Ein Jahr nach dem Putsch in der Türkei: "Meine eigene Familie hält mich für einen Terroristen"

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MAN TURKEY
Ein Mann in der Türkei (Symbolbild) | Murad Sezer / Reuters
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  • Hunderte türkische Diplomaten und Beamte haben nach dem Putschversuch vor einem Jahr Asyl in Deutschland bekommen
  • Einer von ihnen hat der HuffPost seine Geschichte erzählt
  • Es ist der Bericht eines Mannes, der sein Leben neu ordnen muss, nachdem er den sozialen Tod gestorben ist

Es muss ein schreckliches Gefühl sein.

Demütigung, weil man für etwas büßt, das man für richtig hält. Schuld, weil jene, die man liebt, auch noch dafür büßen. Verlust, weil die elementarsten Dinge im Leben nie mehr sein werden wie zuvor: Familie, Freunde, Arbeit, Zuhause.

Görkan Terim (Name geändert) kämpft mit all diesen Gefühlen. Und noch mit vielen mehr. "Ich habe Schwierigkeiten, das in Worte zu fassen." Der knapp 40-Jährige sagt einem Bekannten, der für ihn übersetzt, er wolle alles ausblenden, loswerden, was er im vergangenen Jahr erlebt hat.

Denn Terim gilt seiner eigenen Familie als Terrorist.

Nicht seiner Ehefrau und den beiden kleinen Kindern. Aber Teilen seiner erweiterten Familie, die viel zählt in der Türkei, wo Terim herkommt.

Das Lager für Beamte

Terim war Diplomat, entschied unter anderem darüber, welche Organisationen öffentliche Aufträge bekamen. Und eine sollte auf Druck der Regierung und des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bevorzugt werden, entgegen der Vorschriften. Diplomatische Verwicklungen waren auch noch zu befürchten. Also weigerte sich Terim.

Was Terim erzählt, ist nicht unabhängig zu überprüfen, aber es ist plausibel.

Seine Verweigerung, sein Vergehen, das wohl keines war, reichte jedenfalls, damit Terim schon lange vor dem Putschversuch im Juli 2016 in einem Gebäude landete, das sie auf Türkisch "Tinnah Toplama Kampi" nennen, "Konzentrationslager". Es ist ein Bürogebäude, wo die Regierung hunderte Beamte parkte, die sie zwar nicht entlassen, aber in ihren ursprünglichen Positionen nicht mehr haben wollte. Linke, Rechte, Angehörige der Hizmet-Bewegung des Predigers Fethullah Gülen, der sich Terim zugehörig fühlt.

"In dem Gebäude gab es nur Tische und Stühle, keine Telefone, keine Faxgeräte, keine Computer", sagt Terim. Dafür einen Polizisten, der minutiös darauf achtete, dass alle diese kaltgestellten Beamten um 9 Uhr einstempelten und das Gebäude bis 17 Uhr nicht mehr verließen. Essen mitzubringen war verboten, das mussten die Männer in der hauseigenen Cafeteria kaufen.

Sich jeden Tag acht Stunden mit der plötzlichen Leere und absoluten Sinnlosigkeit des Alltags zu beschäftigen, ist zermürbend, zerstörend fürs Selbstwertgefühl. "Wir haben uns gegenseitig Seminare in unseren Spezialgebieten gegeben, zum Beispiel über Verwaltungsrecht", sagt Terim.

"Das war mein sozialer Tod"

Dann kam der Putschversuch. Per Dekret aber ohne Gerichtsverhandlung wurde Terim zum Terroristen erklärt. Ein Ministerium veröffentlichte seinen Namen auf einer der berüchtigten Verräter-Listen.

"Es war mein sozialer Tod", sagt Terim.

Freunde und Verwandte wandten sich ab, einen neuen Job zu bekommen war aussichtslos geworden.

Die Polizei verhaftet seinen Bruder – als Ersatz

Mehr als 30 seiner Freunde und Kollegen landeten in Haft. Im Oktober hätte die Polizei auch ihn einkassiert. Doch Terim war mit seiner Familie inzwischen umgezogen, die Polizei fand ihn nicht. "Statt mir haben sie meinen Bruder verhaftet. Er ist noch immer nicht frei", sagt Terim.

Dann erzählt er davon, dass einer seiner Freunde nach acht Monaten aus der Haft entlassen wurde. Und von Folter berichte.

Terim spricht es nicht aus. Aber es ist naheliegend, dass er auch um seinen Bruder fürchtet. Der einsitzt, weil er selbst es geschafft hat, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen.

Flucht per Boot nach Griechenland

Terim verließ die Türkei. Dank seines Diplomatenpasses kam er außer Landes, setzte zusammen mit syrischen Flüchtlingen per Boot nach Griechenland über.

Inzwischen ist er seit acht Monaten in Deutschland, vor wenigen Tagen wurde sein Asylantrag genehmigt, die HuffPost konnte das Papier einsehen. Damit ist Terim einer von mehr als 200 Diplomaten und weiteren 200 Beamten aus der Türkei, die nach dem Putschversuch Asyl erhalten haben.

Mehr zum Thema: Die Türkei wird immer mehr zur Diktatur - und tausende Türken fliehen nach Deutschland

"Ich habe mir bewusst Deutschland ausgesucht. Ich habe Vertrauen in die deutsche Demokratie", sagt Terim. Er habe in vielen Ländern gearbeitet – und dabei schätzen gelernt, was Rechtsstaatlichkeit wert ist.

Die Familie sitzt in der Türkei fest – und versteckt sich

Seine Frau und die Kinder hängen noch immer in der Türkei fest. In einem Dorf, wo sie dank der Hilfe einiger Freunde überleben können. Aber aus Sicherheitsgründen so abgeschottet, dass es sich für sie anfühlt wie ein Gefängnis. "Irgendwann sollten meine Kinder in die Schule gehen. Wir wissen nicht, wie das gehen soll."

Deshalb arbeitet Terim daran, seine Familie nachzuholen. Er hat in fünf Monaten viel Deutsch gepaukt und bereits das Level B1 erreicht, sagt er. Er will seine Abschlüsse anerkennen lassen und erzählt, dass er sich viel mit Deutschen unterhalte, dort, wo er wohnt, in Ostdeutschland.

"Ich will Deutschland zu unserer neuen Heimat machen."

Die braucht er dringend. Die bräuchte er selbst dann, wenn sich die politischen Verhältnisse ändern würden und er wieder ohne Angst in der Türkei leben könnte.

Denn zu Heimat gehört mehr als nur ein Zuhause. Dazu gehören Familie und Freunde. Aber auf die alten Kontakte kann einer eben nicht mehr zählen, der den sozialen Tod gestorben ist.

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(jg)

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