Liebe "Zeit", ihr wollt für Toleranz kämpfen - und bietet ausgerechnet einem Vordenker der neuen Rechten ein Forum

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Liebe Redaktion der "Zeit",

manchmal lohnt es sich, einen Blick ins Internet zu werfen.

Das habt ihr offensichtlich nicht getan, als ihr für eure aktuelle Ausgabe einen Gastbeitrag des Publizisten David Berger bestellt habt.

Das Thema: Was man in Deutschland noch sagen und schreiben darf - und was nicht.

Das Problem: Bei einem kurzen Blick ins Netz hättet ihr gemerkt, dass ihr euch für diese Debatte den falschen Kronzeugen an Bord geholt habt.

Denn jede liberale Haltung muss auch Grenzen kennen. Man kann nicht jenen tolerant gegenüber sein, die jegliche Form von Toleranz bekämpfen. Das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte. Aber genau diese Lehre ignoriert Berger beinahe täglich.

Berger ist katholischer Theologe, galt als wissenschaftlicher Shootingstar im Vatikan und wurde im Jahr 2010 durch sein Enthüllungsbuch "Der heilige Schein" bekannt, dem ein Coming-Out als Homosexueller vorausging.

Später war er Chefredakteur des Magazins "Männer" und auch als Autor für die deutsche Ausgabe der HuffPost tätig (inzwischen publiziert Berger nicht mehr bei der HuffPost).

Ein Opfer des linken Mainstreams?

In dem "Zeit"-Text schreibt er über den "Shitstorm", der entstanden sei, nachdem ihm ein unter dem Pseudonym "Johannes Gabriel" in der "FAZ" erschienener, homophober Essay zu Unrecht zugeschrieben wurde. Angeblich sei er "verfemt" worden.

Womöglich hat er Recht, und Berger war wirklich nicht der Urheber des FAZ-Textes. Doch was dann folgt, ist eine sehr zweifelhafte Rechtfertigung für eine sehr fragwürdige politische Agenda.

Berger selbst sieht sich als "libertären Homosexuellen", der aber "in manchen Fragen" immer noch ein "Konservativer" geblieben sei. Ursprünglich hätte er viel Sympathie von "den Medien" dafür bekommen, dass er dem Umgang der Kirche mit Homosexualität kritisiert habe. Doch dann sei die Stimmung gekippt.

"Ich habe irgendwann begonnen, die Homophobie nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam scharf zu geißeln. Das war der Wendepunkt. Nun erntete ich Kritik von links und avancierte vom aufklärerischen Vorzeige-Homo zum islamophoben Rechten", schreibt Berger.

Und weil er "falsche, diskurstötende Tabus" nicht akzeptieren wolle, habe er 2016 auch das Angebot von Jürgen Elsässer angenommen, in dessen Magazin neurechten "Compact" zu publizieren.

Bergers Netzmagazin spricht eine klare Sprache

Natürlich wusste Berger, dass hier das Medium die Botschaft ist: Wer im "Compact"-Magazin veröffentlicht, dessen Texte stehen neben Merkel-muss-in-den-Knast-Fantasien, antisemitischen Ausfällen und üblen Hetztiraden gegen den Islam.

Wer libertär denkt, lässt fast alle Meinungen zu, macht sich aber nicht zwangsläufig jeden Stuss zu eigen. Aber es soll nicht hier nicht um das "Compact"-Magazin gehen. Über Jürgen Elsässer wurde ja schon mehr als genug geredet.

David Berger sieht sich selbst offenbar in der Rolle des Opfers. Ein libertärer Homosexueller, der Denkverbote gebrochen habe und deswegen von der Öffentlichkeit verstoßen worden sei.

Da lohnt ein Blick auf Bergers Debattenmagazin, dass er seit geraumer Zeit im Netz veröffentlicht. Es heißt „Philosophia Perennis“ und ist inhaltlich gesehen so etwas wie die Fortführung des "Compact"-Magazins mit anderen Mitteln. Es sind zumeist Gastautoren, die dort auf üble Weise gegen Asylbewerber, den Islam oder Andersdenkende hetzen.

Angebliche Islamisierung Europas

Am Dienstagmorgen etwa erschien bei "Philosophia Perennis" ein Text, in dem sich ein Autor über eine angebliche Strategie der Organisation für Islamische Zusammenarbeit für die "Islamisierung Europas" auslassen durfte. Angeblich gäbe es konkrete Pläne von mehrheitlich muslimischen Ländern, sich der Öffentlichkeit und der Gesetzgebung in West- und Mitteleuropa zu bemächtigen.

Der Text liest sich wie ein Medley der übelsten Verschwörungstheorien des 20. und 21. Jahrhunderts und ist gespickt mit Sätzen wie diesen: "Die okkupationistischen Zielsetzungen des Islam sind jedenfalls eindeutig für alle, die keine Realitätsverweigerer, die nicht blind und nicht taub sind: Die islamisch dominierte Welt soll nach islamischen Verständnis letztlich christenfrei, die westliche, abendländische Welt soll islamisiert und folglich auch entdemokratisiert werden."

Und wer dieser Sichtweise nicht folgen will, ist nach Lesart des Autors natürlich schon längst vom Virus des antidemokratischen Islam befallen. So konstruiert man sich in fünf Minuten ein geschlossenes Weltbild.

Online gestellt hat ihn ein Nutzer namens "davidbergerweb".

Ausfälle in Serie

Solche Ausfälle finden sich täglich auf der Seite. Am Montag feierte "Philosophia Perennis" die ungarische Regierung dafür, dass die Kriminalitätsrate in Ungarn angeblich sänke. Natürlich vor allem deshalb, weil der tapfere Viktor Orban sich der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel widersetzt habe.

Spannenderweise wurde am Samstag der Papst dafür verdammt, dass er angeblich in ein "Soros-Netzwerk" verstrickt sei. Derzeit läuft in Ungarn eine widerliche antisemitische Plakatkampagne gegen den aus Budapest stammenden, jüdischstämmigen Investor.

Am Sonntag durfte ein Autor eine mäßig unterhaltsame Satire darüber schreiben, dass bei der "Tagesschau" die "50/50"-Regel eingeführt wurde: Mindestens die Hälfte der Inhalte muss wahr sein. Andere Themen der vergangenen Woche: Erika Steinbach und der "wahre Konservatismus", Ausländergewalt gegen Christen, Kreationismus und die "Umvolkung Frankreichs".

Es sind genau jene Themen, die Rechtsextremisten in Deutschland seit Jahren elektrisieren, und die gezielt eingesetzt werden, um eine vorrevolutionäre Stimmung anzuheizen.

Denn egal ob es um die "Zuwanderung von kriminellen Ausländern", die "Asylflut" oder gar die "Umvolkung" geht – stets ist die Existenz des Landes in Gefahr, oder zumindest die eigene, heile Welt. Und darin steckt auch implizit ein Handlungsgebot: "Wehrt euch!" Obwohl das selten offen ausgesprochen wird.

Berger stellt diesen Themenmix zusammen. Und er feiert ihn auch in den sozialen Netzwerken.

Womit auch geklärt wäre, dass David Berger keineswegs der "Libertäre" ist, als der er sich in seinem "Zeit"-Text ausgegeben hat.

Sicher: Als weltoffen denkender Mensch kann man die Art und Weise, wie in Deutschland über Politik diskutiert wird, mitunter nur schwer ertragen.

Da wäre zum einen das Triumphgeheule jener, die sich und ihre Ideen als überlegen empfinden. Sie gibt es bei den Rechten und bei den Linken. Meist entsteht dabei kein Gedankenaustausch, sondern allenfalls eine Menge Reibungshitze.

Und dann sind da jene, die sich allzu gern in die Opferrolle werfen. In der Gedankenwelt dieser Leute gibt es angeblich "Maulkörbe" und "Denkverbote", und all das wird dann mit großem Wehklagen in aller Öffentlichkeit verbreitet.

Wenn man in den größten Medien des Landes über "Maulkörbe" schreiben kann

Unvergessen, wie der Berliner Historiker Jörg Baberowski sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte in Essays für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung" darüber beschweren durfte, dass man heute ja dieses und jenes nicht mehr offen sagen dürfte. Ohne selbst zu bemerken, wie viel Ironie im mehrfachen Publizieren des "Unsagbaren" steckte.

Kurz: Es lohnt sich, über diese Gesprächshaltungen zu reden, die in Deutschland allzu oft zu Streit, Missgunst und Verletzungen führen.

Das Problem ist aber: Allzu oft nämlich dient das Label des "Freiheitlichen" in Deutschland einfach nur als ein Tarn-Mäntelchen, das sich jene Leute anziehen, die in Wahrheit die Grenzen des Sagbaren nach rechts verschieben wollen. Wer mal zehn Minuten auf der Internetseite von David Berger unterwegs war, hat nachher keinen Zweifel daran, was die eigentlichen Absichten dieser Publikation sind.

Dass die "Zeit" auf dieses Spiel herein fällt, ist bedauerlich. Der Autor hat abseits der Debatte um den FAZ-Text viel Raum bekommen, um seine zweifelhaften Ansichten zu verteidigen. Dass David Berger in diesem Fall kein Opfer ist, hätte man mit einer kurzen Google-Recherche klären können.

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