Perfide Masche: So ködern Chinas Geheimdienste deutsche Bürger - es kann fast jeden treffen

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CHINA SPY
Wie sich der chinesische Geheimdienst über soziale Netzwerke an Deutsche heranmacht | TheaDesign via Getty Images
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  • Der Bundesverfassungsschutz warnt vor Anwerbeversuchen chinesischer Geheimdienste
  • Sie versuchen, über soziale Netzwerke Kontakte zu knüpfen

Frank L. ist ein deutscher Politikwissenschaftler, er arbeitet als Freiberufler für eine politische Stiftung und für Medien. Was er so an Artikeln schreibt, ist im Netz zu finden. Er hat Profile auf Facebook und bei den Karrierenetzwerken Xing und Linkedin. Nichts Spektakuläres.

Über Linkedin bekommt er eine Kontaktanfrage von Jessica Li. Sie arbeite für eine chinesische Headhunting-Agentur, schreibt sie. Sie habe in Deutschland studiert, in ihre Anfrage packt sie ein paar deutsche Worte. Zu mehr reiche es nicht, sie sei ja nur ein Jahr hier gewesen. Aber sie fragt, ob L. nicht einen Lebenslauf an ihre persönliche E-Mail-Adresse schicken möchte. Sie hätte da vielleicht einen Beratervertrag für ihn.

Das klingt gut. In der Branche und noch dazu als Freiberufler wäre so ein Auftrag verdammt praktisch. Frank L. schickt seine Vita und fügt Li als Kontakt hinzu.

Hinter Jessica Li steckt allerdings ein chinesischer Nachrichtendienst.

Die Fälle häufen sich

In letzter Zeit häuften sich Versuche aus China, Deutsche über die sozialen Netzwerke als Informanten zu gewinnen, warnt der Verfassungsschutz. Die Zahl der gemeldeten Fälle allerdings hält die Behörde geheim.

Die Spione tarnen sich mit Fake-Profilen als Mitarbeiter von Thinktanks, als Wissenschaftler und Mitarbeiter von Behörden wie der Stadtverwaltung oder Headhunter.

Besonders beliebt: die internationalen Plattformen Linkedin und Facebook. Die Geschichte von Frank L. hat sich so oder so ähnlich abgespielt, der Verfassungsschutz hat sie der HuffPost zur Verfügung gestellt.

Hinter der Anfrage an Frank L. steckt wahrscheinlich das "Ministerium für Staatssicherheit", das über eine gigantische Größe verfügen soll. Das Nachrichtenmagazin "Focus" schrieb vor einigen Jahren von einer Million hauptamtlichen Mitarbeitern.

Schon vergangenes Jahr warnte der Bundesverfassungsschutz, dass China nicht nur Wirtschaftsspionage betreibe, sondern mit seinem Aufstieg zum Global Player verstärkt den Politikbetrieb ausspähe. Besonders im Fokus waren etwa Chinesisch-Studenten.

Social Engineering - Tausendfach erprobt

Die Masche auf Linkedin nennt sich Social Engineering. Betrüger manipulieren Menschen, nutzen ihre Schwächen aus, etwa indem sie sozialen oder finanziellen Druck aufbauen.

Sie hacken das menschliche Betriebssystem, wie es ein Blogger auf der Seite der Sicherheitsfirma Kaspersky formuliert. Das Ziel: Geld oder Informationen, von Privatpersonen, Firmen, Staaten.

Die Bandbreite des Social Engineering ist riesig und erprobt. Sie gehört zum Handwerkszeug von Kleinkriminellen bis zu staatlichen Spionen. Nur ist es im Zeitalter von Social Media leicht und bequem geworden, Opfer zu finden.

Im Fokus der Chinesen: Alle von Studenten bis Experten

Frank L. jedenfalls soll ein paar Tage später gegen Bezahlung eine Probearbeit liefern, eine politische Bewertung der deutschen Flüchtlingspolitik. Das passt ihm gut, so etwas hat er ohnehin in der Schublade liegen.

Die Chinesen, so der Verfassungsschutz, haben es besonders auf Personen abgesehen, die mit Außen-, Wirtschafts- oder Währungspolitik zu tun haben, mit Gipfeln wie dem G20 in Hamburg, mit der EU, mit Terror, mit chinesischen Minderheiten wie Tibetern oder Uiguren.

Spannende Infos erhoffen sich die Spione von Studenten und Wissenschaftlern über Entwicklungshelfer, Politikberater mit Zugang zu Ministerien und Behörden, Beamten, Diplomaten und Militärs.

Die Treffen: Nett, lukrativ, anonym

Der Kunde der Headhunter-Firma ist von Frank L.'s Aufsatz dann auch so begeistert, dass er Frank L. kennenlernen will, persönlich. Die Organisation und die Kosten für die Reise nach China übernehmen die Auftraggeber. Ach ja, wenn Frank L. seine Ehefrau mitbringen wolle, natürlich gerne.

Frank L. reist alleine, wird von Lis Assistent Allen am Flughafen abgeholt. Die beiden gehen noch zusammen Abendessen, sprechen vor allem über Privates.

Am nächsten Tag trifft Frank L. den Vizepräsidenten und den Manager der Headhunting-Firma. Sie stellen sich nicht mit Namen vor, bieten auch keine Visitenkarten an. Sie loben Frank L.'s Aufsatz überschwänglich. Und fragen, wie die politische Stiftung, für die L. tätig ist, arbeite, welche Kontakte in die Politik bestünden. Sie sprechen stundenlang über deutsche und chinesische Politik. Zum Abschluss gibt's Bares, etwas mehr als 1000 Euro für den Aufsatz und als Anzahlung für weitere Texte.

Vom Kunden, der Frank L. eigentlich kennenlernen wollte, ist keine Rede.

Er wird ihn auch nie kennenlernen, das gehört zum Konzept der Anwerber. Und sollte misstrauisch machen.

Fragen nach Einflussmöglichkeiten auf die Politik

Allen bringt Frank L. zum Flughafen. Nach dem Männerabend fällt der Abschied freundschaftlich aus, Frank bekommt noch die Handynummer von Allen. Ach ja, und Frank möge doch bitte den Linkedin-Kontakt zu Jessica Li löschen. Jetzt kenne man sich ja, da sei so eine unpersönliche Kommunikation nicht mehr nötig.

Und wieder ist eine Spur verwischt.

Dafür entwickelt sich der Kontakt zu Allen umso besser. Immer wieder fliegt Frank nach China zu Fachvorträgen, schreibt bezahlte Texte und Analysen. Bezahlt wird vor Ort in bar.

Allen fragt viel zum beruflichen Umfeld L.'s. Er will wissen, wer starken Einfluss auf politische Entscheidungen in Deutschland hat, fragt auch nach Interna aus der Stiftung. Die seien für den Kunden besonders interessant.

Frank L. schwant, dass etwas faul ist an der Sache.

Verfassungsschutz bittet um Hinweise

Der Verfassungsschutz hat einen E-Mail-Kontakt und eine Telefonnummer für solche Fälle eingerichtet. Wer dubiose Anfragen bekommen oder schon Kontakte geknüpft hat, solle sich melden. Eine Sprecherin betont gegenüber der HuffPost, dass der Verfassungsschutz die Informationen auf Wunsch vertraulich behandelt. Und nicht etwa an die Polizei weitergibt.

Denn die Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten ist strafbar - darauf stehen Geldstrafen oder Haft bis fünf Jahre, in schweren Fällen bis zehn Jahre.

Die Aktivitäten Chinas haben offenbar ein solches Ausmaß angenommen, dass nach Informationen des Magazins "Wirtschaftswoche" mehrere Ministerien ihre Mitarbeiter vom Verfassungsschutz schulen lassen, um solche Spähversuche früh zu erkennen.

Mehr zum Thema: Bestechungs-Skandal: Chinesische Agenten kauften Informationen von hochrangiger US-Diplomatin

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(ll)

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