"Erdogans private Armee": Wie ein kleiner Schlägertrupp den türkischen Präsidenten an der Macht hielt

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COUP TURKEY
"Erdogans private Armee": Wie ein kleiner Schlägertrupp den türkischen Präsidenten an der Macht hielt | Murad Sezer / Reuters
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  • Vor einem Jahr haben die Türken den Militärputsch gegen Erdogan niedergeschlagen
  • Vor allem islamistische Kämpfer stellten sich den Putschisten entgegen
  • Der Einfluss religiöser Fanatiker wird in der Türkei immer größer

Es ist etwa zehn Uhr als F-16-Militärjets über Istanbul donnern. Auf der Bosporusbrücke und der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke bringen sich Soldaten in Stellung.

Etwa zum selben Zeitpunkt setzten sich Panzer in Bewegung. Sie rollen in Richtung des Atatürk-Flughafens im Westen von Istanbul. Soldaten eröffnen aus Helikoptern das Feuer auf Passanten, in Ankara umstellen Putschisten das Parlament.

Europa hält den Atem an: Kurz sieht es so aus, als würde das türkische Militär hier gerade den gewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stürzen. Doch ihr Plot scheitert. Auch weil – und das betont die türkische Regierung immer wieder – tausende Türken auf die Straße gehen und sich den Putschisten in den Weg stellen.

"Sieg des Volkes“ nennt Erdogan die Niederschlagung des Putschversuches, den Experten unlängst als amateurhaft geplant beurteilt haben. Wahr ist aber auch: Besonders eine kleine Gruppe fanatischer Schläger sorgte dafür, dass die Aufständler keine Chance hatten, die Kontrolle in Istanbul an sich zu reißen.

"Islamische Länder als Supermacht"

Das US-Magazin "Foreign Policy“ nennt sie "Erdogans private Armee“. Videos von der Bosporus-Brücke zeigen sie: Muskulöse Männer mit ballistischen Westen, die mit halbautomatischen Waffen in die Luft feuern. Zwischen den jubelnden und schreienden AKP-Anhängern wirken sie wie eine paramilitärische Miliz.

Berichten zufolge soll es sich bei den auffälligen Männern um Mitglieder der Sicherheitsfirma Sadat handeln. Das Unternehmen, das seinen Sitz in Istanbul hat, bietet private Militär-Trainingseinheiten an. Hinterhalte, Geiselnahmen, Anti-Terror-Operationen, Nahkampf.

Mehr zum Thema: Während Erdogan im Flugzeug aus Hamburg saß, hat in der Türkei eine neue Ära begonnen

Auf der Webseite von Sadat beschreibt die Organisation ihre Arbeit wie folgt: "Unser Ziel ist es, eine Verteidigungszusammenarbeit zwischen den islamischen Ländern zu ermöglichen, damit sie den Platz zwischen den Supermächten einnehmen können, den sie verdienen.“

Sadat-Miliz schlägt Putsch nieder

Die Verwicklung des Militär-Unternehmens geht so weit über die Grenzen der Türkei hinaus. Im syrischen Bürgerkrieg soll Sadat sunnitische Milizen ausgebildet haben. Das geht auch aus Berichten der russischen Regierung hervor. Türkische Militäranalysten glauben, Sadat rekrutiere zudem selbst Kämpfer für die umkämpften Gebiete – radikale Islamisten aus Tschetschenien, Kasachstan und Tadschikistan.

Doch auch im Inland gewinnt Sadat an Einfluss. Der US-amerikanische Nahostexperte Michael Rubin bezeichnet das Sicherheitsunternehmen als "Erdogans persönliche Miliz“. Dass er damit nicht falsch liegt, zeigte sich am 15. Juli.

Als die bewaffneten Männer sich den Putschisten entgegenstellten, drehte sich das Momentum auf den Straßen Istanbuls. Wenige Stunden nachdem der Putschversuch für die Gülenisten verheißungsvoll begonnen hatte, waren es nun ganz andere Bilder, die im türkischen Fernsehen von Millionen Menschen gesehen wurden.

Regierungstreue Männergruppen jagten die Soldaten über die Straße, pferchten die Aufständler zusammen, peitschten sie aus.

Firmengründer wird zum Erdogan-Berater

Erdogan dankte den Türken – und wohl vor allem Sadat-Gründer Adnan Tanriverdi. Wenige Tage nach dem Coup-Versuch ernannte der türkische Präsident Tanriverdi zu seinem Chefberater. Ideologisch wirkt das wie eine logische Besetzung. Tanriverdi gilt als Feind der kemalistischen Opposition in der Türkei – als strenger Muslim, vor Gewalt schreckt er nicht zurück.

Das Söldnerunternehmen wirft ein Schlaglicht darauf, wie die türkische Regierung versucht, den militärischen Einfluss islamistischer Kräfte zu vergrößern. Mehrere ehemalige türkische Offiziere warnen unlängst, Erdogan treibe auch eine gezielte Islamisierung der Armee voran.

"Die Nato wird in zwei bis fünf Jahren eine Mitgliedsarmee voller Extremisten und Salafisten haben“, kritisierte ein ehemaliger Offizier im Magazin "Vocal Europe“. Denn: Rund 160 der 324 Generäle der türkischen Armee hat Erdogan gefeuert, dazu tausende Soldaten, viele von ihnen aus entscheidenden Positionen.

Was der Insider jetzt beobachtet, ist zutiefst beunruhigend. "Islamisten mit Bezug zur AKP, die viele Jahre lang vom Militär ausgeschlossen waren, werden gerade in wichtigste Positionen der Armee gehoben“, sagt er über Erdogans Umbau der Streitkräfte.

Die schreitet mit jeder Entlassung weiter voran. Der Präsident weiß, dass er sich in Zukunft nicht allein auf Sadat verlassen kann.

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(ks)

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