Donald Trump ist eine Schande für sein Land – und doch lohnt es sich, die USA zu lieben

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Donald Trump ist eine Schande für sein Land – und doch lohnt es sich, die USA zu lieben | Shannon Stapleton / Reuters
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Unser Land verändert sich dramatisch. Aber was heißt das eigentlich? HuffPost-Autor Sebastian Christ wandert 700 Kilometer durch Deutschland, um das herauszufinden. Dies ist der fünfte Teil der Serie.

Plötzlich war Blaulicht auf der Eisenbahnbrücke im Nordwesten von Dresden zu sehen. Und wenige Augenblicke später knatterte eine Kolonne von riesigen amerikanischen Auto an mir vorbei: Blank polierte Träume aus Blech und Chrom. Lackiert in schwarz, weiß und allen Farben des Regenbogens.

Ich bin noch im alten Jahrtausend aufgewachsen ist. Mir ist dieser Anblick nicht fremd, ich bin auf seltsame Weise davon entwöhnt worden. Die USA finden in der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren immer seltener statt.

Im Osten war Amerika ohnehin für viele Menschen ein Sehnsuchtspunkt. Das weiß jeder, der einmal die Aufzeichnung von Bruce Springsteens Konzert in Weißensee von 1988 gesehen hat, wo 300.000 Menschen unter rührender Verkennung des eigentliches Songinhalts "Born in the USA" gesungen haben. Ganz so, als sei dies ein Bekenntnis zu Leben im Westen.

In der Bundesrepublik dominierte Amerika über Jahrzehnte die Pop-Kultur. Selbst bei jenen, die immer gegen die Politik der USA waren.

So viel "Amerika" habe ich lange nicht gesehen

Die in Würde und Unwürde ergrauten Achtundsechziger, die ihren Kindern das Colatrinken und die Mickey-Maus-Comics verbieten wollten, können sich 50 Jahre nach den Todesschüssen auf Benno Ohnesorg ihre Woodstock-CD-Box im dauerwerbebeschallten Nachtprogramm irgendeines Spartensenders bestellen. Hendrix war eben doch cool.

Es müssen wohl über 100 schicke Ami-Schlitten gewesen sein, die hier über die Straße rollten. Bonbonfarbene Chevies, Muscle-Cars von Mustang, Chryslers, Dodges. Abschleppwagen aus Amerika waren dabei. Polizeiautos samt Blaulicht. Und zwei gelbe Schulbusse.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte schon lange nicht mehr so viel "Amerika" an einem Ort in Deutschland versammelt gesehen. Noch nicht einmal bei dem trostlosen deutsch-amerikanischen Volksfest in Berlin, das zuletzt auf einer Baubrache zwischen zwei Schienensträngen in Moabit stattfand.

Sängerinnen und Sänger in US-Militäruniformen bespaßten hier die etwas in die Jahre gekommenen Frontstädter. Die Stimmung war durchweg analog. Wer das "Schaufenster des Westens" einst nicht in deutsch-deutschen Zeiten mit eigenen Händen ausstaffieren geholfen hatte, fand in der Regel gar nicht mehr den Weg hier hin.

Die Liebe für die USA begann schon vor Trump zu schwinden

Der jetzige US-Präsident Donald Trump mag der größte anzunehmende Unfall für die deutsch-amerikanischen Beziehungen sein. Und natürlich ist es leicht, auf dieses Amerika Wut zu haben. Die Liebe der Deutschen zu Amerika begann aber schon vorher zu schwinden.

Ich erinnere mich noch an die Wochen nach den Anschlägen vom September 2001. An den Balkonen der Studentenwohnheime in München hingen US-Fahnen über der Brüstung. In den Geschäften konnte man Wollpullover mit Mustern im Stars-and-Stripes-Stil kaufen. Oder auch nicht mehr. Denn bald schon waren in der ganzen Stadt keine US-Fahnen und keine US-Pullover mehr zu bekommen, alles ausverkauft.

Damals war nicht nur die Bundesregierung von Kanzler Gerhard Schröder vereint in "uneingeschränkter Solidarität" mit Amerika. Das haben wir nur mittlerweile schon lange vergessen.

Denn anderthalb Jahre später zog US-Präsident George W. Bush mit der "Koalition der Willigen" in den Irakkrieg. Deutschland war nicht willig. Zu wenig hatte dieser lange geplante Marsch auf Bagdad mit den Anschlägen von 11. September zu tun. Al-Quaida hatte Zuflucht in Afghanistan gefunden, nicht im Irak. Und die Sache mit den Massenvernichtungswaffen war von Anfang an ziemlich einfach als Bluff erkennbar.

In Berlin ging im Februar 2003 eine halbe Million Menschen gegen den geplanten Krieg auf die Straße. Es war die größte politische Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik. Den Abwurf der ersten amerikanischen Bomben auf Bagdad konnten die Deutschen aber nicht verhindern.

In Deutschland steckt noch viel USA

Natürlich hat sich auch Amerika in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Die letzte große Einwanderungswelle von Mitteleuropäern nach Nordamerika liegt nun schon Jahrzehnte zurück. Wen wundert es da, dass sie Verbindung der USA zu Deutschland langsam schwächer wird, auch wenn die Transatlantiker mit Inbrunst etwas anderes behaupten?

In der Dresdner Wagenkolonne fuhren viele Autos mit, die in amerikanischen Serien der 1970er- und 1980er-Jahre zu sehen waren. Ein schwarzer Pontiac Trans-Am, so wie "K.I.T.T." aus "Knight Rider". Oder ein erbsengrüner Kombi, der dem Ford LTD Country Squire Station Wagon ähnlich sieht, den Clark Griswold in "Die schrillen Vier auf Achse" gefahren hat. Auch ein Chevrolet-Van ist dabei: Dieser Typ Kleinbus hat dem A-Team in fast jeder Folge das Leben gerettet.

Das war kein Zufall. Wahrscheinlich steckt in diesem Deutschland immer noch sehr viel Amerika. Mehr, als die rechten Systemzweifler von der AfD zugeben wollen. Und noch sehr viel mehr, als es die linken Globalisierungsskeptiker wahrhaben wollen.

Denn wenn wir etwas von der amerikanischen Pop-Kultur gelernt haben, dann doch, dass Träume und Realität etwas miteinander zu tun haben. Dass wir Dinge erreichen können, wenn wir uns wirklich anstrengen. Dass wir scheitern können, und dass auch sowas kein Weltuntergang sein muss.

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie Deutschland aussehen würde, hätte es diesen Einfluss nicht gegeben. Das heißt, man kann es: Dafür muss man sich nur Filmaufnahmen aus den alten Adenauer-Wochenschauen ansehen.

Vielleicht ist eine solche Oldtimer-Kolonne ja wichtig. Gerade jetzt, im ersten Jahr von Donald Trump, tut es gut, sich Amerika so vorzustellen, wie es sein könnte. Und es nicht so zu sehen, wie es gerade ist.

Alle Beiträge der Serie findet ihr hier.

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(ll)

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