Risse im "Online-Kalifat": Laut Forschern verliert der IS im Internet an Rückhalt

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Risse im "Online-Kalifat": Laut Forschern verliert der IS im Internet an Rückhalt | Stringer . / Reuters
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  • Forscher glauben, der IS hat nicht nur die Stadt Mossul verloren - er befindet sich auch im Internet auf dem Rückzug
  • Das Netz werde zu einer immer feindlicheren Umgebung für die Terrormiliz

Die Online-Propaganda der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) bekomme "auffällige Risse". Die Bemühungen, den Dschihad auch im Netz auszutragen, werde weniger häufig, weniger hochwertig - und weniger effektiv.

So lautet das Fazit eines Berichts in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins "Perspectives on Terrorism".

Anti-Terror-Maßnahmen von Technik-Konzernen und Geheimdiensten würden ebenso ihre Wirkung zeigen wie massive Luftschläge gegen logistische Zentren des IS. Auch aggressive Gegen-Propaganda von Internetnutzern drängten die Terroristen zurück.

Die Qualität der IS-Propaganda lässt nach

Miron Lakomy, ein polnischer Spezialist für Cybersicherheit, schreibt in dem Bericht: Die Zahl der vom IS produzierten Propaganda-Videos gehe zurück. Und ihre Qualität nehme ab.

Es fänden sich zum Beispiel untypische und peinliche Rechtschreibfehler und andere formelle Inkorrektheiten in den Videos. Dies hebe Lakomy zufolge die “personelle Knappheit, extreme Hastigkeit oder Inkompetenz” des IS hervor.

“Der Islamische Staat scheitert im Moment daran, sein ehemaliges Top-Level des Cyberkampfs aufrechtzuerhalten, da er mit ernsten finanziellen und personellen Defiziten zu kämpfen hat. Ebenso wie mit der zunehmend feindlichen digitalen Umgebung”, schreibt Lakomy.

Die IS-Propaganda war die Schlüsselkraft hinter den Rekrutierungserfolgen von ausländischen Kämpfern und Unterstützern. Die Anwerbeversuche im Internet haben viele junge Menschen dazu veranlasst, ihre Länder zu verlassen und sich der Terrormiliz anzuschließen.

Gründe für den schwindenden Erfolg

Lakomy glaubt, dass der Online-Dschihad und die Rekrutierungserfolge aus diese Gründen nachgelassen habe:

Die Propaganda-Produktion des IS sei massiv gesunken.

Der monatliche Ausstoß von Propaganda-Produktionen sei von 761 im August 2015 auf 194 im August 2016 gefallen. Das gehe aus Daten der US-Militär Akademie Combating Terrorism Center at West Point hervor.

“Dieser immense und stetige Rückgang offenbart ernsthafte Störungen in der Cyberkampf-Maschinerie des IS”, schrieb Lakomy. Er fügte hinzu: “Nichts ging viral.”

Der IS sei zunehmend abhängig von Foto-Berichten und kurzen Videos von Gefechten.

Die jüngsten Produktionen “tragen keine Zeichen von ausgereiften Post-Production-Bemühungen” - im Gegensatz zu der hochqualitativen Propaganda, die 2014 und 2015 verbreitet worden seien.

Die Terroristen recycelten mehrfach ältere Inhalte. Insbesondere, seit die Streitkräfte der Anti-IS-Koalition ihren Angriff auf Mossul begonnen haben.

Das Netz sei zu einem immer feindlicheren Ort für Dschihadisten geworden.

Lakomy erklärt, dass soziale Netzwerke wie Twitter mehr als 125.000 Accounts von IS-Anhängern gesperrt hätten. 235,000 weitere seien gelöscht worden.

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Auch unabhängige Internetnutzer hätten beim Kampf gegen die Dschihadisten geholfen. Sie stellten die IS-Anhänger im Netz bloß und machten sie lächerlich. Sie sorgten außerdem dafür, dass die Accounts und Nachrichten der IS-Sympathisanten schneller als jemals zuvor gelöscht werden könnten.

Dadurch würden die Kanäle, auf denen der IS seine Propaganda verbreitet könne, drastisch reduziert.

10.000 Luftschläge gegen IS-Ziele hätten zu großen militärischen Niederlagen gesorgt - und Schlüsselfiguren der IS-Propaganda wie den Henker Jihahi John und dem Chefsprecher Abu Mohammed al-Adnani eliminiert.

Viele IS-Kämpfer, die für die Finanzen und Ressourcen der Terrormiliz verantwortlich gewesen seien, seien ebenfalls getötet worden. Dies führe zu einem massiven Rückgang der Finanzmittel des IS.

Lakomy: "Eine große und einzigartige Chance für den Westen"

Der Forscher schreit, es sei noch zu früh, um zu schlussfolgern, dass der IS “in den digitalen Untergrund gedrängt wurde”. Aber die Ergebnisse seien vielversprechend.

“Diese ersten Risse im Online-Kalifat könnten eine große und einzigartige Chance für den Westen sein”, folgert Lakomy. “Die gegenwärtige Situation ist ein sehr guter Ausgangspunkt, um eine weltweite Gegen-Propaganda-Strategie zu entwickeln, die sich die aktuellen Probleme des IS zu Nutze macht.”

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Dieser Artikel stammt von der HuffPost Canada und von Marie-Theres Rüttiger aus dem Englischen übersetzt.

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