"Ich war noch ein Kind, als meine Eltern mich zwangen, einen gewalttätigen Mann zu heiraten"

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Kinderehe in Kamerun: "Ich war noch ein Kind, als meine Eltern mich zwangen, einen gewalttätigen Mann zu heiraten" | INTERNATIONAL WOMEN'S HEALTH COALITION.
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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

An ihrem Hochzeitstag im Kameruner Dorf Baoliwol weigerte Mairamou sich, sich schön zu machen. Sie hatte den Mann, den sie gleich heiraten sollte, nie getroffen und ihre Eltern hatten ihr nichts über Sex erzählt. Sie hatte Angst, dass es mit Gewalt verbunden sein würde.

"Sie zwangen mich dazu, ihn zu heiraten. Ich wollte das nicht. Wenn ich der Ehe zugestimmt hätte, hätte ich mich natürlich geschminkt, ich wäre natürlich glücklich gewesen — aber weil es nicht so war es, ging ich einfach nur hin", erinnert sie sich.

Sie war nur 15 Jahre alt, als ihre Eltern sie mit einem Freund ihres Vaters verheirateten, ein Mann, der beinahe dreimal so alt war wie sie. Wie für viele Kinderbräute weltweit bedeutete dies auch für Mairamou, die nur ihren Vornamen benutzt, dass sie nicht mehr zur Schule gehen konnte.

Nach der Hochzeit wurde Mairamou weggeschickt, um bei ihrem Mann zu leben

"Als ich zur Schule ging träumte ich davon, Bürgermeisterin zu werden, davon, viele akademische Titel zu bekommen. Es war mein Traum, zu studieren", erzählt sie Refinery29. "Ich schloss zwar noch die fünfte Klasse ab, aber dann entschied mein Vater, ich wäre jetzt in dem Alter, in dem man heiratet."

Nach der Hochzeit wurde Mairamou weggeschickt, um bei ihrem Mann zu leben, weit weg von ihren Freunden und ihrer Familie. Als die jüngste von drei Ehefrauen wurde von ihr erwartet, einen Großteil der Hausarbeit zu erledigen.

"Ich bereitete das Essen zu. Ich spülte das Geschirr und putzte das Haus. Ich machte alles. Ich wusch auch die Kleider meines Mannes. Das war so, weil ich keine Kinder hatte. Ich war völlig erschöpft."

Mairamou sagt, dass ihr Mann sie jeden Tag schlug, solange sie sich weigerte, mit ihm zu schlafen. "Ich hatte Angst vor ihm, weil ich befürchtete, dass er gewaltsam versuchen würde, mit mir zu schlafen”, sagt sie. “Ich überlegte, wann die Gebetszeiten waren und als er zur Moschee ging, lief ich weg."

Heute ist Mairamou 29 Jahre alt

Sie entkam nur mit den Kleidern auf ihrem Rücken und verbrachte die Nacht bei Freunden. Aber ihr wurde schnell klar, dass sie weitere Verbündete finden musste, um ihren Mann dauerhaft verlassen zu können.

Im Folgenden erzählt uns die mittlerweile 29-jährige Mairamou ihre Geschichte von Mut und Entschlossenheit.

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Credit: INTERNATIONAL WOMEN'S HEALTH COALITION

Refinery29: Was geschah, als du dem Haus deines Mannes entkommen warst?

"Zu der Zeit hielt die Assoziation für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen [bekannt unter ihrem französischen Akronym, ALVF] gerade Aufklärungsveranstaltungen ab. Sie wollten meinen Vater in ihr Büro bestellen. Aber er weigerte sich.

Schließlich beschloss ich, nach Hause zu gehen, als mein Vater gerade nicht da war. Meine Mutter war da. Ich erklärte ihr, dass mein Mann mich schlug, wenn er mit mir schlafen wollte und dass ich Angst hatte, dass ich es nicht wollte.

Meine Mutter erklärte das meinem Vater. Und als er es hörte, dachte er darüber nach. Ich sagte zu ihm: 'Wenn er so weitermacht, werde ich weglaufen.' Ich würde irgendwo hingehen, egal wo, und er würde mich nicht wiedersehen.

Ich sagte ihm, er solle zur ALVF gehen. Er nahm an den Veranstaltungen teil und lernte über die Konsequenzen von Kinderehen. Dann ließ er mich nach Hause kommen. Das war etwa ein Jahr später."

Nachdem Mairamou ihre Ehe beendet hatte, fühlte sie sich verpflichtet, etwas zu tun um anderen Mädchen in ihrer Situation zu helfen.

Laut der gemeinnützigen Organisation Girls Not Brides werden beinahe Dreiviertel der Mädchen in Nordkamerun vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet. Weltweit waren mehr als 30 Prozent der heute lebenden Frauen jünger als 18, als sie verheiratet wurden. Wird nichts gegen solche Praktiken unternommen, werden bis 2050 weitere 1,2 Milliarden Mädchen zwangsverheiratet werden, schätzt die Organisation.

Den Mädchen, die zu jung verheiratet werden wird nicht nur die Chance auf Bildung genommen, sie werden auch mit einem Heer weiterer Probleme konfrontiert. Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt zählen zu den am weitesten verbreiteten Todesursachen unter 15-19-jährigen Mädchen in ärmeren Ländern, so Girls Not Brides.

Wie hast du damit angefangen, anderen Mädchen wie dir zu helfen?

"Als ich diese Zeit durchgestanden hatte fingen wir an, lokale Selbsthilfegruppen aufzubauen. Seitdem bin ich Mitglied der Assoziation für die Förderung von Autonomie und Rechten von Mädchen und Frauen [APAD] und bin nun selbstständig.

Ich bin jetzt frei. Ich nähe, ich bilde andere Mädchen aus. Ich fühle mich entspannt. Sogar mein Vater sieht, dass es mir jetzt gut geht. Er versteht mich jetzt."

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Credit: INTERNATIONAL WOMEN'S HEALTH COALITION

APAD wurde von Danedjo Hadidja gegründet, eine weitere Frau, die sich weigerte, eine Kinderbraut zu werden. Die Organisation hat bereits 150 Frauen, die Kinder- oder Zwangsehen erlebt haben darin geschult, sich in ihren Gemeinschaften gegen solche Ehen stark zu machen und ein Bewusstsein für die negativen Folgen zu schaffen.

Außerdem bietet die Organisation Kurse zu sexueller und reproduktiver Gesundheit sowie zu Frauenrechten an und ermöglicht es Mädchen und jungen Frauen, Lesen zu lernen und eine berufliche Ausbildung zu erhalten. In Baoliwol gibt es Kinderehen inzwischen nur noch selten.

Mithilfe von APAD lernte Mairamou zu nähen und zu sticken, sodass sie nun finanziell auf eigenen Beinen steht. Sie verkauft die Kleidung, die sie herstellt, in der Stadt und leitet Nähworkshops für andere Mädchen.

Wie ist dein Leben jetzt, zwölf Jahre später?

"Ich fühle mich wohl. Ich kann meinen Freunden und meinen Mitschülerinnen helfen. Ich kann sprechen, wo ich will, sogar vor einem Publikum. Ich fühle mich sehr wohl und habe eigentlich keine Probleme. Ich kann mir einen Mann aussuchen, wenn ich das möchte, niemand wird mich zwingen zu heiraten.

Und ich könnte jetzt heiraten, ich bin nicht mehr minderjährig. Ich kann meinen Schwestern und Freundinnen Rat geben. Und ich kann Eltern raten, ihre Töchter nicht zu verheiraten."

Was ist dein Rat für Mädchen auf der ganzen Welt?

"Ich möchte ihnen sagen, dass sie es nicht zu schnell akzeptieren sollen, zu heiraten. Nehmt es nicht hin, wenn ihr dazu gezwungen werdet. Geht zur Schule, studiert, macht eine Ausbildung. Aber lasst euch nicht zu einer Ehe überreden, ohne zuerst zu arbeiten."

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(lk)

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