Linke Gewalt: Wie die aktuelle Diskussion zur Gefahr für die deutsche Gesellschaft wird

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DRESDEN
Streit um linke Gewalt: Wie die Allianz der Nazi-Gegner zu zerbrechen droht | Sebastian Christ
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Unser Land verändert sich dramatisch. Aber was heißt das eigentlich? HuffPost-Autor Sebastian Christ wandert 700 Kilometer durch Deutschland, um das herauszufinden. Dies ist der vierte Teil der Serie.

Es war ein kalter Dezemberabend im Jahr 2015. Ich war als Reporter bei einer Pegida-Demo in Dresden. Bundeskanzlerin Angela Merkel war als "Fotze“ beschimpft worden. Manch ein Demo-Teilnehmer wünschte sich ganz offen die Nazis zurück. Und eine Gastrednerin aus Belgien verglich den Geist einer offenen Gesellschaft mit dem HI-Virus – beide schwächten die Abwehrkräfte.

Dann zogen Tausende Menschen durch die Postkartenidylle der Dresdner Altstadt. Durch die Jahrhunderte alten Mauern hallten die Rufe der neuen rechten Bewegung: „Wi-der-stand! Wi-der-stand!“ Ich wollte eigentlich nur berichten, was ich sah und hörte. Und doch bekam ich in diesem Moment weiche Knie. Ich hatte Angst.

Neue Allianzen gegen die rechten Kurzschlussparolen

In jenen Tagen war es schwer, nicht an die deutsche Geschichte zu denken. An jene furchtbaren Irrwege, auf denen dieses Land schon einmal ins Verderben stürzte. Die Stimmung in diesen Wochen – damals kamen so viele Flüchtlinge wie nie zuvor nach Deutschland – war radikal. Journalisten erhielten ebenso Morddrohungen wie Politiker.

Doch gleichzeitig bildeten sich neue Allianzen, die Anlass zur Hoffnung gaben. Konservative Verfassungspatrioten, grüne Idealisten, sozialdemokratische Menschenfreunde und liberale Weltbürger fanden sich auf einmal auf der gleichen Seite der Barrikade. Gemeinsam kämpften sie dagegen, dass rechte Kurzschlussparolen in diesem Land mehrheitsfähig werden.

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Es gab damals sogar Politikwissenschaftler, die feststellten, dass die Sammelbegriffe "links“ und "rechts“ nicht mehr zeitgemäß seien. Es gelte heute vielmehr zwischen jenen zu unterscheiden, die "Abschottung“ wollten, und jenen, die für "Internationalisierung“ einträten.

Heute debattiert Deutschland über linksradikale Gewalt

Im Sommer 2017 ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Wieder gehe ich durch Dresden, es ist diesmal ein friedlicher Sommerabend, über der Elbe verglüht ein Feuerwerk.

Und an der Hochschule für Bildende Künste hängt immer noch einer der Banner, mit denen sich Kulturinstitutionen seit fast drei Jahren von den Pegida-Anhängern distanzieren wollen: "Bürger! Lasst nicht zu, dass das geistige und intellektuelle Klima in unserem Land weiterhin durch rechtsnationale Ideologie vergiftet wird.“ Es waren Sätze, auf die sich einst 80 Prozent der Deutschen einigen konnten.

kultur dresden Aufschrift an Dresdener Hochschule für Bildende Künste

Doch auf meinem Handy laufen die Eilmeldungen aus Hamburg ein: Wieder gibt es Krawalle am Rande des G-20-Gipfels. Den dritten Abend in Folge. Wieder wurden Autos angezündet und Polizisten verletzt. Wieder ziehen Autonome durch Hamburg.

Deutschland hat eine neue Großdebatte: Wie gehen wir mit linksradikaler Gewalt um?

"Wer sich nach einem Pflasterstein bückt, der ist nicht mehr mein Freund"

Am Morgen, auf dem Marktplatz von Pirna, hatte ich eine junge Frau angesprochen, die am Rande des "kleinsten Christopher Street Days Deutschlands“ einen Infostand der Linken betreute. Die Partei macht in der Sächsischen Schweiz bisweilen wichtige Arbeit: Denn hier sind rechtsradikale Parolen schon seit über zwei Jahrzehnten im Alltag angekommen.

Freundlich, aber auch ein wenig bedrückt, antwortet sie: "Einer unserer Parteikollegen aus Pirna sagt immer: 'Wer sich nach einem Pflasterstein bückt, der ist nicht mehr mein Freund'.“ Man spürt, dass sie diese Debatte weder will noch gebrauchen kann.

Am Abend zuvor war bekannt geworden, dass Parteichefin Katja Kipping, die selbst aus der Nachbarstadt Dresden kommt, in dieser Frage ein wenig anders denkt: "Die Polizeiführung hat alles getan, um jene Bilder zu erzeugen, mit denen sie im Vorhinein ihren martialischen Einsatz und die maßlose Einschränkung des Demonstrationsrechtes gerechtfertigt hat“, sagte sie.

Manche beleidigen sich wieder - so wie nach den Silversterübergriffen in Köln

Menschen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, posten bei Facebook Meldungen über verletzte Demonstranten und Bilder von Polizeigewalt.

Zeitgleich drohen liberale CDU-Mitglieder, die zwei Jahre lang für die Asylpolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel gekämpft haben, den Mitlesern ihrer Timeline mit Entfreundung, wenn weiterhin das Ausmaß der linksextremen Gewalt "verharmlost“ werde.

Wir suchen nach Begriffen für das, was wir bisher nicht beschreiben gelernt haben. Manche beleidigen sich wieder. So wie einst nach den Silvester-Übergriffen auf der Kölner Domplatte. Andere fordern Distanzierungen, Bekenntnisse. Verbale Sicherheit.

Jeder ist jetzt wieder für sich allein

Dabei testen wir die Grenzen dessen aus, was man sagen kann. Und wir verlieren Menschen, von denen wir glaubten, dass sie für einen gewissen Abschnitt der politische Zeit unsere Freunde sein könnten.

In einer Zeit, da die AfD mit jeder neuen Woche an ihrer Selbstdemontage arbeitet, die Flüchtlingszahlen dank des Türkei-Deals konstant niedrig sind und sich viele Wutbürger heiser geschrien haben, scheint der gesellschaftliche Kampf gegen die rechte Bedrohung vorerst beendet. Jeder ist jetzt wieder für sich allen.

Pegida marschiert übrigens immer noch. Mehr als 1000 Dresdner kommen regelmäßig zu den "Spaziergängen“. Lutz Bachmann ist nicht mehr dabei, dafür Menschen, die sich mit Vornamen anreden lassen: Riko, Siegfried und Gernot. Auf Facebook hat der Dresdner Ableger immerhin noch knapp 50.000 Fans. Vielleicht hoffen sie darauf, dass der Winter irgendwann vorbei ist.

Alle Beiträge der Serie findet ihr hier.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

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(jg)

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