Forscher warnen vor einer Generation "neuer Analphabeten" - und übersehen das eigentliche Problem

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  • Forscher warnen: Wir erziehen eine Generation "neuer Analphabeten"
  • Sie sprechen gar vom Untergang der Lesekultur
  • Doch was ist dran an den apokalyptischen Vorhersagen? Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen

Die Wortwahl klingt bedrohlich. Von “neuen Analphabeten” ist die Rede. Kinder hätten das “tiefgehende Lesen” verlernt, warnen Experten. Sie seien unfähig, sich auf längere Texte zu konzentrieren.

Die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” wirft in ihrer aktuellen Ausgabe einen besorgten Blick in die USA, wo sie einen “Zusammenbruch der Lesekultur auf breiter Front” beobachtet. Etwas, das auch Deutschland droht, so der Tenor des Textes.

Schuld, so heißt es gemeinhin, sei der übermäßige Konsum neuer Medien. Maryanne Wolf, Professorin an der Tufts Universität im US-Bundesstaat Massachussets, etwa prophezeit, das vertiefte Lesen werde unter dem Konkurrenzdruck der elektronischen Geräte bald ganz aussterben.

Doch was ist dran an der Horrorvision? Erziehen wir tatsächlich gerade eine Generation konzentrationsunfähiger, verdummter Leseversager?

Die Menschen lesen nicht weniger Bücher als vor 25 Jahren

Wir wollen der Sache auf den Grund gehen und fragen nach beim Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen in Mainz. Ob man denn tatsächlich von einer Generation der “neuen Analphabeten” sprechen könne, wollen wir von Institutsleiterin Simone Ehmig wissen.

Ihre Antwort darauf kommt sehr schnell und sehr entschieden. Nein, kann man nicht. Das sei völliger Blödsinn.

Sie verweist auf belastbare Zahlen. “Der Anteil der Jugendlichen und Erwachsenen, die gedruckte Bücher lesen, ist in den vergangenen 25 Jahren konstant bei knapp 40 Prozent geblieben”, sagt sie und bezieht sich damit auf eine Erhebung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zwischen 1998 und 2016.

Demnach hat sich der Prozentsatz der deutschen Bevölkerung, die täglich oder mehrmals pro Woche in Büchern lesen, in diesem Zeitraum nicht verändert. Das gilt für alle Altersgruppen.

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Das Interessante daran ist: Neue Medien gehen ganz offensichtlich nicht, so wie es die Analphabetismus-Apokalyptikter behaupten, zulasten der Bücher. Denn: Der rasante Anstieg der Internetnutzung in den vergangenen Jahren hat derselben Erhebung zufolge keinerlei Einfluss darauf, wie viele Bücher die Menschen lesen.

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Zugegeben: In den USA sehen die Zahlen etwas anders aus. Eine Untersuchung der Nationalen Kulturstiftung NEA zeigte im August 2016, dass im Vorjahr nur 43 Prozent aller erwachsenen Amerikaner ein Buch gelesen hatten (Schulbücher und Fachbücher bei der Arbeit ausgenommen).

Veränderte Formen der Konzentration

Das ist der niedrigste Wert seit 1982, damals lag der Anteil noch bei knapp 57 Prozent. Zwar wurde Print- und Onlinelesen dabei berücksichtigt. Allerdings hängt, wie auch die “FAS” in ihrem Beitrag schreibt, viel von der genauen Fragestellung ab und davon, was alles als Literatur gewertet wird.

So viel dazu. Und was ist mit der oft bemängelten Konzentrationsschwäche der jüngeren Generation?

Dass die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern und auch Erwachsenen nachlasse, ließe sich so pauschal nicht sagen, widerspricht Ehmig. “Die Menschen, die mit Smartphones aufwachsen, benötigen und entwickeln andere Formen der Konzentration”, erklärt sie. “Die sind nicht weniger tiefgehend, sondern funktionieren nur auf unterschiedliche Weise, haben andere Funktionen.”

Als Beispiel nennt sie den Vorgang, wenn jemand nach einer bestimmten Information sucht.

“Früher haben sie ein Lexikon aufgeschlagen, dort nach dem Begriff gesucht und dann den entsprechenden Artikel nach relevanten Informationen durchleuchtet. Bei einem interessanten Verweis haben sie den entsprechenden Band aufgeschlagen und das Ganze von vorn begonnen.”

Wir können sowohl schnelle Informationen aufnehmen als auch lange Texte lesen

Dank des Internets gehe das heute viel schneller. “Wir können uns gezielter und zeitsparender orientieren, indem wir beispielsweise bei einem Text Suchbegriffe eingeben und dadurch mit entsprechenden Lesefähigkeiten bei einem Text sehr schnell sehen, ob er für uns relevant ist.”

Die Menschen seien grundsätzlich auch heute in der Lage, sowohl schnelle Informationen aufzunehmen als auch lange, differenzierte Texte zu lesen, erklärt sie.

Und wie steht es mit der These, das Lesen auf dem Papier unterscheide sich grundlegend vom Lesen auf dem Bildschirm, die besonders prominent die schon anfangs erwähnte US-Forscherin Maryanne Wolf vertritt?

Wolf ist Vorreiterin der sogenannten “Deep Reading”-Bewegung an amerikanischen Schulen. In entsprechenden Kursen sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, einen längeren Text zu verstehen und seine These zusammenzufassen.

Für den Leseprozess ist es egal, ob der Text in Printform ist oder nicht

Alles in Printform, denn: Wolf ist der Ansicht, dass die Lektüre auf Papier und die Arbeit am Bildschirm klar getrennt werden müssten.

Eine Ansicht, die zumindest streitbar ist.

Grundsätzlich sei es für den Leseprozess und die Verarbeitung des Gelesenen egal, ob der Text auf Papier oder auf einer anderen Oberfläche geschrieben stehe, sagt etwa Ehmig. Mit anderen Oberflächen meint sie E-Reader wie beispielsweise einen Kindle, aber auch Tablets, auf denen beispielsweise mit E-Reader-Apps Bücher gelesen werden können.

Aber: “Wenn jemand auf dem Tablet oder dem Smartphone liest, ist das Risiko, abgelenkt zu werden, größer als bei reinen Lesemedien”, sagt die Expertin.

“Hier verführen andere Angebote wie WhatsApp- oder Push-Nachrichten dazu, den Lesefluss zu unterbrechen. Man muss sich also viel bewusster auf das Lesen konzentrieren.”

Die Ablenkung ist bei Tablets und Smartphones größer

Dazu passt eine Untersuchung der Firma Chartbeat, die das Leseverhalten auf mehreren Internetseiten analysiert hat. Es zeigte sich, dass ein großer Teil der Nutzer, der auf eine Seite mit einem längeren Artikel klickt, diesen gar nicht anfängt zu lesen. Nur ein geringer Prozentsatz liest längere Texte demnach bis zum Schluss.

Also ja: Die Ablenkung ist da - und auch das Überangebot an anderen Reizen auf elektronischen Geräten wie Smartphones und Tablets.

Sie und ihre Kollegen beobachteten daher auch, dass E-Reader oft ergänzend zu Smartphones genutzt würden, sagt Ehmig - gerade weil auf diesen Geräten die Ablenkungsgefahr weniger hoch ist.

Aber die Expertin betont auch: Wer Spaß am Lesen habe, dem falle es auch leicht, sich auf den Text zu konzentrieren. Womit wir beim Thema Lesemotivation wären - dem eigentlichen Problem, wie Ehmig findet.

Eltern müssen gemeinsam mit ihren Kindern lesen

"Nicht dass Kinder angeblich heute nicht mehr lesen, ist das Problem, sondern dass viele von ihnen in Gefahr sind, zu funktionalen Analphabeten heranzuwachsen, die nicht oder nur sehr begrenzt lesen können und es auch nicht gern und häufig tun."

PISA-Studien und OECD-Berichte zeigten für die Lesekompetenz deutscher Kinder seit Jahren große Defizite auf, heißt es dazu auf der Homepage der Stiftung Lesen.

“14,5 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler verfügen nur über eine (sehr) schwache Lesekompetenz (PISA 2012). Rund 7,5 Millionen Erwachsene sind hierzulande laut LEO-Studie 2011 funktionale Analphabeten und nur jeder Fünfte in Deutschland liest regelmäßig ein Buch.”

Das Problem beginne im Kleinkindalter, erklärt Ehmig: “Viele Eltern lesen ihren Kinder gar nicht oder zu wenig vor.”

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, denen jeden Tag vorgelesen wird

Sie bezieht sich damit auf eine Studie der Stiftung Lesen zum Vorleseverhalten in deutschen Familien aus dem Jahr 2013. Demnach wird in fast jeder dritten Familie mit Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren den Kindern gar nicht oder selten vorgelesen.

Schon 10 Minuten Vorlesen am Tag machen einen Riesenunterschied

Besonders habe sich das in Haushalten aus bildungsfernen Schichten gezeigt, so das Ergebnis der Studie. Väter lesen ihren Kindern zudem deutlich seltener vor als Mütter: Lediglich neun Prozent der Männer lesen ihren Kindern täglich vor, bei den Müttern sind es immerhin 29 Prozent.

“Dabei ist erwiesen, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern von Anfang an regelmäßig vorlesen und Geschichten erzählen”, sagt Ehmig.

Das sehen andere Experten sehr ähnlich. "Viele Eltern wissen gar nicht, dass nur zehn Minuten Lesezeit am Tag einen Riesenunterschied für die Entwicklung des Kindes machen kann”, sagte Charlotte Billington, Projekt-Managerin beim britischen National Literacy Trust vor einiger Zeit der HuffPost UK.

Der National Literacy Trust hat untersucht, dass Kinder, denen zuhause vorgelesen wird, im Vergleich zu anderen bis zu fünfmal besser lesen als für ihr Alter üblich.

Kinder entwickeln sich weit schneller, wenn ihnen vorgelesen wird

Und es hat noch weitere entscheidende Vorteile. “Vorlesen fördert nicht nur die Sprachbildung und den Wortschatz”, sagt Ehmig. “Kinder erlangen dadurch auch Wissen über die Welt und das, was es auch außerhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes gibt. Also die Fähigkeit zu erkennen ‘Ah, das sieht aus wie ein Pferd, aber es hat Streifen, es ist also ein Zebra’.”

Doch das Vorlesen erweitere nicht nur den Horizont eines Kindes, erklärt sie. Es helfe dem Kind auch dabei, andere Lebenskonzepte, Probleme, Rollenmodelle kennenzulernen.

“Kinder lernen zu verstehen, worüber andere Menschen nachdenken, welche Fragen sie sich stellen, wie sie handeln und entscheiden – so lernt das Kind Dinge, die es selbst vielleicht noch nicht erlebt oder bedacht hat.”

Im Vergleich zu Kindern, denen nicht vorgelesen wurde, habe sich außerdem gezeigt, dass sie eine höhere Empathiefähigkeit hatten. “Auch haben Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, häufiger einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn”, sagt die Leseexpertin.

Und: Kinder, denen viel vorgelesen wurde, haben laut der Vorlesestudie der Stiftung Lesen von 2015 bessere Schulnoten - und zwar nicht nur in Deutsch.

Schluss mit dem Gerede über den Untergang der Lesekultur

Wichtig sei deshalb, dass Eltern ihren Kindern Spaß am Lesen vermitteln, rät Ehmig – egal ob im gedruckten Buch oder im E-Book, in Zeitschriften oder Comics. Und das nicht in Konkurrenz zu, sondern im Verbund mit allen Medien, also auch Tablets, Smartphones und Spielekonsolen.

Also: Schluss mit dem Gerede über die “neuen Analphabeten”, den Untergang der Lesekultur und Schluss mit Panikmache von Menschen wie Maryanne Wolf.

Die nämlich sagte der “FAS”: “Man sollte sich klar machen, dass der Mensch nicht zum Lesen geboren ist. Wir müssen uns das Lesen erarbeiten.”

Klingt nicht gerade nach Spaß und Motivation. Doch genau die müssen wir vermitteln. Dann lesen Kinder und Erwachsene ganz von allein. Auch längere Texte. Auch Bücher.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(ame)

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