Renommierte Glücksforscherin warnt: Wir vermitteln Kindern ein völlig falsches Verständnis von Erfolg

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KIND ERFOLG
Kinder lernen auf völlig falsche Weise, was Erfolg bedeutet - Experten sagen, was Eltern ändern sollten | iStock
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  • Eltern wollen, dass ihre Kinder später möglichst erfolgreich sind
  • Die bekannte Glücksforscherin Emma Seppälä von der Stanford University aber warnt: Unser Verständnis von Erfolg ist verzerrt
  • Ihrer Ansicht nach muss sich Kindererziehung in dieser Hinsicht komplett ändern

Von dem Moment an, in dem ein Kind auf die Welt kommt, geben Eltern ihr Bestes. Sie versuchen, ihr Kind so zu erziehen, dass es später ein glückliches, erfolgreiches Leben führen kann. hin

Sie geben Kindern Werkzeuge und Fähigkeiten an die Hand, von denen sie glauben, dass sie ihm auf diesem Weg nützen werden. Sie fördern ihre Zielstrebigkeit, bringen ihnen bei, strukturiert zu denken, Leistungen zu erbringen.

Die renommierte Glücksforscherin Emma Seppälä von der Stanford University aber warnt: Oft erreichen Eltern damit genau das Gegenteil von dem, was sie wollen.

Kindern wird eingetrichtert, sich auf die Zukunft zu konzentrieren

Bei der Recherche zu ihrem Buch “The Happiness Track” habe sie festgestellt, dass viele Theorien, was einen Menschen erfolgreich macht, in Wahrheit kontraproduktiv seien, schreibt sie in einem Beitrag für das Onlinemagazin “Quartz”.

Sie warnt: Wir vermitteln Kindern ein völlig falsches und schädliches Verständnis von Erfolg - und das habe massive Folgen sowohl auf ihre Psyche als auch in der weiteren Folge auf unsere Gesellschaft.

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So würde Kindern eingetrichtert, sie müssten sich auf die Zukunft konzentrieren und ihre Ziele im Auge behalten.

Doch Seppälä warnt: “Ein Gehirn, das ständig auf das fokussiert ist, was noch kommt - gute Noten bekommen etwa -, ist anfälliger für Angstzustände und Furcht.”

Bis zu einem gewissen Grad könne Stress einen Menschen motivieren, doch chronischer Stress habe einen negativen Effekt auf die Gesundheit und unsere intellektuellen Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen.

Wenn Kinder im Moment leben, lernt ihr Gehirn schneller

“Als Konsequenz kann es unsere Leistung beeinträchtigen, wenn wir uns zu sehr auf die Zukunft konzentrieren”, schreibt die Wissenschaftlerin.

Sie hat deswegen einen ebenso simplen wie eindringlichen Rat an alle Eltern: “Kinder sind viel besser und noch dazu glücklicher, wenn sie lernen, im Moment zu leben. Und wenn Menschen glücklich sind, lernen sie schneller, denken kreativer und lösen schneller Probleme.”

Andere Experten sehen das sehr ähnlich. “Unser Gehirn ist eine Lustmaschine”, sagte der Kasseler Pädagogikprofessor und Buchautor Olaf-Axel Burow, dem Magazin “Focus”. “Es funktioniert am besten, wenn wir etwas gern tun. Glückliche Schüler lernen also besser.”

Einige Forscher sind sogar der Ansicht, der Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Leistung lasse sich in konkreten Zahlen ausdrücken. So kam der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Sgroi von der Warwick University 2015 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Menschen im Schnitt 12 Prozent produktiver sind, wenn ihre Stimmung gut ist.

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Sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, bedeute aber nicht, dass Kinder sich nichts vornehmen sollten, betont Seppälä.

“Es ist gut für Kinder, wenn sie Ziele haben, auf die sie hinarbeiten können”, schreibt sie in ihrem Text für “Quartz”.

“Doch anstatt sie ständig daran zu erinnern, was als nächstes auf ihrer To-Do-Liste steht, sollten Eltern ihren Kindern helfen, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren, die es in diesem Moment zu bewältigen gilt.”

Kinder merken sich: Erfolg bedeutet, dass man Stress hat

Ein weiterer Fehler, den laut der Stanford-Wissenschaftlerin viele Eltern unwissentlich begehen: Sie vermitteln ihren Kindern, dass Stress unvermeidbar ist, wenn man Erfolg haben will.

“Kinder leiden in immer früheren Jahren an Angstzuständen”, schreibt sie. “Sie machen sich Sorgen, dass ihre Noten nicht gut genug sind und haben das Gefühl, dass sie in der Schule nicht genug leisten.”

Als Beispiel, welche dramatischen Folgen das haben kann, nennt sie eine Reihe von Selbstmorden unter Jugendlichen in der amerikanischen Stadt Palo Alto im Silicon Valley, die seit einigen Monaten untersucht wird. Die Tode werden auf ein zu hohes Stresslevel bei den Jugendlichen zurückgeführt.

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Auch andere Experten warnen schon seit Längerem vor steigendem Burnout-Risiko bei Kindern und Jugendlichen.

Der Lebensstil der Erwachsenen überträgt sich auf die Kinder

Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort hat sich intensiv mit dem Thema befasst und ihm mit “Burnout Kids” sogar ein ganzes Buch gewidmet.

"Kinder werden immer disziplinierter und leistungsbereiter”, sagte er dem “Hamburger Abendblatt”. “Dieses führt auch dazu, dass sie sich sehr anstrengen und sich oftmals selber überfordern.”

Schuld ist nach Ansicht von Glücksforscherin Seppälä der Lebensstil von uns Erwachsenen, der sich auf die Kinder übertrage.

“Aus der Art und Weise, wie wir unser Leben führen, leiten Kinder ab, dass Stress unvermeidbar ist, wenn man erfolgreich sein möchte.”

Tagsüber befänden wir uns in einem permanenten Zustand der Übersteuerung und nachts seien wir dann so aufgedreht, dass wir Alkohol oder Schlafmittel bräuchten, um wieder runterzukommen.

Kinder müssen lernen, mit Druck umzugehen

“Das ist kein Lebensstil, an dem sich ein Kind orientieren sollte”, warnt die Forscherin.

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Sie weiß aber auch: In unserer Gesellschaft ist es unglaublich schwer, dem Stress und der Reizüberflutung zu entkommen - und es wird zunehmend schwieriger.

Sie empfiehlt Eltern deshalb, ihren Kindern beizubringen, wie sie in stressigen Situationen psychisch stabil bleiben. “Wir können die Herausforderungen im Beruf und im Privatleben nicht umgehen”, schreibt sie, “aber wir können Techniken wie Meditation, Yoga und Atemübungen einsetzen, um besser mit dem Druck umgehen zu können.”

Außerdem erinnert Seppälä an eine wichtige Regel, die vielen Eltern, obwohl sie so einleuchtend ist, extrem schwer fällt.

Diese Regel lautet: Kinder müssen nicht permanent beschäftigt werden.

Kinder sollten genug Freiraum haben

“Der Terminkalender unserer Kinder ist oft so vollgestopft mit außerschulischen Aktivitäten und Familienausflügen, dass fast keine Zeit mehr zur Entspannung bleibt”, schreibt sie.

Wie wichtig es aber ist, dass Kinder Zeit für sich haben, in der sie auch einfach mal nichts machen, betonen auch andere Experten regelmäßig.

"Ein Kleinkind hat nicht das Bedürfnis, jeden Tag ein großes Event zu erleben und jedes Wochenende im Auto zu sitzen, um zu einem Ausflugsziel gefahren zu werden”, sagte Pädagogin Astrid von Friesen der HuffPost.

Oft seien es gerade die Phasen des gemeinsamen "Nichtstuns" mit den Eltern, an die sich die Kinder später positiv erinnern würden - und nicht die Fahrt zum Action-Spielplatz oder ins 3D-Kino.

Das passt zu einer Theorie des renommierten Hirnforschers Gerald Hüther, der sagt: "Nur aus der Langeweile heraus kann ein Kind seine eigenen kreativen Ideen entwickeln.”

Aus Langeweile entsteht Kreativität

Kinder müssten nicht die ganze Zeit beschäftigt und gefördert werden, findet auch der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo.

“Eltern sollten Vertrauen haben in die Kinder”, sagte er der HuffPost. “Ihre Aufgabe ist nicht, die Kinder mit allen möglichen Dingen zu fördern, sondern ihnen sinnvolle Erfahrungen zu ermöglichen, zum Beispiel mit anderen Kindern.”

Wenn Kinder sich selbst überlassen sind und Langeweile verspüren, konzentrieren sie sich nicht auf eine Aufgabe, die ihnen zugeteilt wurde. Und: Die Forschung habe gezeigt, dass unsere Gehirne oft auf deutlich bessere Ideen kommt, wenn wir nicht fokussiert sind, schreibt Seppälä - “Man denke nur an den berühmten Aha-Moment unter der Dusche.”

Kinder seien in der Lage, jede Situation in ein Spiel zu verwandeln, ganz egal, ob sie in einem Wartezimmer säßen oder auf dem Weg zur Schule seien. “Einem Kind Freiraum zu geben, hilft ihm dabei, kreativer und innovativer zu denken. Und was genauso wichtig ist: Es lernt dadurch, wie wichtig es ist, sich zu entspannen.”

Eine Generation lebensuntüchtiger Berufstätiger

Was bedeutet all das nun für unsere Gesellschaft?

Die Antwort von Seppälä und auch anderen Wissenschaftlern und Psychologen ist eindeutig: Kinder, die nicht lernen, mit Stress umzugehen und schon in jungen Jahren einem derartigen Druck ausgesetzt sind, wachsen zu lebensunfähigen, psychisch labilen Erwachsenen heran.

Und glaubt man den Warnungen der Experten, betrifft dieses Problem sehr viele, um nicht zu sagen eine ganze Generation.

Das falsche Verständnis von Erfolg, von dem Seppälä in ihrem Beitrag spricht, führt zwangsläufig zu Misserfolgen und einem Überforderungsgefühl.

Die Folgen seien dramatisch, warnt Kinderarzt Remo Largo: “Das Gefühl des Versagens zerstört das Selbstwertgefühl immer mehr”, sagte er der HuffPost - “bis wir es mit einem zutiefst verunsicherten Erwachsenen zu tun haben, der sich nichts zutraut und Probleme hat, sich in der Berufswelt zurechtzufinden.”

Der Schlüssel zum Erfolg ist Liebenswürdigkeit

Die Sache ist: Was ist eine Gesellschaft noch wert, wenn es in ihr niemanden mehr gibt, der kreative Ideen vorantreibt, Startups gründet, riskante Unternehmungen wagt?

Und das alles wegen einer falschen Vorstellung von Erfolg.

Bleibt nur noch eine Frage: Worauf kommt es denn nun an? Was macht Erfolg am Schluss aus, wenn es nicht Strebsamkeit, Zielstrebigkeit, Förderung ist?

Darauf hat Seppälä eine überraschend einfache Antwort: Liebenswürdigkeit.

“Das ist einer der stärksten Garanten für Erfolg”, schreibt sie. “Völlig unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten.”

In unserer Ellenbogen-Gesellschaft gerate diese Erkenntnis aber mehr und mehr in den Hintergrund - auch schon bei den Kleinsten.

Deswegen hat die Glücksforscherin einen Appell an uns alle: “Es stimmt: Wir leben in einer harten, kompetitiven Welt. Doch sie wäre sehr viel weniger hart, wenn wir uns alle etwas weniger auf den mörderischen Wettbewerb konzentrieren würden und ein bisschen mehr darauf achten würden, dass wir gut miteinander auskommen.”

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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(ame)

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