"Du bist für eine Muslima aber sehr emanzipiert" - warum mich solche Sätze nerven

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MUSLIMA BERLIN
dpa
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Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass ich als Kindergartenkind in einer Gruppe war, in der es zwei Mädchen mit dem Namen “Agnes" gab. Eines der Mädels hatte eine dunkle Hautfarbe und das andere nicht. Um die Beiden auseinanderzuhalten, wurde das weiße Mädchen von den anderen Kindern mit “die schöne Agnes" gerufen und das andere Mädchen war einfach nur “die Agnes".

So eine Geschichte war schon vor zwanzig Jahren salonfähig und ist es - leider - noch. Auch im Jahr 2017 bekommen wir Menschen mit Migrationshintergrund in Europa immer noch einen Stempel mit dem Label "Du gehörst nicht zu uns" aufgedrückt. Auch wenn wir uns innerlich als Deutscher oder Österreicher fühlen, zeigen wir mit unserer Hautfarbe oder unserem Aussehen allen anderen Menschen, dass wir aus einer anderen Kultur kommen.

Die Frage "Woher kommst du?" ist vermutlich eine der meist gestellten Fragen auf der ganzen Welt. Wahrscheinlich deswegen, weil es eine sehr wichtige Frage ist. Aber für einige Menschen ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten, denn sie haben nicht nur eine Heimat.

Vielleicht sieht man südländisch aus, verbrachte aber sein ganzes Leben in Deutschland und würde sich selbst als Deutscher bezeichnen. Hier stellt sich aber nun die Frage, ob man sich als dunkelhäutiger Mensch, dessen Eltern aus einem afrikanischen Land stammen, aber man selbst sein ganzes Leben in Europa verbrachte, als Europäer sehen darf. Und wer entscheidet was “Deutschsein" bedeutet und wer deutsch ist?

Leider folgt auf anderes Aussehen oft automatisch eine andere Behandlung. So musste ich als Kind mit sichtbarem Migrationshintergrund oft Fragen wie “Aber wo kommst du wirklich her?" hören und verstand aber überhaupt nicht, was dahinter steckte.

Du bist für eine Muslima aber sehr emanzipiert

Denn die augenscheinlich ganz alltägliche und eigentlich normale Frage, ist in Wirklichkeit eine Art "Unterstellung des Nichtdeutschseins". Neugier? Weltoffenheit? Smalltalk? Kann sein, aber irgendwo hat es auch einen unguten Beigeschmack. Und nach über 20 Jahren nervt es mich wirklich.

Mich nerven Geschichten wie die von der kleinen Agnes. Mich nervt es, wenn wir dunkelhäutigen Frauen Kommentare wie "Du bist aber schön für eine Schwarze" anhören müssen. Der Witz daran: Dies soll ein Kompliment sein. Und wenn ich das nicht als Kompliment verstehe, dann kommt der Vorwurf, dass mit mir etwas nicht stimmt: "Du hast es eben nicht richtig verstanden."

"Du bist für eine Muslima aber sehr emanzipiert" könnte auch so ein Kompliment klingen. Wenn ich dann mit den Augen rolle, wird das als fehlende Dankbarkeit für die "nette" Anerkennung angesehen.

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Als Mensch mit Migrationshintergrund musst du jede positive Bemerkung - auch wenn sie gar nicht positiv ist - dankend annehmen, weil es ja "gut gemeint" war. Dabei sind die "gut gemeinten" Bemerkungen ein Herumstochern in der eigenen Würde begleitet von Ahnungslosigkeit.

Andersrum ist es genauso schlimm. Wenn ich zu Besuch in Ägypten bin, bin ich oft schockiert, wie viel Müll auf der Straße liegt, wie ungebildet Menschen sind, die aber wählen dürfen und wie der generelle Umgang mit Frauen ist.

Ich bekomme Hassnachrichten per Mail

Wenn ich dann dort meine Meinung äußere, bin ich in den Augen vieler Verwandter die “eingebildete Europäerin".

Bin ich wieder in Europa und versuche durch meine Artikel ein bisschen West und Ost zu vereinen oder als Europäerin eine Einsicht in das alltägliche Leben von Musliminnen in Europa zu geben, so begebe ich mich laut Einigen in die Opferrolle. Dann bekomme ich Hassnachrichten per Email und “soll mich in meine Heimat schleichen".

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In dieser bin ich aber schon längst und ich liebe meine beiden Heimatländer. Auch, wenn man sich da oft als Zwischending fühlt, das weder hier noch dort hinpasst.

Tagtäglich werden uns Regeln von der Gesellschaft aufgezwungen, was wir tun sollten, um als “normal" zu gelten und akzeptiert zu werden. Versuchen wir diesen Regeln jedoch zu folgen, können wir es auch keinem recht machen.

Der Vorwurf lautet anfangs: Ihr passt euch nicht an, lernt die Sprache nicht und wollt nicht arbeiten.

Ist man jedoch perfekt angepasst, heißt es: Ihr seid eh nur Passdeutsche und nehmt uns die Arbeit weg.

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Mit meinem Kopftuch ist es das gleiche. Hab ich es auf dem Kopf, soll ich es runternehmen, nehme ich es runter, wird mir vorgeworfen, die Gesellschaft zu unterwandern.

Daraus kann man also schließen, dass Menschen die aufgrund von Herkunft und Religion auf dich als Person schließen, nicht nur oberflächlich denken, sondern auch nicht viel von wahrer Heimatliebe verstehen.

(kap)

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