Militärhistoriker spricht in "Spiegel"-Interview eine unangenehme Wahrheit über die Bundeswehr aus

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BUNDESWEHR
Militärhistoriker spricht in "Spiegel"-Interview eine unangenehme Wahrheit über die Bundeswehr aus | POOL New / Reuters
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  • Der Militärhistoriker Sönke Neitzel hat dem Magazin "Spiegel" ein Interview gegeben
  • Darin spricht er eine Wahrheit aus, die viele Deutsche über die Bundeswehr oft vergessen: Die Soldaten werden zum Töten ausgebildet
  • Neitzel macht in dem Interview auch umstrittene Bemerkungen zur Wehrmacht in der NS-Zeit

"Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich", so sagte Ursula von der Leyen im Mai, "kann Tradition nicht begründen". Die Verteidigungsministerin versucht die Bundeswehr möglichst weit von ihrer Wehrmachts-Vergangenheit wegzurücken. Doch nicht überall stößt ihr Vorgehen auf Begeisterung.

Etwa beim Militärhistoriker Sönke Neitzel. "Historischen Exorzismus" wirft er von der Leyen im Interview mit dem "Spiegel" vor. Die Verteidigungsministerin breche unnötig eine politisch motivierte Traditionsdiskussion vom Zaun, argumentiert Neitzel. Dabei sei die Bundeswehr eben "eine mi­li­tä­ri­sche Or­ga­ni­sa­ti­on und nicht eine Au­ßen­stel­le der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung".

Das ist längst nicht die einzige brisante Aussage Neitzels in dem Interview. Denn der Historiker spricht auch eine unangenehme Wahrheit über die Bundeswehr aus.

"Die sollen kämpfen und töten"

So sagt Neitzel: "Es gibt hier in Ber­lin ir­gend­wie ei­nen Kon­sens zwi­schen Po­li­ti­kern, Jour­na­lis­ten und der Bun­des­wehr­füh­rung, wo­nach die Bun­des­wehr mög­lichst zi­vil auf­tre­ten soll." Das sei aber ein völlig fehlgeleiteter Ansatz. Man könne Soldaten keine Vorbilder vorsetzen, die noch nie gekämpft hätten, sagt Neitzel.

Mehr zum Thema: Mit diesem Interview dürfte Verteidigungsministerin von der Leyen viele Soldaten vor den Kopf stoßen

Und erinnert daran, wofür die Bundeswehr eigentlich da ist. "Re­den Sie mal mit Pan­zer­gre­na­die­ren oder Fall­schirm­jä­gern. Die lau­fen nicht mit Schaum­gum­mi­bäl­len durch die Ge­gend, die sol­len kämp­fen und tö­ten kön­nen, und zwar weil die Bun­des­re­pu­blik das von ih­nen ver­langt."

Eine wahre Aussage. Aber auch eine, die vielen Deutschen aufstoßen wird.

Deutschland: Ein friedensliebendes Land mit einer Armee

Schließlich sind die Bundesbürger nicht gewöhnt, dass ihre Soldaten tatsächlich kämpfen - und auch sterben. Alle Stellvertreterkriege im Kalten Krieg setzte Deutschland aus, auch aus dem Irak-Krieg hielt man sich heraus.

Erst im Kosovo- und im Afghanistan-Krieg kam die Bundeswehr zu ihren ersten Kampfeinsätzen - und musste ihre ersten Kriegsopfer beklagen. Das betont auch Neitzel, bei seinem Versuch, die kriegserfahrene Wehrmacht zum militärischen Vorbild für die Bundeswehr zu stilisieren.

Die Armee des NS-Staates habe damals in vielen Situationen die gewalttätigste Lösung gewählt. "Das darf uns aber nicht den Blick dar­auf ver­stel­len, dass die Wehr­macht als 'fight­ing or­ga­ni­sa­ti­on' eben auch er­folg­reich war", sagt der Historiker.

Doch berichtet Neitzel auch davon, wie sich die Bundeswehr von ihrer NS-Vergangenheit emanzipiert habe - ganz ohne Hilfe von Ursula von der Leyen. "Soldaten (...) sagten mir, von dem Tag an, da wir unsere eigenen Gefallenen hatten, war die Wehrmacht weg."

Auch das ist eine unangenehme Wahrheit.

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(mf)

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