verschiedene Menschenrechtsgruppen in der Türkei.

  • Das Schwerpunktthema: IT-Sicherheit.

    "Solche Trainings sind bei Menschenrechtsorganisationen üblich", teilt Hivos mit. Die Teilnehmer lernten, mit sensiblen Informationen von Opfern umzugehen und die Daten zu schützen. Steudtner hatte sich 2014 in das Fachgebiet eingearbeitet.

Am vierten Seminartag, dem 5. Juli, stürmte die Polizei die Veranstaltung im Ascot Hotel auf einer kleinen Insel vor Istanbul und nahm Steudtner und die anderen fest. An diesem Dienstagmorgen ordnete ein Richter Untersuchungshaft an. Sie kann fünf Jahre dauern.

Bereits 22 Deutsche festgenommen

Steudtner ist nicht der einzige Deutsche, der in der Türkei festgenommen wurde. Nach dem Putschversuch vor einem Jahr hat die türkische Justiz 22 deutsche Staatsangehörige festgenommen, neun seien noch immer in Haft. Steudtner, teilt das Amt auf Anfrage mit, sei nicht der erste, der ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit besitze.

Bislang waren weite Teile der deutschen Öffentlichkeit davon ausgegangen, dass die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan es nicht wagen würde, aus politischen Motiven Menschen einzusperren, die nicht wie der Journalist Deniz Yücel auch einen türkischen Pass haben. Spätestens jetzt hat Erdogan den Gegenbeweis geliefert.

Auch Steudtner, der viel Erfahrung mit der Arbeit im Ausland hat – darunter Kenia, Mosambik, Nepal und Palästina -, hatte nicht mit so einem Übergriff gerechnet. "Er hat wie immer vorher mit Leuten, die sich auskennen, eine Risikoanalyse gemacht", sagt O' Cluanaigh. "Natürlich kann immer etwas passieren. Aber er hat das nicht für besonders wahrscheinlich gehalten. Und sein Fall war auch ein Präzedenzfall."

Steudtner gibt anderen Anti-Stress-Coaching

Wie es Steudtner heute geht, weiß die Familie nicht.

In den vergangenen Tagen aber hat sie täglich Nachrichten von den Anwältinnen bekommen, die Steudtner besuchen. Er habe unter anderem Magenprobleme gehabt und natürlich "schon bessere Tage erlebt" – aber versucht, sich und andere Häftlinge aufzubauen. Zu Steudtners Arbeit gehört es auch, den Umgang mit Stress und Traumata zu lehren.

Wie lange Steudtner in Haft bleiben wird, ist nicht abzusehen. Erdogan hat ihn und die Workshop-Teilnehmer in einer Pressekonferenz bereits vorverurteilt.

Für Steudtners Familie ist das schrecklich. "Es fehlt jemand. Es fehlt ein Vater, der vorliest, es fehlt jemand, der zum Reden da ist, der zuhört, der mit uns lacht. Es fehlt jemand, der den Alltag mitträgt", sagte Freudenschuss der Nachrichtenagentur dpa.

"Wir vermissen ihn tierisch, als Vater und Freund", sagt O' Cluanaigh.

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(ll)

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